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11. Juli 2020
von chris
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Konservatismus, progressiver und regressiver Wandel – Framing in der OpenStreetMap-Politik

Für diesen Beitrag habe ich aus Zeitgründen mal einen anderen Ansatz ausprobiert, um ihn sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch anzubieten. Während ich sonst meist sowohl den deutschen als auch den englischen Text komplett per Hand verfasse, basiert die deutsche Version hier auf einer maschinellen Übersetzung mittels deepl, welche ich per Hand redigiert habe, um die gröbsten Schnitzer zu entfernen.

Vor etwas mehr als einem halben Jahr habe ich die politische Struktur der OpenStreetMap Foundation analysiert im Anschluss an die letzten Vorstandswahlen. Ich identifizierte zwei Hauptfraktionen innerhalb der OSMF-Mitglieder – die Craft-Mapping-Unterstützer und die Fraktion der Unternehmens- und Berufsinteressen. Hinsichtlich des Kräfteverhältnisses dominieren diese die OSMF-Mitglieder im Verhältnis 2:1. Das ist natürlich nicht repräsentativ für die OSMF-Gemeinschaft, und wie ich bereits in der Wahlanalyse angemerkt habe, gibt es innerhalb der gesamten OSMF-Gemeinschaft wahrscheinlich verschiedene andere Fraktionen, die in der OSMF-Mitgliedschaft nicht angemessen vertreten sind. Dennoch sind diese beiden großen Fraktionen auch in der OSM-Community insgesamt vertreten, und ihre divergierenden Ansichten manifestieren sich häufig in politischen und anderen Diskussionen.

Ich wies auch darauf hin, dass die Befürworter des Craft-Mappings weitgehend durch gemeinsame Werte definiert sind, während die Fraktion der Unternehmens- und Berufsinteressen durch gemeinsame Interessen definiert wird. Das sollten Sie im Folgenden im Hinterkopf behalten.

Der Grund, warum ich dieses Thema jetzt wieder aufgreife, ist, dass in den vergangenen Monaten in der OSMF-Politik eine neue Erzählung aufgetaucht ist – nämlich die der Notwendigkeit von Veränderungen in OpenStreetMap und der konservativen Opposition von Craft-Mappern dagegen. Diese Erzählung kommt weitgehend aus der Unternehmens-Fraktion und stellt die Befürworter des Craft-Mapping als konservativ und grundsätzlich gegen jede Art von Veränderung dar und sich selbst als die Befürworter dringend notwendiger Veränderungen. Ein Vorstandsmitglied der OSMF hat in der öffentlichen Kommunikation kürzlich angedeutet, dass es geneigt sind, diese Darstellung zu übernehmen. Darauf werde ich später noch näher eingehen.

Was ich in meiner Wahlanalyse nicht erörtert habe, war, wie die von mir identifizierten Fraktionen historisch entstanden sind. Um einen realistischen Eindruck vom Wesen und die Motivation der verschiedenen politischen Bewegungen in OpenStreetMap zu erhalten, ist es von größter Wichtigkeit, die Geschichte des Projekts zu verstehen.

OpenStreetMap wurde gegründet und wurde vor allem deshalb erfolgreich, weil die bestehende Situation der verfügbaren kartographischen Daten in vielen Ländern (insbesondere in Europa) für viele an Karten Interessierte höchst unbefriedigend und enttäuschend war. Ein Teil des Problems bestand darin, dass die existierenden Hersteller kartographischer Daten, bei denen es sich zumeist um staatliche Institutionen handelte, ihren Daumen fest auf den Daten hatten, was die Nutzung für alle anderen schwierig und teuer machte. Aber das war nur ein Teil des Problems. Noch bedeutend heikler war, dass die Daten von schlechter Qualität für die Bedürfnisse der Nutzer der Karten waren. Schlecht waren sie vor allem darin, eine akkurate Darstellung der lokalen Geographie waren, wie sie von den Menschen in der Gegend wahrgenommen wird. Die Gründe dafür waren im Wesentlichen folgende:

  • die Spezifikationen, nach denen die Daten generiert wurden, wurden von den Bedürfnissen der institutionellen Kartenproduzenten bestimmt, denen es letztlich egal war, wie genau ihre Daten und Datenmodelle die geografische Realität abbilden und ob sie alle für die letztendlichen Kartenbenutzer relevanten Informationen enthalten.
  • die Technologie und die Quelldaten zur Herstellung der kartographischen Daten wurden von den kartographischen Institutionen unter strenger Kontrolle gehalten, insbesondere dort, wo eine breitere Verfügbarkeit ihre Marktdominanz gefährden könnte.
  • Technische Dienstleistungsunternehmen und Technologieentwickler arbeiteten in einer symbiotischen Beziehung mit den institutionellen Kartenherstellern und hatten daher keinen Anreiz, bedeutende Innovationen zu entwickeln oder ihren Kundenstamm in einer Weise zu erweitern, die diese symbiotische Beziehung gefährden könnte.
  • die eigentliche Datenproduktion war durch Kosteneffizienz gelenkt, so dass Gegenden von geringer Bedeutung für wirtschaftliche und andere institutionelle Interessen in der Regel extrem veraltet waren.

Als Reaktion auf diese höchst unbefriedigende und stark festgefahrene Situation entwickelte OpenStreetMap den Ansatz des “crowdsourced mapping”, den wir heute alle kennen. Viele der Grundprinzipien von OpenStreetMap, die heute von den Befürwortern des Craft-Mapping geschätzt werden:

  • die Konzentration auf lokales Wissen,
  • die Betonung von OpenStreetMap als ein soziales Projekt und nicht nur als eine Sammlung nützlicher Geodaten,
  • den Vorrang der lokalen Mapper und der lokalen Gemeinschaft der Mapper bei allen Entscheidungen bezüglich der Kartierung,
  • das Mapper-zentrierte Freiform-Tagging – nicht an den Bedürfnisse der Datennutzer ausgerichtet, sondern für die Anforderungen und die Effizienz die lokalen Mapper,
  • das Beharren auf Unabhängigkeit von größeren externen Organisationen, insbesondere bezüglich jeder Technologie, die für die Kartierung verwendet wird,
  • die Ablehnung zentralisierter Entscheidungsfindung bezüglich Mapping und Tagging,
  • die Offenheit und Transparenz aller Entscheidungsfindungsprozesse.

sind eine direkte Reaktion auf die beschriebenen systemischen Probleme der kartographischen Datenlandschaft, mit denen das Projekt seit seiner Gründung konfrontiert ist.

Was dann passierte, war, dass OpenStreetMap langsam aber stetig mehr Interesse bei Personen weckte, denen die Prämisse von OpenStreetMap als einer Karte von Menschen für Menschen gefiel oder die ebenfalls die Grenzen der bestehenden institutionellen Kartographie spürten und an deren Überwindung mitwirken wollten. Während OpenStreetMap wuchs und die Unterstützung von Einzelpersonen, kleineren Unternehmen und Start-ups gewann, ignorierten die kartographischen Institutionen in den verschiedenen Ländern sowie deren Kunden (traditionelle Kartenverlage sowie Google usw.) weiterhin OSM – sie waren konservativ in dem Sinne, dass sie mit dem Status quo bei den kartographischen Daten zufