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10. Juni 2020
von chris
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Aufnahme-Grenzen von Satelliten

Als ich kürzlich das „Green Marble“ Mosaik Version 2 vorgestellt habe, erwähnte ich, dass die Land-Darstellung darin auf MODIS-Daten basiert, während die Wasser-Darstellung auf Grundlage von Sentinel-3-OLCI-Daten produziert ist. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Einer davon ist, dass es derzeit nur recht wenige Erdbeobachtungs-Satelliten gibt, welche die gesamte Oberfläche des Planeten aufnehmen. Ich habe die Aufnahme-Grenzen einzelner Satelliten bereits in der Vergangenheit diskutiert und möchte hier das Ganze einmal etwas systematischer betrachten.

Wie ich schon in der Vergangenheit mehrmals erläutert habe, nehmen die meisten Erdbeobachtungs-Satelliten ihre Bilder aus einer Sonnen-synchronen Umlaufbahn auf, was bedeutet, dass die Bahnebene des Satelliten entgegen der Rotationsrichtung der Erde um den Planeten rotiert und dadurch die Orientierung der Umlaufbahn zur Sonne konstant bleibt. Um das zu erreichen, muss der Satellit eine bestimmte Bahnneigung aufweisen – abhängig von seiner Bahnhöhe. Da die Bahnhöhen von Erdbeobachtungs-Satelliten sich in einem recht schmalem Bereich bewegen, sind auch ihre Bahnneigungen recht ähnlich. Die Bahnneigung definiert auch, wie weit nördlich und südlich der Satellit am nördlichen und südlichen Ende der Umlaufbahn fliegt. Wenn ich die Grenze der Bodenlinien der Satellitenbahnen auf einer Karte aufzeichne, erhalte ich das folgende Bild für die meist verwendeten Erdbeobachtungs-Satelliten, welche offene Daten produzieren.

Südliche Grenzen der Umlaufbahnen von Erdbeobachtungs-Satelliten, welche offene Daten produzieren

Nördliche Grenzen der Umlaufbahnen von Erdbeobachtungs-Satelliten, welche offene Daten produzieren

Die Satelliten mit dem VIIRS-Instrument (Suomi NPP und NOAA-20) weisen mit etwa 834km die größte Bahnhöhe auf und damit liegt dir Grenze der Umlaufbahnen bei der niedrigsten Breite. Die Satelliten mit den niedrigsten Umlaufbahnen sind Landsat und die MODIS-Satelliten (Terra und Aqua) mit einer Bahnhöhe von etwas über 700km.

Die tatsächliche Aufnahme-Grenze der Satelliten bestimmt sich aus der nördlichen und südlichen Grenze der Umlaufbahnen plus der halben Sichtfeld des Satelliten. Dies führt dazu, dass, wie im Folgenden illustriert, die Sentinel-2-Satelliten Bilder etwas weiter nach Norden und Süden aufnehmen als Landsat – trotz der größeren Bahnhöhe der Satelliten. Bei Landsat haben wie aber zusätzlich die Praxis der off-Nadir-Aufnahmen, bei denen der Satellit zur Seite blickt. Die Grenze dieser Aufnahmen, wie sie routinemäßig durchgeführt werden, ist durch eine gepunktete Linie illustriert.

Südliche Grenzen von Umlaufbahnen und Aufnahmen von Sentinel-2 (rot) und Landsat (violett) einschließlich off-Nadir-Aufnahmen (gepunktet)

Nördliche Grenzen von Umlaufbahnen und Aufnahmen von Sentinel-2 (rot) und Landsat (violett) einschließlich off-Nadir-Aufnahmen (gepunktet)

Die Situation wird etwas komplizierter, wenn wir zu den Satelliten mit niedriger Auflösung kommen. Beide Instrumente von Sentinel-3 nehmen ein asymmetrisches Sichtfeld auf und weisen deshalb unterschiedliche Aufnahme-Grenzen im Norden und Süden auf – Im Norden reichen die Aufnahmen bis zum Pol so dass es keine Grenze gibt während im Süden die im folgenden Bild in blau gezeigten Grenzen auftreten. Weiter südlich ist die Grenze von GCOM-C SGLI-Aufnahmen gezeigt – welche im Norden und Süden identisch ist.

Südliche Grenzen von Umlaufbahnen und Aufnahmen von Sentinel-3 (blau) and GCOM-C SGLI (violett) die Überlappungen über den Pol hinaus von MODIS (türkis gestrichelt) and VIIRS (grün gestrichelt)

Nördliche Grenzen von Umlaufbahnen und Aufnahmen von Sentinel-3 (blau) and GCOM-C SGLI (violett) die Überlappungen über den Pol hinaus von MODIS (türkis gestrichelt) and VIIRS (grün gestrichelt)

Keine Aufnahmegrenzen weder im Norden noch im Süden gibt es bei MODIS und VIIRS – beide reichen bis über die Pole. Dies sind folglich die einzigen verfügbaren Datenquellen, welche derzeit regelmäßig eine tatsächlich globale Abdeckung der gesamten Erdoberfläche im sichtbaren Spektrum bieten. Was ich in den Karten mit einer gestrichelten Linie eingezeichnet habe, ist die Grenze der Überlappung über den Pol hinaus – innerhalb dieser Kreise werden deshalb doppelt so viele Aufnahmen aufgenommen wie außerhalb.

Was man im Hinterkopf behalten muss ist, dass die Umlaufbahnen der Satelliten sich wie Eingangs erwähnt sehr stark ähneln und die unterschiedlichen Aufnahme-Grenzen vor allem aus den unterschiedlichen Sichtfeld-Breiten resultieren. Jedoch gilt auch, dass je breiter das Sichtfeld eines Satelliten ist desto stärker nimmt die Auflösung der Bilder in den Randbereichen ab, denn die Erdoberfläche ist dort sehr viel weiter vom Satelliten entfernt als in der Mitte. Folglich ist die Auflösung der Bilder an den Polen selbst dann, wenn der Satellit diese mit aufnimmt, deutlich geringer als bei niedrigeren Breiten, wo für jeden Punkt die besten verfügbaren Bilder immer sehr viel näher an der Bildmitte liegen.

19. Mai 2020
von chris
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Korruption und OpenStreetMap

Ich möchte hier über ein Thema schreiben, welches mich schon seit längerem beschäftigt und welches in letzter Zeit durch eine Reihe von Entwicklungen in OpenStreetMap und insbesondere in der OpenStreetMap Foundation an Dringlichkeit gewonnen hat. Diese Entwicklungen sind insbesondere:

  • Die Großspenden, die die OSMF während der letzten beiden Jahre erhalten hat.
  • Der massive Anstieg in den Einnahmen der OSMF durch Unternehmens-Mitgliedschaften seit 2016.
  • Dem gegenüberstehend die Zunahmen in den Ausgaben der OSMF, insbesondere durch die SotM-Stipendien und das jetzt gestartete Microgrants-Programm.
  • Die massive Ausweitung bezahlter Aktivitäten in OpenStreetMap – sowohl was Mappen betrifft als auch anderweitig.
  • Die zunehmende Präsenz und Aktivität von Mitarbeitern von Unternehmen mit Interessen an OSM in der OSMF – einschließlich Versuche, systematisch Einfluss zu nehmen.

Was ich mit Korruption meine

Einige Leser dürften beim Lesen des Titels schon etwas die Nase gerümpft haben aufgrund der Verwendung des bösen Begriffes Korruption. Ich möchte deshalb zunächst erläutern, was ich damit meine und warum ich der Ansicht bin, dass dies nicht nur ein angemessener Begriff in diesem Zusammenhang ist, sondern es sogar sehr wichtig ist, diesen Begriff in der Diskussion zu verwenden.

Was ich meine, wenn ich von Korruption spreche, ist, wenn Macht, die jemandem im Interesse des Gemeinwohls übertragen wurde, zur Förderung spezieller oder privater Interessen genutzt wird. Wichtig ist dabei, dass Korruption meist nicht generell illegal ist. Es gibt korrupte Handlungen wie Bestechung oder Erpressung, welche recht umfassend verboten sind, zumindest auf Seite des Profiteurs solcher Handlungen, es gibt jedoch auch Handlungen, welche unter die oben genannte Definition fallen, welche aber verbreitet gesellschaftlich akzeptiert und oft sogar als bewundernswert angesehen werden, wie zum Beispiel geschicktes Netzwerken. Darüber hinaus entsteht legale Korruption auch dadurch, dass Regeln in konkreten Zusammenhängen (sei es im Falle der Gesetze eines Landes oder aber im kleineren Rahmen wie im Zusammenhang mit Regeln in OpenStreetMap) bereits so gestaltet sind, dass sie bestimmte spezielle oder private Interessen gegen das Gemeinwohl begünstigen oder indem solche Regeln so gestaltet werden, dass sie Arten von Korruption unterstützen, welche entweder als harmlos oder von denen in Machtposition als nützlich gesehen werden.

Es gibt eine ganze Menge Literatur und Analysen zu praktischer Korruption und zu ihren Auswirkungen und ihrer Dynamik. Recht breit anerkannt sind zum Beispiel die folgenden Zusammenhänge:

  • Das Auftreten von Korruption oder sogar nur die Wahrnehmung davon erzeugen oft weitere Korruption, denn Menschen verlieren dadurch das Vertrauen darin, ohne Korruption Dinge erreichen zu können.
  • Bedingt dadurch ist der Schaden, den Korruption in einer Gemeinschaft anrichtet, oft deutlich größer, als der eigentliche Schaden der korrupten Handlung in Form der Vorteile, die dadurch vom Gemeinwohl weg hin zu speziellen Interessen umgeleitet werden.
  • Korruption ist oft ein doppeltes Wahrnehmungs-Problem – Leute, die an korrupten Aktivitäten beteiligt sind, nehmen sich selbst oft nicht als korrupt wahr und Leute in korrupten Organisationen/Gemeinschaften erkennen oft nicht die Anzeichen korrupter Aktivitäten als solche.
  • In Verbindung dazu: Obwohl es sich bei Korrpution letztendlich um ein moralisches Problem handelt, stehen Leute, die sich mit Korruption in einer Gemeinschaft konfrontiert sehen, oft nicht vor einer Wahl zwischen gut und schlecht, sondern vor einem echten moralischen Dilemma.
  • Geld ist der wichtigste Katalysator für Korruption, ist aber keine zwingende Voraussetzung dafür, das Korruption funktioniert.
  • Korruption ist meist sehr robust gegenüber Versuchen, sie zu bekämpfen – hauptsächlich weil sie sich tief in den Einstellungen und Glaubensvorstellungen der Leute verwurzelt und diese durch Regeln und Sanktionen wie auch durch sich verändernde soziale Normen nur wenig beeinflusst werden.

Unternehmen haben meist ein ambivalentes Verhältnis zu Korruption. Wenn ein Mitarbeiter eines Unternehmens korrupt ist und für externe Interessen statt für die Interessen des Unternehmens arbeitet ist das offensichtlich von Nachteil für das Unternehmen. Korruption außerhalb des Unternehmens selbst jedoch kann von Vorteil für die privaten Interessen des Unternehmens sein und ist folglich potentiell nützlich und gewinnbringend.

Interessenkonflikte und Korruption als Compliance-Problem

Dass der Begriff Korruption weit verbreitet als böses Wort angesehen wird, hat viel damit zu tun, dass unsere Gesellschaften und insbesondere die Geschäftswelt ein ambivalentes Verhältnis zur Korruption hat. Aus diesem Grund hat sich in der englischen Sprache ein Begriff als weniger problematisches Chiffre etabliert, um über Korruption zu sprechen – der conflict of interest – auf deutsch: Interessenkonflikt. Ein Interessenkonflikt ist im Grunde eine Situation, aus der Korruption erwachsen kann. Darüber kann man in harmloser Art und Weise sprechen und so hat sich der Begriff insbesondere im englischsprachigen Bereich als sozial und politisch akzeptabel etabliert, um über Regeln und Prozeduren zum Umgang mit solchen Regeln zu reden, ohne tatsächlich stattfindende Korruption zu identifizieren und sich bewusst zu machen. Die eigentliche Korruption kann damit quasi im Schrank verborgen bleiben, während man auf Prozeduren zum Umgang mit Interessenkonflikten verweisen kann, um zu zeigen, dass man etwas tut oder den rechlichen Erfordernissen entspricht.

  • Da Interessenkonflikte nicht als problematisch an sich aufgefasst werden, beschäftigen sich die Regeln dazu fast immer mit dem Umgang mit und dem Management von Interessenkonflikten und nicht mit der Vermeidung von solchen. Regeln zum Management von Interessenkonflikten jedoch können oft Korruption nicht zuverlässig verhindern, sie verschieben diese häufig nur in weniger sichtbare Kanäle wo sie schwieriger zu identifizieren und zu bekämpfen ist.
  • Die Identifikation von Interessenkonflikten ist fast immer ein Wahrnehmungs-Problem. Wenn man darauf vertraut, dass Leute ihre eigenen Interessenkonflikte identifizieren funktioniert dies meist nicht. Wie ich weiter oben schon erläutert habe, halten sich die meisten korrupten Leute selbst gar nicht für korrupt und haben kein oder nur ein sehr eingeschränktes Bewusstsein über das Problem. Eine externe Aufsicht und Kontrolle kann helfen, kann jedoch selbst auch Ziel und Ort von Korruption sein.

Insgesamt betrachtet kann die Handhabung von Interessenkonflikten nur im begrenzten Umfang mit Korruption helfen und verhindert sie typischerweise nicht zuverlässig. Und wenn Regeln zum Umgang mit Interessenkonflikten nur mit dem Ziel der Compliance implementiert werden (zum Beispiel in Hinblick auf rechtliche Anforderungen) dann kann dies sogar kontraproduktiv sein, denn es kann andere, effektivere Maßnahmen gegen Korruption verhindern.

Korruption in OpenStreetMap und warum dies ein Problem ist

Wenn man also bedenkt, dass Korruption nicht notwendigerweise illegal ist und dass den rechtlichen Anforderungen durch die Implementation von Regeln zu Interessenkonflikten genüge getan werden kann – warum sollte dies dennoch ein Problem für OpenStreetMap darstellen?

OpenStreetMap bietet als Projekt der gleichberechtigten Zusammenarbeit von Individuen im Grunde eine sehr geringe Angriffsfläche für Korruption. Allerdings haben Leute im Projekt trotz der eigentlich egalitären sozialen Struktur unterschiedliche Rollen und solche Rollen bedeuten oft auch, dass Leuten Aufgaben anvertraut werden, die eine Form von Macht und Einfluss mit sich bringen. Das do-ocratische System, auf welches die OSM-Community stolz ist (und welches oft die Grundlage der Zuweisung von Aufgaben mit Macht und Einfluss ist) ist inhärent anfällig für Korruption, denn die Fähigkeit von Leuten, Dinge zu tun – die Grundlage der Do-ocratie – kann oft massiv on äußeren Interessen und Geld beeinflusst werden. Wir sehen dies recht offensichtlich auf der Ebene des Mappings, wo organisierte und bezahlte Aktivitäten in vielen Teilen der Welt einen erheblichen Anteil der gesamten Mapping-Aktivitäten ausmachen. Wir sehen dies jedoch auch zum Beispiel bei Entwicklungs-Arbeiten, wo viele Positionen mit Einfluss von Leuten ausgefüllt werden, die von speziellen Interessen bezahlt werden.

Diese Art von Korruption hat das Potential, die fundamentalen Grundlagen von OpenStreetMap als sozialem Projekt komplett zu unterminieren. Wenn Freiwillige im Projekt sehen, dass sie um etwas im Interesse des Projektes zu erreichen (a) sich hauptsächlich mit Leuten auseinandersetzen müssen, die von äußeren Interessen für ihre Arbeit bezahlt werden und (b) dass die entweder einen harten Kampf gegen spezielle Interessen führen müssen, oder sich selbst und ihre Vorhaben an diesen Interessen ausrichten müssen, um etwas im Interesse des Gemeinwohls zu erreichen, dann kann das massiv demotivierend wirken und wird vor Allem dazu führen, dass qualifizierte Leute mit Interesse am Gemeinwohl sich aus dem Projekt zurückziehen – oder aber sich anpassen und selbst korrupt werden.

Korruption als zentrales Problem der OpenStreetMap Foundation

Im Prinzip deutlich mehr vom Problem der Korruption betroffen als die OSM-Community als Ganzes ist die OpenStreetMap Foundation. Ich habe am Anfang dieses Beitrags bereits verschiedene verschiedene substantielle Änderungen aufgelistet, die in der letzten Zeit als starke Antriebs-Faktoren für Korruption in der OSMF hinzugekommen sind. Was das Problem darüber hinaus noch deutlich verstärkt ist das fast vollständig fehlende Problembewusstsein dafür in der OpenStreetMap Foundation.

Der OSMF-Vorstand hat kürzlich ein neues Regelwerk für den Umgang mit Interessenkonflikten beschlossen, worin explizit klargestellt wird, dass sie Korruption ausschließlich als Compliance-Problem auffassen. Was darin gemacht wird ist im Grunde nur, den Status Quo im Umgang mit Korruptions-Risiken zu kodifizieren (welcher selbst ausschließlich in Bezug auf die Erfüllung rechtlicher Anforderungen fragwürdig ist, welcher aber definitiv unzureichend ist zur tatsächlichen Prävention von Korruption) und zu postulieren, dass dies ausreichend ist, um den Anforderungen britischen Rechts zu genügen. Darüber hinaus gibt es in der OSMF keinerlei allgemeine Maßnahmen zur Korruptions-Prävention. Insbesondere gibt es

  • keine Regeln irgendwelcher Art, was jemanden für irgendeine Position in der OSMF disqualifiziert. Einige der Arbeitsgruppen haben ihre eigenen Regeln zur Mitgliedschaft, welche verhindern sollen, dass Leute mit einem offensichtlich hohen Korruptions-Risiko Mitglied werden. Dies wird jedoch vom OSMF-Vorstand lediglich toleriert und solche Arbeitsgruppen erfahren teils auch Ablehnung und Neid aus dem Rest der OSMF, weil ihnen von der Community mehr Vertrauen entgegen gebracht wird, da sie als Inseln der Integrität wahrgenommen werden.
  • Es gibt außer formellen finanziellen Audits keine unabhängige Aufsicht irgendwelcher Art oder eine detaillierte Transparenz was Geldausgaben der OSMF angeht. Und die finanziellen Audits werden wiederum lediglich als Compliance-Problem angesehen. Dies betrifft sowohl Anschaffungen von IT-Infrastruktur als auch Dinge wie SotM-Stipendien. In letzterem Fall scheint der OSMF-Vorstand das Problem sogar aktiv zu ignorieren, indem er seine Verantwortung für diese Ausgaben zurückweist und eine finanzielle Unabhängigkeit der SotM-Arbeitsgruppe deklariert.
  • Der vorherige Punkt ist sichtbar auch nicht ausschließlich ein Problem alter Strukturen aus einer Zeit, wo die OSMF und OSM beide sehr viel kleiner waren, sondern ein aktuelles Problem, welches entweder aus mangelndem Problembewusstsein oder Unwillen etwas zu ändern herrührt. Dies hat sich durch das kürzlich eingeführte Microgrants-Programm gezeigt. Diese Art der Geld-Verteilung birgt inhärent ein sehr hohes Risiko von Korruption wie sich vermutlich jeder vorstellen kann. Dennoch hat der OSMF-Vorstand in seinem Beschluss zu den Parametern dieses Programms keinerlei Regeln zu Korruptions-Prävention formuliert. Es gibt hier ebenso wie anderswo keine Kriterien, die Leute dafür disqualifizieren würden, eine Rolle darin zu spielen – weder für die Beteiligung im Komitee für die Auswahl der Bewerber (wo die meisten Komittee-Mitglieder formelle Verbindungen zu externen Interessen haben, welche zu Korruption führen kann) noch für Bewerber oder für irgendwelche anderen Aufgaben (Übersetzungen, Aufsicht über Projekte etc.).
  • Es gibt auch sonst in der OSMF über die fundamentalen gesetzlichen Anforderungen des britischen Unternehmens-Rechts hinaus keinerlei Dokumentations-Pflichten zu Entscheidungsfindungs-Prozessen. Der Vorstand berät und verhandelt – auch mit Lobbyisten – über politische Entscheidungen, auch solche von erheblicher wirtschaftlicher und sozialer Tragweite, routinemäßig auf nicht öffentlichen Kommunikationskanälen ohne Aufzeichnung und es existieren keinerlei Regeln, derartige Verhandlungen gegenüber den OSMF-Mitgliedern offen zu legen. Auch dort wo solche Aufzeichnungen vorliegen dürften (zum Beispiel interne Mailinglisten von Vorstand und Arbeitsgruppen) gibt es keine Regeln zu Aufbewahrungs-Fristen und Zugangs-Rechten.
  • Es gibt – und ich habe das in der Vergangenheit schon unzählige Male kritisiert – eine eine tief verwurzelte Kultur der Intransparenz in der OSMF und die Aversion von Leuten in der OSMF gegenüber Tageslicht scheint sogar zuzunehmen. Unglücklicherweise ist dies ein sich selbst verstärkendes Problem. Wenn eine Organisation zunehmend im Geheimen arbeitet dann wird punktuelle Transparenz in einzelnen Dingen zunehmend als belastend wahrgenommen, denn es erfordert von den Beteiligten erhebliche Arbeit bei der Kompartmentierung. Wenn man sich mal nur den OSMF-Vorstand anschaut, kann man zum Beispiel erkennen, dass während der Umfang von Entscheidungen des Vorstands im Vergleich zu früheren Jahren deutlich zugenommen hat der Umfang öffentlicher Beratungen und Diskussionen zu diesen Entscheidungen nicht größer geworden ist. Die meiste öffentliche Kommunikation des Vorstands findet jetzt indirekt und synthetisch statt über Protokolle und andere Formen der Berichterstattung über Aktivitäten statt , die selbst im Verborgenen stattfinden und nicht dadurch, dass die Aktivität selbst transparent ist.

Diese Defizite sind jedoch nicht das eigentliche Problem, das mir in Zusammenhang mit Korruption am meisten Sorge macht und welches mich zu dem Schluss führt, dass Korruption in und durch die OSMF in der Zukunft das Potential zu einer erheblichen destruktiven Kraft in der OSM-Community hat. Was mir wirklich Sorge macht ist, dass die OSMF sich zunehmend von der OSM-Community wegentwickelt, was soziale Normen und Werte angeht. Ich habe bereits das Thema Transparenz erwähnt, wo die OSM-Community in allen Bereichen einen sehr offenen Arbeitsstil gewohnt ist, während in der OSMF eine Kultur der standardmäßig nicht öffentlichen Arbeit vorherrscht. Es gibt jedoch auch andere Felder, wo die OSMF zunehmend Entscheidungen fällt, welche in der Community auf Verwunderung stoßen. Ein sich derart ausweitendes soziale und kulturelles Auseinanderdriften zwischen der Organisation OSMF und der sozialen Gemeinschaft, deren Interessen und Gemeinwohl diese unterstützen soll, nährt die Entwicklung von systemischer Korruption, wo innerhalb der Organisation spezielle Interessen zunehmend als identisch mit den Gemeinwohl-Interessen angenommen werden.

Es gibt eine Reihe sozialer Faktoren, die dazu geeignet sind, systemische Korruption zu fördern und die ich in der OSMF und in gewissem Maß auch in der OSM-Community generell beobachte:

  • Die zunehmende Zahl von Leuten, insbesondere in Positionen von Macht und Einfluss, welche sich in OpenStreetMap als Teil ihrer beruflichen Karriere engagieren – und welche deshalb durch ihre Position viel zu gewinnen oder zu verlieren haben. Dies schafft inhärent Anreize zu Korruption.
  • Die sehr beschränkte Wahrnehmung der Ziele und Werte des Projektes als Ganzes in der täglichen Arbeit und die geringschätzige Einstellung vieler dazu.
  • Die anscheinend sehr kleine Rolle, die ethische Überlegungen in der Entscheidungsfindung in der OSMF ganz generell spielen. Ich bin zum Beispiel recht entsetzt darüber, dass in Diskussionen zu Vielfalt in der OSMF-Community ethische Überlegungen für viele, die sich an der Diskussion beteiligen, völlig fremd zu sein scheinen.
  • Die hartnäckige Zurückweisung und das mangelnde Bewusstsein für die Unfähigkeit der OSMF, die OSM-Community in ihrer kulturellen Vielfalt in ihren Strukturen und Entscheidungsfindungs-Prozessen proportional zu repräsentieren.
  • Das weitgehende Fehlen eine Streit- und Argumentations-Kultur was Entscheidungen in der OSMF angeht und dass Entscheidungen weitgehend als Verhandlungen zwischen Interessen anstatt als Wettbewerb und Auseinandersetzung zwischen Argumenten angesehen werden.

Was kann man tun?

Ich bin mir unsicher, was die beste Strategie ist, diese Probleme zu lösen (mal abgesehen von der nuklearen Option, die OSMF in der Bedeutungslosigkeit zu versenken) und somit wäre ich für Anregungen von Leuten mit praktischer Erfahrung in der Prävention und im Kampf gegen Korruption dankbar, insbesondere, wenn diese Erfahrung sich auf Organisationen in entwickelten Ländern bezieht.

Es gibt jedoch eine Reihe von Vorschlägen, die ich auf jeden Fall für hilfreiche Maßnahmen halten würde:

  • Alle die in der OSMF involviert ist, sollten sich aktiv um so viel Transparenz wie möglich bemühen. Ich würde allen, die irgendwo an nicht öffentlichen Prozessen in der OSMF beteiligt sind – sei es im Vorstand, in Arbeitsgruppen, in Gremien oder anderweitig – nahelegen, das was dort stattfindet zu veröffentlichen und darüber zu berichten über das hinaus, was in offiziellen Verlautbarungen und Protokollen zu lesen ist. Dies gilt insbesondere dann, wenn man Zeichen potentieller Korruption sieht, zum Beispiel Entscheidungen, die gefällt und umgesetzt werden mehr um speziellen Interessen zu dienen als für das Gemeinwohl der OSM-Community. Oder Versuche der nicht öffentlichen Einflussnahme durch spezielle Interessen. Oder das Versäumnis, Risiken der Korruption zu begegnen oder die Existenz von Mechanismen und Entscheidungsfindungs-Prozessen, welche nicht im Interesse der OSM-Community sind. Wer das Gefühl hat, dass es die sozialen Strukturen nicht erlauben, solche Defizite offen anzusprechen, kann sich auch an Leute wenden, zu denen er oder sie Vertrauen hat, um solche Dinge anonym zu veröffentlichen.
  • Wer das Gefühl hat, in einem bestimmten Rahmen nicht mehr mitarbeiten zu können, ohne die eigenen Werte zu verraten, sollte sich aus diesem Bereich zurückziehen. Ich habe in der Vergangenheit immer wieder Leute ermuntert, sich in der OSMF zu engagieren, wo man glaubt produktiv beitragen zu können und möchte dies auch weiterhin tun. Aber ich verstehe auch sehr gut, wenn Leute denken, dass sie das nicht tun können, weil sie dafür ihre Werte verraten müssten. Die Abstimmung mit den Füßen ist dort, wo inakzeptable Strukturen in der OSM-Community existieren, ein legitimes Mittel. Die Bedeutung einer Arbeitsgruppe der OSMF oder einer anderen Struktur in der OSM-Community gründet sich nicht aus ihrer formalen Existenz, sondern daraus, in wie fern sie praktisch für das Gemeinwohl der Community arbeitet.
  • Ein guter Ansatz ist auch die Gründung von Plattformen und die öffentliche Zusammenarbeit bei der Entwicklung von politischen Ideen und Strategien zu OSM außerhalb des Einflusses und der kulturellen Beschränkungen der OSMF.
  • Man sollte auf die Verantwortung und Rechenschaft von Leuten in Positionen mit Macht für Ihre Handlungen bestehen. Es ist richtig und wünschenswert, fragwürdige Entscheidungen und Prozesse zu hinterfragen und man sollte darauf nicht verzichten, weil es einem sozial unangemessen erscheint.
  • Jede/Jeder kann helfen, moralische Kriterien, insbesondere persönliche Integrität, als die wichtigsten Qualifikationen für Leute in Macht-Positionen zu etablieren.

18. Mai 2020
von chris
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40 Jahre seit Ausbruch des Mount St. Helens

Gestern vor 40 Jahren im Jahr 1980 fand der erste größere Vulkanausbruch statt, welcher von Erdbeobachtungs-Satelliten aufgezeichnet wurde. Es gibt auch Bilder von der eigentlichen Eruption – interessanter sind jedoch die Bilder in höherer Auflösung, welche vor und nach dem Ausbruch aufgenommen wurden. Hier ein solches Bild-Paar, aufgenommen von Landsat 2 MSS – mit Farbdarstellung mit einem geschätzten Blau-Kanal (da das MSS-Instrument keinen blauen Spektralkanal aufzeichnet).

Zum Vergleich hier ein aktuelles Bild von 2019:

18. April 2020
von chris
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Vorstellung der „Green Marble“ Version 2

Wie fast jeder andere auch bin ich in den letzten Wochen durch die globale Pandemie und die Maßnahmen zu deren Eindämmung damit sowohl privat als auch beruflich stark eingeschränkt worden. Ich habe einen Teil der Zeit genutzt um ein Projekt abzuschließen, an welchem ich die letzten Monate nebenbei gearbeitet habe. Die Ergebnisse davon möchte ich hier vorstellen.

Das Projekt ist eine Aktualisierung des erfolgreichsten Produktes in meinem Portfolio – dem globalen Satellitenbild-Mosaik „Green Marble“. 2014 vorgestellt war dies – und ist es auch nach wie vor – die qualitativ beste Lösung auf dem Markt für eine korrekte Darstellung der gesamten Erdoberfläche in sichtbaren Farben. Aber obwohl dies nach wie vor gilt, ist die Datenbasis des Bildes mittlerweile schon etwas älter und es gibt an dem alten Bild auch einige qualitative Defizite, deren Verbesserung ich schon länger im Auge habe.

Im Folgenden werde ich die verschiedenen Verbesserungen näher erläutern.

Neu entwickelte Verarbeitung für die Polarregionen

Darstellung der Arktis in der „Green Marble“ 2

Die bis jetzt unübertroffene Qualität des „Green Marble“-Mosaik Version 1 war größtenteils das Resultat einer innovativen Technik, den Verarbeitungsprozess zielgerichtet an die verschiedenen Klimazonen und die verschiedenen saisonalen Entwicklungen in unterschiedlichen Teilen des Planeten anzupassen. Der grundlegende Prozess war jedoch für den gesamten Planeten der selbe. Dieser Ansatz hatte seine Grenzen, insbesondere in der Antarktis (aufgrund des sehr anderen Klimas dort wie auch der Unterschiede in der Vorverarbeitung beim Daten-Lieferanten) und in einigen Regionen hoher Breite auf der nördlichen Hemisphere. Für die neue Version des Bildes habe ich deshalb einen neuen Prozess für die Bild-Zusammenstellung entwickelt, welcher bei hohen Breiten sowohl im Norden wie im Süden geringeres Rauschen und eine bessere Differenzierung von Farben ermöglicht. Quelldaten hierfür sind wie für die niedrigen Breiten MODIS Oberflächen-Reflexions-Daten, wodurch eine nahtlose Integration mit dem Rest des Bildes möglich ist.




Quasi als Nebenprodukt bietet dieser Prozess (mit einigen Einschränkungen in der Qualität auf der Nordhemisphere) die Möglichkeit der Produktion verschiedener Bilder mit unterschiedlicher Schattierung aus Daten getrennt für die Terra- und Aqua-Satelliten (mit entsprechend Morgen- und Nachmittags-Beleuchtung) zusätzlich zum normalen, teilweise schattierungs-kompensiertem Bild. Hier Beispiele dieser verschiedenen Varianten aus der Antarktis:

Transantarktisches Gebirge mit der normalen, teilweise schattierungs-kompensierten Darstellung


Transantarktisches Gebirge mit Morgen-Beleuchtung


Transantarktisches Gebirge mit Nachmittags-Beleuchtung

Wasser-Darstellung auf Grundlage von Sentinel-3-Daten

Die zweite große Änderung ist die Wasser-Darstellung, welche jetzt auf Grundlage von Sentinel-3-OLCI-Wasserreflexions-Daten produziert wird. Dies bedeutet, dass die Meere jetzt in etwa der selben Auflösung wiedergegeben sind, wie die Landflächen, während in Version 1 nur die küstennahen Meeresflächen in hoher Auflösung verfügbar waren, während der offene Ozean nur in einer geringeren Auflösung gezeigt wurde. Ganz generell hat diese Änderung eine deutlich homogenere Meeres-Darstellung ermöglicht. Die Verwendung von MODIS-Land-Reflexions-Daten für die Darstellung der Gewässer war schon immer nicht ganz ideal.


Ein paar Worte zur Auflösung in diesem Zusammenhang – einige mögen sich vielleicht fragen, ob der Auflösungs-Unterschied von 300m gegenüber 250m bei Sentinel-3 OLCI im Vergleich zu MODIS einen Unterschied macht – das tut es nicht. MODIS bietet die 250m Auflösung sowieso nur im roten Kanal und Wasser reflektiert vor allem im blauen Bereich. Die gesamte Datenverarbeitung ist auf einem 250m-Gitter durchgeführt worden und im Ergebnis lässt sich kaum sagen, was besser ist. Was aber sicher ist, dass das Endergebnis durch die breitere Datenbasis weniger Rauschen und eine bessere Darstellung der Details liefert.

Das Great Barrier Reef


Die westafrikanische Küste


Die Bahama Banks


Das Karibische Meer

Genauere Farben

Bei den Landflächen haben Änderungen in der Daten-Vorverarbeitung beim Lieferanten und Verbesserungen im Zusammenstellungs-Prozess eine genauere und konsistentere Farbdarstellung ermöglicht, insbesondere in Vegetations-freien und wenig bewachsenen Gebieten. Dies ist die dritte größere Änderung.




Breitere Daten-Basis

Und schließlich als vierte größere Verbesserung habe ich die Datengrundlage für die Produktion deutlich verbreitert. Dies bedeutet, dass global der Zeitraum der priorisierten Daten von drei auf vier Jahre verlängert wurde und daneben der Bereich in den Tropen, in denen die Datenbasis zusätzlich noch weiter gefasst wurde, vergrößert ist. Dies führt zu einem geringerem Rauschen im Bild, insbesondere in Gegenden häufiger Wolken-Bedeckung. Insgesamt wurden mehr als 60 TB MODIS-Daten und mehr als 50 TB Sentinel-3-Daten für die Produktion des Bildes verarbeitet.

Das nördliche Südamerika

Und natürlich ergibt sich durch die aktualisierte Datenbasis auch, dass jüngere Änderungen im Erscheinungsbild der Erdoberfläche sichtbar werden.






Optimierte Tonwert-Kurven

Eines der Probleme bei der praktischen Verwendung des „Green Marble“-Bildes Version 1 war der große Kontrastumfang bei den Reflexionswerten über verschiedene Teilen der Erdoberfläche hinweg – vom dunklen Grün der Wälder und dem Dunkelblau der Ozeane bis zum sehr hellen Schnee und Eis der Polarregionen – und die Schwierigkeit, dies auf dem Bildschirm gleichzeitig darzustellen. Wenngleich die „Green Marble“ 1 auch in linearen Reflexionswerten verfügbar war und damit in der Darstellung an bestimmte lokale Begebenheiten angepasst werden kann, war das globale Mosaik in der Standard-Darstellung in der Antarktis im Grunde überbelichtet.

Um die gute Qualität der Antarktis-Daten im neuen Bild angemessen wiederzugeben, hab ich mich entschlossen, standardmäßig die Tonwertkurve in der Antarktis lokal anzupassen. Dies bedeutet eine gewisse Abkehr von der global einheitlichen Darstellung, weshalb man natürlich auch die vorherige, global einheitliche Darstellung bekommen kann.

Antarktis mit lokal angepasster Belichtung


Antarktis mit global einheitlicher Belichtung

Weitere Beispiele

Hier ein paar weitere Beispiele aus verschiedenen Teilen der Welt.

Südliches Alaska


Die Torres-Straße


Das Ganges-Delta und der östliche Himalaya


Der Lambert-Gletscher


Europa mit Relief-Schattierung

Eine interaktive Karte in Mercator-Projektion zum weiteren Stöbern findet sich auf maps.imagico.de.

Man findet die aktualisierten Spezifikationen auf der Seite des „Green Marble“-Mosaiks auf services.imagico.de. bestehende Kunden einer Lizenz für die „Green Marble“ 1 können das neue Bild zu einem reduzierten Preis bekommen. Wer interessiert ist, die „Green Marble“ in eigenen Anwendungen zu nutzen, kann mich gerne über das Formular dort oder via eMail kontaktieren.

14. Februar 2020
von chris
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Die Reise eines Eisbergs

Vor zweieinhalb Jahren habe ich Bilder von der Entstehung eines großen Eisberges an der Ostküste der antarktischen Halbinsel gezeigt, welcher mehr als hundert Kilometer lang ist. Dieser Eisberg hat sich seit dem langsam von seiner ursprünglichen Position un nördliche Richtung weg bewegt, der allgemeinen Richtung der Eisbewegung im Weddell-Meer folgend und ist jetzt dabei, den Bereich des ganzjährigen Treibeises zu verlassen und in den offenen Ozean zu schwimmen. Vor ein paar Tagen wurden bei gutem Wetter die folgenden Ansichten von Satelliten aufgenommen, welche diese recht eindrucksvolle Situation zeigen.

Zunächst eine großräumige Ansicht auf Grundlage von Sentinel-3A-Daten, welche die enorme Größe des Eisberges zeigt, welche die kleineren Inseln um die antarktische Halbinsel herum in den Schatten stellt.

Eisberg A-68 im Februar 2020

Das zweite Bild ist detaillierter und wurde von Sentinel-2B aufgenommen und bietet einen guten Eindruck der Details des Eisberges selbst.

Eisberg A-68 Nahansicht

Wenngleich dies auf der Oberfläche des Eisberges in seiner Gesamtheit – welche von eine dicken Schneeschicht bedeckt ist – noch nicht zu sehen ist, schmilzt das Eis auf dem Weg nach Norden jetzt im Sommer sowohl von der Unterseite als auch von der Oberseite des Eisberges recht stark. Man kann dies an einem kleinen Bereich von Meereis erkennen, welcher am südöstlichen Ende am Eisberg hängt – wie auf dem folgenden Ausschnitt zu sehen.

Eisberg A-68 Detail

Obwohl das Eis schnell schmilzt und sich dieser Prozess weiter beschleunigen wird, wenn der Eisberg weiter nach Norden driftet, kann es viele Jahre dauern, bis der Eisberg sich vollständig aufgelöst hat. Wenn das Eis dünner wird, wird es vermutlich irgendwann in mehrere kleinere Teile zerbrechen, welche recht weit nach Norden gelangen können – ich habe 2017 zum Beispiel ein ziemlich großes Stück eines solchen Eisberges nördlich von Südgeorgien bei 54 Grad Breite gezeigt. Der hier diskutierte Eisberg wird sich vermutlich in eine ähnliche Richtung bewegen.

18. Januar 2020
von chris
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Risiken und Widerstandsfähigkeit gegen solche im OpenStreetMap-Projekt

Es findet derzeit gerade eine Ideen-Sammlung im OpenStreetMap-Wiki statt in Form einer SWOT-Analyse, initiiert von Allan Mustard, neugewähltem Vorstandsmitglied der OpenStreetMap-Foundation. Herausgekommen ist bereits eine interessante und weiter wachsende Sammlung von Ansichten, Ideen, Wünschen und auch Beschwerden über das Projekt aus verschiedenen Perspektiven und ich empfehle jedem, sich das durchzulesen und ggf. auch eigene Ideen beizutragen.

Die gewählte Form, die SWOT-Analyse, ist ein für verschiedene Zwecke im Management von Unternehmen verbreitetes und beliebtes Instrument. Ich halte von den meisten dieser Anwendungen nicht viel, insbesondere wenn man sie im nicht unternehmerischen Bereich anwendet. Als Grundlage einer ersten Ideensammlung ist dies jedoch völlig in Ordnung. Man muss aber sehr aufpassen, wie man diese Ideen dann analysiert und interpretiert, denn es ist sehr einfach, dabei eigene Präferenzen und Wünsche hineinzulesen.

Was ich hier machen möchte ist, diesen Ansatz dazu zu verwenden, einen Blick auf das OpenStreetMap-Projekt zu werfen in Bezug auf die Risiken, die ihm gegenüber stehen und wie widerstandsfähig das Projekt gegenüber Bedrohungen ist, denen es sich in Zukunft möglicherweise gegenüber sieht. Die OSMF hat es in der Vergangenheit weitgehend versäumt, einen systematischen Blick auf dieses Thema zu werfen und es ist wirklich Zeit, dass sich dies ändert. Ich bin mir natürlich nicht sicher, ob es tatsächlich vom OSMF-Vorstand geplant ist, so etwas auf dieser Ideensammlung aufzubauen oder ob da eher klassische Ideen der unternehmerischen Optimierung drauf aufbauen sollen – das wird man sehen müssen.

Ich bin natürlich hierbei auch geprägt durch meine persönliche Sichtweise auf die Dinge, werde aber versuchen, auch zu erklären, warum ich die Dinge so sehe, wie ich das tue und viele der im Folgenden dargelegten Zusammenhänge habe ich auch bereits früher detaillierter erläutert und dazu argumentiert.

Die Subjektivität bei der Einordnung in negativ und positiv

Was SWOT macht ist, ein Projekt oder ein Unternehmen in Bezug auf dessen Chancen und Risiken zu analysieren und zwar in vier Kategorien über zwei Dimensionen, nämlich innere Faktoren (strengths and weaknesses) und äußere Faktoren (opportunities and threats) bzw. positive Faktoren (strengths and opportunities) und negative Faktoren (weaknesses and threats). Der häufigste Fehler, der dabei gemacht wird, ist es, innere und äußere Faktoren zu vermischen. Das schwierigere Problem ist jedoch die Unterscheidung zwischen positiven und negativen Faktoren. Diese Unterscheidung hängt maßgeblich vom Standpunkt des Betrachters und von den angenommenen Zielen ab. Ich möchte dafür zwei Beispiel geben.

  • Falls vor 15 Jahren, als OpenStreetMap gerade begann, irgendein Manager eine SWOT-Analyse vom Projekt gemacht hätte, hätte man vermutlich das Fehlen von Leuten mit formeller Qualifikation oder Training im Bereich Kartographie oder Geodaten-Verarbeitung als eine der großen Schwächen identifiziert. Später hat sich jedoch herausgestellt, dass dies eine der großen Stärken war, denn es hat verhindert, dass OpenStreetMap all die veralteten und nicht nachhaltigen Prinzipien der Welt der professionellen Kartographie zu der damaligen Zeit übernimmt und es hat OpenStreetMap erlaubt, schnell eine große Zahl an freiwilligen Mappern mit fundiertem lokalen Wissen zu rekrutieren.
  • Wie ich vielfach schon dargelegt habe, halte ich das Prinzip der Überprüfbarkeit bei OpenStreetMap für eine der grundlegenden Regeln und Werte des Projektes, welches die gleichbereichtigte Zusammenarbeit im Projekt über kulturelle Grenzen hinweg ohne einseitige kulturelle Dominanz ermöglicht. Gleichzeitig betrachte ich die Tatsache, dass die OSM-Datenbank eine ganze Menge nicht überprüfbare Daten beinhaltet, als eine erhebliche Schwäche. Viele Datennutzer jedoch, welche in ihren Karten Bedarf an nicht überprüfbaren Daten haben, wie zum Beispiel Gebietsansprüchen von Staaten, hätten es gerne, wenn OpenStreetMap mehr solche nicht überprüfbaren Daten mit einbeziehen würde und betrachten deshalb ihr Fehlen als eine Schwäche.

Lange Geschichte kurzer Sinn – was jemand auf der positiv- und auf der negativ-Seite einer SWOT-Analyse auflistet, ist recht subjektiv und hängt sowohl von der Tiefe des Verständnisses für das Projekt und sein Umfeld bei der Person, welche die Analyse durchführt, ab, als auch von den Zielen, für welche die Analyse durchgeführt wird.

Zum Zwecke dieses Beitrags werde ich als das Ziel des OpenStreetMap-Projektes die Sammlung von überprüfbarem lokalem geographischem Wissen durch gleichberechtigte und selbstbestimmte Zusammenarbeit von Individuen in einer global einheitlichen offenen Datenbank annehmen.

Innere und äußere Faktoren

Obwohl die korrekte Identifikation innerer und äußerer Faktoren am Ende nicht so schwierig sein sollte, versagt eine solche binäre Klassifikation bei OpenStreetMap, da sie nicht die Komplexität der Situation berücksichtigt, insbesondere wenn man die Dinge aus der Perspektive der OpenStreetMap Foundation betrachtet.

Außenstehenden fällt es oft schwer, diese Zusammenhänge zu erkennen, denn sie nehmen in Analogie zu anderen Projekten OpenStreetMap oft als eine eigene Organisation wahr. Das ist jedoch nicht richtig. OpenStreetMap ist ein recht lose zusammenhängendes soziales Projekt, in dem Leute mit dem Ziel zusammenarbeiten, gemeinsam die Welt zu kartieren auf Grundlage von lokalem Wissen und das Ergebnis in einer offenen Datenbank zu speichern und zu pflegen. Die OpenStreetMap Foundation ist eine Organisation, welche gegründet wurde, um dieses soziale Projekt durch Infrastruktur und andere Mittel zu unterstützen. Die OSMF hat jedoch kein Mandat, das Projekt zu führen oder zu kontrollieren.

Aufgrund dieser Struktur würde ein Blick auf OpenStreetMap mittels SWOT es im Grunde erfordern, OpenStreetMap und die OSMF in eine einheitliche, hypothetische virtuelle Organisation zusammenzufassen und deren Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken zu analysieren. Dies würde jedoch ein unvollständiges und verzerrtes Bild ergeben, denn diese Entität aus OpenStreetMap und der OSMF zusammen existiert ja im Grunde gar nicht. Deshalb möchte ich hier den Blick auf das System aus dem sozialen Projekt OpenStreetmap und der OSMF etwas umfassender gestalten.

Dafür werde ich zunächst getrennt eine Blick auf die Stärken und Schwächen von OpenStreetMap und der OSMF werfen. Im folgenden gezeigt ist, was ich zusammengefasst als deren Stärken und Schwächen identifiziert habe, und zwar auf Grundlage des oben formulierten Ziels und natürlich aus meiner persönlichen Perspektive. Dies soll kein Ersatz sein für die umfassendere Ideensammlung im Wiki, die ich oben verlinkt habe, sondern wie dargelegt explizit die Unterschiede zwischen OpenStreetMap als sozialem Projekt und der OSMF herausarbeiten.

Stärken von OpenStreetMap

  • Das Projekt ist erfolgreich darin, im Sinne seiner Ziele Menschen über Kultur- und Sprachgrenzen hinweg die Zusammenarbeit zu ermöglichen und man kann davon ausgehen, dass dies auch in einem sich verändernden technischen und wirtschaftlichen Umfeld in der Zukunft weiter funktionieren kann. OpenStreetMap ist in dieser Hinsicht einzigartig, kein anderes Projekt versucht derzeit in einer vergleichbaren Art und Weise, Menschen aus verschiedenen Kulturen in völlig gleichberechtigter Arbeitsweise die Zusammenarbeit für ein gemeinsames Ziel zu ermöglichen.
  • Die Organisation des Projektes ist sowohl in sozialer als auch in technischer Hinsicht recht stark verteilt und dezentral und benötigt nur sehr wenig zentrale Infrastruktur und Management.
  • Das Projekt verwendet ein flexibles und generisches Datenmodell, welches angepasst werden kann, um verschiedenste geographische Elemente in unterschiedlicher Form abzubilden.
  • Die Datenbasis des Projektes ist sowohl in der räumlichen Breite als auch in der Tiefe im Detail in vielen Gegenden von hohem Interesse recht gut und in vielen Aspekten konkurrenzfähig mit alternativen Datenquellen.
  • Die Offenheit zur Bearbeitung durch jeden erlaubt es OSM, sich verändernde geographische Gegebenheiten schnell abzubilden und eine sehr stark diversifizierte Sammlung von Informationen zu produzieren.
  • Es gibt eine recht großes Umfeld von Software- und Karten-Entwicklung um das Projekt herum.
  • Werkzeuge für Mapper sind größtenteils in einem breiten Spektrum von Sprachen verfügbar, was es einer großen Zahl von Leuten erlaubt, mir geringen sprachlichen Barrieren am Projekt beteiligt zu sein.
  • Es gibt in vielen Teilen der Welt aktive lokale Mapper-Gemeinschaften.
  • Die OSM-Community hat eine recht gut funktionierende Kultur der internationalen Kommunikation zwischen Mappern entwickelt und etabliert, welche meist in der Lage ist, Konflikte nach dem Prinzip der Hoheit der lokalen Gemeinschaft über ihre Region und der Überprüfbarkeit vor Ort zu lösen.
  • Die Lizenz der Daten hat bis jetzt weitgehend erfolgreich die Entstehung nicht offener abgeleitete Datensätze verhindert und stellt eine Quellennennung sicher (oder legt sie zumindest nahe).

Schwächen von OpenStreetMap

  • Die Zahl der aktiven Community-Mitglieder, die sich stark mit den Zielen des Projektes identifizieren und die sich am Diskurs in der Community beteiligen, ist recht klein, während eine große Zahl von Leuten OpenStreetMap als eine Plattform für ihre individuellen Interessen nutzen ohne sich mit den Zielen und Werten des Projektes zu identifizieren.
  • Ein recht großes Volumen von Daten wird in OpenStreetMap hinzugefügt, ohne dass es ein nachhaltiges, organisches Wachstum einer lokalen Community mit Verantwortung für die Pflege der Daten in ihrem Gebiet gibt.
  • Die Entwickungen im und um das Proket herum auf der Daten-Nutzer-Seite (insbesondere bei Karten) sind oft recht selbstbezogen und interessieren sich oft wenig für Entwickungen in anderen Teilen der Welt der Geodaten-Verarbeitung/Kartographie und sind deshalb oft intellektuell/technologisch nicht mehr führend. Es mangelt an Austausch mit Forschung und Entwicklung zu Geodaten und Kartographie außerhalb des OSM-Kontexts.
  • Tagging-Konzepte und Konventionen in OpenStreetMap entwickeln und verändern sich nur sehr träge und dieser Trend verstärkt sich zunehmend mit weiterem Wachstum des Projektes. Diese Trägkeit transportiert oft auch ein erhebliches Element kultureller und geographischer Einseitigkeit, welche die Daten-Erfassung in den Teilen der Welt erschweren, welche sich erheblich von den Regionen, wo das Projekt entstanden ist (Großbritannien und Mitteleuropa) unterscheiden.
  • In der OSM-Community fehlt derzeit ein ausreichend breites Spektrum von Karten-Design-Projekten, um die geographische Vielfalt, die das Projekt abdeckt, angemessen zu repräsentieren.
  • Es fehlt derzeit die Fähigkeit, organisierte, nicht individuelle Aktivitäten im Projekt effektiv zu regulieren.
  • Es wird derzeit ein erheblicher Anteil von Daten in der OSM-Datenbank gepflegt, welche nicht mit dem Prinzip der Überprüfbarkeit übereinstimmen und welche unter der Paradigma des Projektes nicht gepflegt werden können, was oft zu Konflikten führt.
  • Unsere Fähigkeit, lokale Mapper zu rekrutieren und zu motivieren variiert sehr stark zwischen verschiedenen Teilen der Welt und zwischen verschiedenen sozialen Gruppen.
  • Die Kommunikationskultur zwischen verschiedenen lokalen Gemeinschaften in OSM über Sprachgrenzen hinweg müsste dringend verbessert werden.
  • Technisch weist das OSM-Datenmodell einige erhebliche Schwächen auf, welche zu Skalierungs-Problemen mit dem Wachstum des Umfangs der Daten führen.
  • Es fällt dem Projekt schwer, umfangreichere technische Änderungen und Innovationen einzuführen aufgrund des Fehlens kompetenter Freiwilliger und einer gleichzeitigen Zunahme der Komplexität des technischen Umfelds.

Stärken der OSMF

  • Die OSMF hat erfolgreich eine erhebliche Zahl von kompetenten Freiwilligen für die zentralen Felder der Unterstützung von OpenStreetMap rekruitiert.
  • Die OSMF befindet sich in einer komfortablen und stabilen finanziellen Situation und muss sich derzeit um die Finanzierung ihrer Ausgaben keine Sorgen manchen.
  • Die technische Kern-Infrastruktur, die die OSMF dem Projet zur verfügung stellt, läuft seit langem trotz stetig steigender Anforderungen ohne große Probleme.
  • Die grundlegenden administrativen Funktionen der Organisation laufen recht glatt.

Schwächen der OSMF

  • Die Mitgliederstruktur der OSMF ist recht weit von einer proportionalen Abbildung der aktiven OSM-Community entfernt und dies verbessert sich nicht nennenswert.
  • Es gibt innerhalb der OSMF eine recht massive Dominanz der englischen Sprache und keine Kultur der Kommunikation in anderen Sprachen.
  • Die OSMF hängt derzeit langfristig finanziell von den Zuwendungen von Unternehmen ab (wenngleich das Vermögen einen komfortablen Puffer bietet, dies ohne akute Finanznöte zu ändern).
  • Das recht große Barvermögen der OSMF stellt einen großen Anreiz dar, dass sich die OSMF von der OSM-Community loslöst und sich von der Arbeit von Freiwilligen aus der Community unabhängig macht.
  • Der OSMF-Vorstand hat in der Vergangenheit oft eine geringen Fähigkeit gezeigt, konstruktive Entscheidungen zu fällen und zu implementieren.
  • Die meisten Arbeitsgruppen haben eine sehr geringe Rekruitierungs-Rate von neuen Freiwilligen und die OSMF hat ganz allgemein Schwierigkeiten, neue Freiwillige anzuziehen.
  • Es gibt in der OSMF sowohl im Vorstand als auch in den Arbeitsgruppen eine recht stark verwurzelte Arbeitskultur und Tradition, welche nicht auf der derzeitigen Arbeitskultur in der OSM-Community basiert, sondern in der eigenen Geschichte der OSMF.
  • Da die OSMF für alle als zahlende Mitglieder oder als Freiwillige in den Arbeitsgruppen offen steht, besteht eine erhebliche Möglichkeit für Einflüsse von außen, ohne dass ausgewählt werden kann, wessen Mitgliedschaft und Beiträge tatsächlich dem Projekt und seinen Zielen dienen.
  • Die OSMF verfügt nur über einen recht unvollständigen Satz interner Regeln und Richtlinien, insbesondere zur Rekruitierung von Freiwilligen, zur Handhabung von Interessenkonflikten, zu Transparenz und zur Dokumentation von Prozessen. Die Regeln, welche existieren (wie FOSS policy und board rules of order) werden oft nicht konsistent angewandt.

Diese Listen sind natürlich nicht nur subjektiv, sie sind auch sicherlich unvollständig. Dennoch denke ich, dass sie einen guten Überblick über einige der wichtigen Punkte bieten. Man beachte natürlich, dass sich diese auf die eingangs formulierten Ziele des Projektes beziehen. Jemand, der als Ziel von OpenStreetMap gerne schlicht und einfach die Sammlung nützlicher Geodaten sehen würde, wie es viele größere OSM-Datennutzer tun, wird diese Dinge deutlich anders sehen und würde zum Beispiel in der verteilten und dezentralen Struktur des Projektes eher eine Schwäche erkennen.

Chancen und Risiken

Die Stärken und Schwächen sind bedeutend, wenn man die Widerstandsfähigkeit des Projektes gegen Bedrohungen beurteilen möchte und ich werde später darauf zurück kommen. Aber um eine Idee von den Risiken, die dem Projekt möglicherweise drohen könnten, zu bekommen ist der Teil der Chancen und Risiken erst einmal wichtiger. Und hier muss ich ein Bild malen, um die Beziehungen zwischen dem OpenStreetMap-Projekt, der OSMF und ihrem Umfeld vernünftig darzustellen.

Chancen und Risiken für OpenStreetMap und die OSMF

Die Chancen sind hier in grün, die Risiken in rot dargestellt. Um das Schaubild nicht mit Text zu überfrachten, habe ich den recht kurz gehalten und werde ein paar Details dazu hier detaillierter erläutern.

Der größte Pfeil im Schaubild stellt die Chancen dar, die die Menschen der Welt für das OpenStreetMap-Projekt darstellen – das Potential für neue Mitwirkende von überall auf der Welt, ihr lokales Wissen und ihre Kompetenzen und Fähigkeiten sowie ihr Interesse an den Daten. Diese sind die Kern-Ressource und die Soziale Basis von OpenStreetMap.

Die größte Bedrohung für das Projekt – und ich mag hier die Bedeutung etwas übertreiben um einen Punkt zu machen – hab ich als von der OSMF kommend identifiziert. Viele werden vielleicht spontan annehmen, dass dies daher rührt, dass die OSMF die zentrale OSM-Datenbank verwaltet und dass OpenStreetMap ohne diese nicht mehr existieren würde. Das ist jedoch nur Punkt drei auf meiner Liste der Risiken. Die zentrale OSM-Datenbank ließe sich recht einfach anderswo duplizieren, sollte die OSMF aus irgendeinem Grund kompromittiert werden. Die zwei Dinge, über die die OSMF derzeit exklusive Kontrolle hat und die essentiell für OpenStreetMap sind, sind die Benutzer-Konten der Mapper und die Rechte an den OSM-Daten, die der OSMF über die contributor terms übertragen wurden. Das bedeutet, dass – sollte das OpenStreetMap-Projekt derzeit aus irgendeinem Grund vor die Notwendigkeit gestellt werden, ohne die OSMF weiter zu arbeiten, man neu mit den Benutzer-Konten anfangen müsste. Und wir wären nicht mehr in der Lage, in der Zukunft die Lizenz zu ändern, denn die Rechte an den Daten und damit das Recht, potentiell durch Abstimmung unter den aktiven Mappern diese Lizenz zu ändern, liegt bei der OSMF. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies tatsächlich passiert, ist möglicherweise recht gering, der potentielle Schaden jedoch extrem. Deshalb die hohe Einschätzung dieser Bedrohung.

Die größte Bedrohung für die OSMF und indirekt der wahrscheinlichste Grund für das Szenario, dass die OSMF für das OpenStreetMap-Projekt verloren gehen könnte, ist der Einfluss von Organisationen und Unternehmen auf die OSMF. Dieses Risiko, dem die OSMF ausgesetzt ist, ist in der letzten Zeit schon recht oft diskutiert worden im Zusammenhang mit verschiedenen Versuchen von Unternehmen auf verschiedenen Ebenen, Kontrolle über die OSMF zu erlangen.

Im Vergleich zu OpenStreetMap selbst stellt die OSMF ein vielversprechenderes Ziel der Einflussnahme durch Unternehmen dar, denn OpenStreetMap bietet durch seine dezentrale Natur nur eine recht kleine und schwer zu fassende Angriffsfläche für solche Versuche. Generell ist es für Unternehmen schwierig, in irgendeiner Art und Weise mit einem Projekt ohne zentrale Strukturen zu interagieren – was sowohl ein Nachteil ist für konstruktive und positive interaktionen als auch einVorteil, wenn es um bösartige Aktionen geht.

Schlussfolgerungen

Was lässt sich also an Handlungs-Empfehlungen in Bezug auf Risiken für das OpenStreetMap-Projekt ableiten und wie kann die OSMF helfen, die Risiken zu minimieren und die Widerstandsfähigkeit von OpenStreetMap zu erhöhen? Aus meiner Perspektive sind das vor allem die folgenden Punkte:

  • Das OpenStreetMap-Projekt vor den Risiken schützen, falls die OSMF aus irgendeinem Grund – wie zum Beispiel dadurch, dass bestimmte Interessenträger die Kontrolle über die Organisation erlangen – nicht mehr in der Lage ist, seine Funktion zur Unterstützung des Projektes und seiner Werte wahrzunehmen. Dies besteht im wesentlichen darin, die exklusive Kontrolle über bestimmte Schlüssel-Funktionen abzugeben, die die OSMF derzeit hat. Hierfür wären verschiedene Ansätze denkbar.
  • Die OSMF selbst vor bösartigen oder egoistischen Versuchen der Einflussnahme durch Unternehmen und Organisationen zu schützen, welche die OSMF entgegen der Interessen von OpenStreetMap beeinflussen wollen.
  • ernsthaft an den Schwächen der OSMF arbeiten, insbesondere an der Werbung neuer Mitglieder für eine ausgeglichenere und breitere Repräsentanz der aktiven, individuellen Mapper in der Community, die sich mit dem Projekt und seinen Werten identifizieren.
  • Die Implementation einer robusten und effektiven Regulierung organisierter Aktivitäten in OpenStreetMap dort wo sie die normalen, nicht organisierten Aktivitäten der Mapper und den sozialen Zusammenhalt im Projekt sowie das organische Wachstum lokaler Communities negativ beeinflussen.

Diese Empfehlungen basieren natürlich vor allem auf dem Blick auf die Seite der Risiken. Die identifizierten Chancen bieten natürlich auch das Potential, die Widerstandsfähigkeit des Projektes zu verbessern. Eine Verstärkung und Ausweitung der positiven Unterstützung für das Projekt durch die OSMF birgt jedoch gleichzeitig immer auch die Gefahr neuer Risiken oder davon, dass die kulturelle Unausgeglichenheit in der OSMF auf das Projekt projiziert wird. Die erstrebenswerteste Strategie ist es deshalb, die OSM-Community zu befähigen, besseren Nutzen aus ihren eigenen Chancen unabhängig von der OSMF zu ziehen, insbesondere was die Werbung neuer Mitwirkender im Projekt angeht. Der Schlüssel dabei liegt jedoch auch darin, dabei aktiv die Werte und Grundprinzipien von OpenStreetMap zu kommunizieren – etwas, was in der Vergangenheit unglücklicherweise oft vernachlässigt wurde aus der Motivation heraus, sich für alle Menschen offen zu präsentieren. OpenStreetMap sollte zwar offen und einladend zu Menschen mir so gut wie jedem persönlichen oder kulturellen Hintergrund sein, es hilft jedoch nicht, vorzugeben, dass die Annahme und Unterstützung der Kernwerte und Ziele des Projektes nicht Voraussetzung für ein Engagement bei OpenStreetMap ist, denn die Anwerbung von Leuten, welche diese Werte und Ziele ablehnen, führt letztendlich nur zu Konflikten und stellt auch ein erhebliches Risiko für OpenStreetMap dar.

8. Januar 2020
von chris
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Satellitenbild-Erfassungen – Bericht für 2019

Wie letztes Jahr möchte ich hier einen Blick auf die Erfassungs-Zahlen und die räumliche Verteilung der Bilder der beiden derzeit im Betrieb befindlichen höher auflösenden optischen Erdbeobachtungs-Satellitensysteme, welche offene Daten produzieren und welche eine mehr oder weniger weltweite Abdeckung produzieren, werfen: Landsat und Sentinel-2.

Hier die aktualisierte Darstellung der gesamten aufgenommenen und veröffentlichten Bild-Volumen in Quadratkilometer.

Dies zeigt im Grunde schon, dass im groben wie im vorangegangenen Jahr vorgegangen wurde und damit erstmals eine gewisse Routine beim Betrieb der Sentinel-2-Satelliten über zwei Jahre hinweg etabliert wird. Es gibt einen gewissen Anstieg bei den Bildmengen von Sentinel-2B, bedingt durch die Ausweitung der Erfassung kleinerer Inseln in den Aufnahme-Plänen und die Abschwächung der Grenze für den Sonnenwinkel in Nordeuropa. Letzteres kann man auch gut auf den detaillierten Darstellungen zur Abdeckung für jede Umlauf-Periode sehen:

Abdeckung von Sentinel-2B im Herbst

Was unglücklicherweise sowohl bei Landsat als auch Sentinel-2 auch vom vorherigen Jahr übernommen wurde, ist, dass im Sommer auf der Südhemiphäre die Aufnahme deutlich unter Kapazität und für die Antarktis nur teilweise oder in reduzierter Frequenz erfolgt ist. Bei Landsat ist dies im antarktischen Sommer 2018-2019 sogar noch etwas verstärkt worden im Vergleich zum Jahr davor. Zusätzlich hat der USGS diesmal keine off-nadir-Aufnahmen von Nord-Grönland im Sommer produziert – das erste Mal seit 2015.

Landsat 8 2019

Landsat 8 2018

Die ESA hat sich – abgesehen von den kleineren Änderungen, welche ich bereits erwähnt habe – diesmal im wesentlichen an den selben Ablauf wie im vergangenen Jahr gehalten. Das bedeutet, dass Sentinel-2A und Sentinel-2B weiterhin recht unterschiedlich betrieben werden und dass speziellen Interessen im Betrieb recht ostentativ Raum eingeräumt wird. Es gibt diesmal jedoch erstmals einzelne, nicht regelmäßige Aufnahmen verschiedener Inselgruppen und Riffe im Pazifik (Kiribati, Französich-Polynesien) durch Sentinel-2A. Und was erfreulicherweise deutlich reduziert wurde ist die Anzahl geplanter Aufnahmen, welche in den veröffentlichten Daten fehlen.

Sentinel-2 2019

Insgesamt meine Empfehlungen sowohl an den USGS als auch die ESA:

  • Nutzt die zur Verfügung stehenden Aufnahme-Kapazitäten im nordhemisphärischen Winter, um mehr als nur sporadische Aufnahmen der Antarktis zu produzieren.

Zusätzlich and den USGS:

  • Schließt endlich die letzte fehlende Insel (Jonas-Insel) in die Aufnahme-Pläne mit ein.
  • Macht regelmäßig off-nadir-Aufnahmen von Nordgrönland und der zentralen Antarktis, bevorzugt unter Nutzung der zur Verfügung stehenden Flexibilität zur Minimierung der Wolken-Abdeckung.

Und an die ESA:

  • Beendet die unprofessionelle und kurzsichtige Bedienung irgendwelcher Spezialinteressen und plant die Aufnahmen generell nach klaren, einheitlichen und transparenten Kriterien.
  • In Verbindung dazu: Überdenkt die Strategie, ausgedehnte Meeresflächen um einige Inseln herum zu erfassen, während andere deutlich größere Inseln (Südliche Orkneyinseln) überhaupt nicht aufgenommen werden.
  • Betreibt Sentinel-2A und Sentinel-2B nach dem selben Plan oder erklärt nachvollziehbar, warum Ihr das nicht macht.

Hier noch mal alle Karten-Darstellungen der Aufnahme-Abdeckungen zusammen:

Jahr Tag Nacht Aufnahme-Zahl Tag
2014 LS8, LS7 LS8 LS8
2015 LS8, LS7 LS8 LS8
2016 LS8, LS7 LS8 LS8, S2A
2017 LS8, LS7 LS8 LS8, S2A, S2B, S2 (beide)
2018 LS8, LS7 LS8 LS8, S2A, S2B, S2 (beide)
2019 LS8, LS7 LS8 LS8, S2A, S2B, S2 (beide)

17. Dezember 2019
von chris
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Die OSMF Vorstandswahlen und Abstimmungen zu Resolutionen – eine Analyse der Ergebnisse

Die Jahreshauptversammlung der OSMF ist vorbei und die Ergebnisse der Vorstandswahlen und Abstimmungen sind verkündet. Mit dem recht breiten Spektrum an Kandidaten, die diesmal angetreten sind, ermöglichen die Ergebnisse diesmal recht interessante Einblicke in die politische Ausrichtung der OSMF-Mitglieder.

Wie schon bei meiner Analyse der Kandidaten vor der Wahl fehlte auch hierbei leider die Zeit, den Text auch auf Deutsch zu schreiben. Deshalb hier nur der Link zur englischen Fassung.

28. November 2019
von chris
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Ein paar Gedanken zu Rollen und zur Verantwortung von Entwicklern und Projekt-Betreuern in der OpenStreetMap-Community

OpenStreeMap wird oft als Do-okratie beschrieben. Was Entscheidungen beim Mappen und Tagging angeht – und dass sind die wichtigsten Aktivitäten im Projekt – ist diese Beschreibung durchaus zutreffend und zum größten Teil funktioniert dies auch recht gut. Der Ansatz ist gewissermaßen, dass diejenigen, die die Arbeit machen auch entscheiden, wie sie gemacht wird. Gepaart mit dem Primat des lokalen Wissens in OpenStreeMap ist dies eine recht gute Versicherung dagegen, dass eine kleine Gruppe von Leuten mit ihren subjektiven Präferenzen und einem bestimmten kulturellen Hintergrund das Gesamt-Projekt dominieren und die Entscheidungen fällen.

Der bedeutendste Angriff auf dieses Prinzip kam mit dem Aufstieg organisierten Mappens in OpenStreeMap. Als ich den ersten Englisch-sprachigen Entwurf für eine Regulierung organisierter Aktivitäten in OpenStreeMap verfasst habe, habe ich das wie folgt erklärt:

OpenStreetMap is an international project where thousands of volunteers together produce open geodata during their free time. As a community OpenStreetMap works through checks and balances that rely on every mapper deciding on what to map and how to map individually and being responsible for her or his activities. Because each mapper can only add or edit a relatively small volume of data every day errors can be recognized and corrected by the community through communication and open processes before larger damage is done to the database. For automated edits and imports this does not work the same way so we have documentation requirements and review processes designed to prevent bigger problems with such activities and to avoid disruptive and time consuming repairs of the data.

Organized mapping activities by groups of people who act under instructions of an organization often come with similar problems. Errors and deficits in the instructions given or in the way they are communicated to the mappers of the group can result in large scale damage to the data and can be disruptive to normal mapping activity. And although we in principle welcome such organized activity we have put up this policy to regulate organized mapping activities in the interest of the individual mappers and a functioning mapping community.

Es ist im Moment noch nicht abschließend geklärt, wie weitreichend die problematischen Einflüsse organisierter Aktivitäten durch die jetzt existierende Regulierung tatsächlich erfolgreich verhindert werden.

Außer organisierten Aktivitäten gibt es andere Einflüsse und Rahmenbedingungen, die die egalitäre und freie Zusammenarbeit beim Mappen in OpenStreeMap gefährden. Einer davon ist der politische Bereich, insbesondere durch regulatorische Maßnahmen und Grundsatz-Entscheidungen der OSMF. Das beste Beispiel dafür ist die Krim-Entscheidung des OSMF-Vorstandes. Bis jetzt ist, insbesondere weil der OSMF-Vorstand von Freiwilligen aus der Community abhängt, um seine Entscheidungen zu implementieren, die Fähigkeit des Vorstands, substantiell Entscheidungen gegen die Interessen und Werte lokaler Mapper durchzusetzen, sehr begrenzt. Und fairerweise muss man auch sagen, dass das die meisten Vorstandsmitglieder bisher meist bemüht waren, Entscheidungen im Interesse der Hobby-Mapper zu fällen. Dies könnte sich aber in der Zukunft durchaus ändern, wenn sich das Macht-Gleichgewicht in der OSMF verschiebt und die OSMF mehr auch für zentrale Aufgaben auf bezahlte Kräfte setzt und dadurch unabhängiger von der OSM-Community wird.

Den größten und auch den ältesten Einfluss auf die Mapper-Community stellen jedoch die von den Mappern bei ihrer Arbeit verwendeten Werkzeuge dar. In jüngerer Zeit gab es recht umfangreiche Kritik an den Entwicklern von iD, dem am verbreitetsten verwendeten Editor für OpenStreetMap-Daten, in Bezug auf die Entscheidungen mit Auswirkung auf Mapping- und Tagging-Entscheidungen von Nutzern dieses Editors, die diese gefällt haben und dem damit verbundenen Machtmissbrauch dieser Entwickler im Dienst von Partikularinteressen.

Ich möchte einige Gedanken zu dieser Diskussion beitragen aus der Perspektive eines der Betreuer eines anderen Projektes, welches neben den Editoren großen Einfluss auf Mapper hat, dem Stil der Standard-Karte auf openstreetmap.org. Der Einfluss des Standard-Stils auf Mapper ist nicht so direkt wie bei den Editoren und es ist daher nicht so einfach, diesen Einfluss zielgerichtet einzusetzen, aber er ist dennoch recht bedeutend. Und im Gegensatz zu den Editoren, wo die größte Möglichkeit zur zielgerichteten Einflussnahme auf Mapper darin besteht, zu bestimmen, wie Mapper etwas erfassen, zur dessen Erfassung sie sich bereits selbst entschlossen haben, kann der Standardstil in erheblichem Maße auch Mapper dazu anregen, bestimmte Dinge bevorzugt zu erfassen.

Mein Ansatz hierzu war von Beginn meiner Mitarbeit an OSM-Carto an, dass es die Rolle des Projektes sein sollte, Mapper zu unterstützen und nicht sie zu steuern. Das bedeutet im Grunde, dass man Dinge, die von Mappern konsistent erfasst werden, in einer bestimmten und klar erkennbaren Form auf der Karte darstellt und dadurch den Mappern eine klare Rückmeldung dazu gibt, was die richtige und etablierte Methode ist, diese Dinge zu erfassen. Auf der anderen Seite bedeutet dies auch, dass man nicht einfach damit anfängt, bestimmte Dinge darzustellen nur weil man selbst – oder jemand anders – es für eine gute Idee hält, solche Dinge auf diese Art zu erfassen, denn diese Art von Überlegung ist inhärent durch subjektive und kulturelle Präferenzen und Voreingenommenheiten geprägt.

Ich sollte klarstellen, dass diese Ansichten nicht von allen OSM-Carto-Maintainern geteilt werden. Ich bin vermutlich der deutlichste Vertreter dieser Idee der Selbst-Begrenzung, jedoch vertreten auch eine ganze Reihe der übrigen Maintainer die gleiche grundsätzliche Vorstellung. Aus diesem Grund entstammen die meisten nicht konstruktiven Darstellungs-Entscheidungen in OSM-Carto entweder versehentlichen oder nachlässigen Änderungen, welche ohne ausreichende Berücksichtigung ihrer Folgen durchgeführt wurden, oder sie stammen aus dem Zeitraum von Mitte 2017 bis Ende 2018 als wir das Konsens-Prinzip für Änderungen gelockert hatten und Änderungen ohne Konsens unter den Maintainern eingebaut werden konnten.

Es sollte klar sein, dass wenn das Team der OSM-Carto-Maintainer kleiner wäre und seine Mitglieder recht einheitliche gemeinsame Interessen hätten (wie es beim iD-Projekt der Fall ist), der Anreiz seinen Einfluss auf Mapper im Sinne dieser Interessen zu nutzen, enorm wäre. Im Falle der iD-Entwickler, welche beide beide für Unternehmen arbeiten, welche OSM-Daten nutzen, ist der praktische Einfluss dieser Interessen recht klar von ziemlich großer Bedeutung und es wird auch offen von den Entwicklern zugegeben, das ihr Haupt-Augenmerk die Nützlichkeit der OpenStreetMap-Daten für bestimmte Anwendungen ist. Gleichzeitig wäre es aber keineswegs unbedingt besser, Entscheidungen und die Aufsicht über das Projekt in die Hand einer Reihe zufällig ausgewählter Mapper zu legen. Wenn in OSM-Karto Entscheidungen ausschließlich unter der Prämisse der Mapper-Unterstützung gefällt werden, führt dies vor allem auch unter Mappern zu Kritik, die ihre bevorzugte Tagging-Idee gerne gegen Konkurrenz-Ideen im Vorteil sehen würden. Hobby-Mapper sind keineswegs gegen die einseitige Unterstützung von Partikular-Interessen immun.

Die beste und einzige Lösung für dieses Problem besteht meiner Meinung nach in einem wirksamen und fairen Wettbewerb darin, die besten Werkzeuge für Mapper bereitzustellen.

Eine echte Wahl zu haben und die möglichen Optionen frei in der Praxis auszuprobieren und zu testen, würde es Mappern ermöglichen, mit den Füßen abzustimmen und am Ende kollektiv die besten Lösungen zu unterstützen. Damit würde verhindert, dass ein einzelnes Projekt durch das Fehlen anderer Optionen dominiert, was auch erheblich die Möglichkeit verringert, bei der Entwicklung Partikularinteressen zu unterstützen. Ich bin der festen Überzeugung, dass sowohl bei Editoren als auch bei Kartenstilen Projekte, die Entscheidungen auf Grundlage des skizzierten Prinzips der zurückhaltenden Unterstützung von Mappern, langfristig die meiste Wertschätzung und Unterstützung der weltweiten Mapper-Community bekommen dürften.

Lange Geschichte, kurz gefasst:

  • Die Möglichkeit der Einflussnahme auf Mapper zur Förderung spezifischer Interessen wird für die Entwickler von Mapping-Werkzeugen immer ein erheblicher Anreiz sein – entweder entsprechend eigener persönlicher Präferenzen oder zur Förderung von externen Interessen.
  • Von Unternehmens-Mitarbeitern zu erwarten, dass sie als Projekt-Betreuer Entscheidungen gegen die Interessen ihres Arbeitnehmers fällen, ist nicht realistisch. Gleichzeitig unterscheiden sich die Interessen der OSM-Community und des Projektes teils fundamental von denen bestimmter Datennutzer.
  • Der beste Weg, dieses Problem anzugehen, besteht darin, immer für eine reale Wahlmöglichkeit und einen fairen Wettbewerb zwischen verschiedenen Werkzeugen (Editoren, Kartenstilen) für die selbe Aufgabe zu sorgen.

28. Oktober 2019
von chris
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Satellitenbild-Neuigkeiten

Die ESA hat vor kurzem angekündigt, dass die Aufnahmen von Sentinel-2B während des Winters auf der Nordhalbkugel hin zu niedrigen Sonnenständen ausgedehnt werden.

Ein bisschen Hintergrund-Informationen dazu: Die letzten Jahre wurden die Aufnahmen von Sentinel-2 traditionell im Vergleich zu Landsat 8 erst bei einem recht hohem Sonnenstand begonnen. Der resultierende Unterschied in der routinemäßigen nördlichen Aufnahme-Grenze im Winter war nicht sehr groß, aber deutlich erkennbar. Das hat insbesondere dazu geführt, dass die Aufnahme-Kapazität von Sentinel-2 im Winter auf der Nordhalbkugel nicht vollständig ausgenutzt wurde, insbesondere weil gleichzeitig die Antarktis nur mit einer niedrigeren Frequenz aufgenommen wurde.

beisherige Sentinel-2-Abdeckung Ende Dezember

Landsat-8-Abdeckung Ende Dezember

Die nun angekündigte Änderung der Aufnahme-Pläne ist etwas halbherzig – sie bezieht sich nur auf Sentinel-2B und scheint bis jetzt auf Europa und Grönland beschränkt zu sein. Hier ist ein Beispiel für eine solche neue Aufnahme bei niedrigem Sonnenstand.

Sentinel-2-Aufnahme von Ostgrönland bei niedrigem Sonnenstand

Ganz allgemein ist die Aufnahme-Planung bei Sentinel-2 anscheinend recht statisch und basiert auf einem politisch festgelegten festen Muster während Landsat-Aufnahmen auf Grundlage einer Prioritäten-Liste geplant werden, um die verfügbare Aufnahme-Kapazität optimal auszunutzen. Anders gesagt: Sentinel-2 könnte rein technisch vermutlich deutlich mehr Bilder aufnehmen, insbesondere auf der südlichen Hemisphäre und bei niedrigen Breiten im Winter der Nordhalbkugel – falls man denn die Option für solche Aufnahmen bei verfügbarer Kapazität in den Aufnahme-Plan integrieren würde. Das würde aber natürlich eine entsprechende politische Entscheidung erfordern.

Die eigentliche Frage ist jedoch, warum die Sonnenstands-bedingte Aufnahme-Grenze bei Sentinel-3 OLCI-Daten noch enger ist als bei Sentinel-2 – hier ein Bild von der Aufnahme-Grenze am selben Tag an dem das oben gezeigte Sentinel-2-Bild aufgenommen wurde – diese liegt mehrere hundert Kilometer weiter südlich.

Sentinel-3 OLCI Aufnahme-Grenze über Ostgrönland am 25. Oktober

Wenngleich Sentinel-3 einen früheren Zeitpunkt aufnimmt als Sentinel-2 (10:00 im Gegensatz zu 10:30) und aufgrund des breiteren Sichtfeldes dabei auch Positionen mit niedrigerem Sonnenstand am westlichen Rand enthalten sind, wäre die vernünftige Aufnahme-Strategie so, dass man alles aufnimmt, was einer festgelegten Grenze beim Sonnenstand entspricht, auch wenn das praktisch dann bedeutet, dass dabei auch Daten mit noch niedrigerem Sonnenstand in den Bildern enthalten sind. In der Realität sieht es jedoch so aus, dass keine OLCI-Daten aufgenommen werden, wenn der Sonnenstand am westlichen Ende des Aufnahme-Streifens unter fünf Grad läge. Hierdurch verliert man dann natürlich eine ganze Menge potentiell nützliche Daten weiter östlich. Der Sonnenstand zu Beginn der Aufnahme liegt in diesem Fall am östlichen Rand bei etwa 11 Grad.

Herbstfarben bei Irkutsk, Russland im September 2019, aufgenommen von Sentinel-2

GCOM-C SGLI Bilder

Keine wirkliche Neuigkeit, aber ich wollte hier mal erwähnen, dass die Bilder des japanischen GCOM-C-Satelliten und dessen SGLI-Sensors jetzt (und im Grunde schon seit einiger Zeit) auf dem JAXA-Datenportal verfügbar sind. GCOM-C ist ein Satellit, welcher in seinem Zweck ein bisschen den Sentinel-3-Satelliten ähnelt, jedoch einige interessante zusätzliche Funktionen bietet wie Bildaufnahmen mit polarisiertem Licht und einem ultravioletten Spektralkanal. Die Daten sind unter einer recht liberalen offenen Daten-Lizenz verfügbar.

Hier ein Beispielbild von Südost-Europa:

GCOM-C SGLI Bildbeispiel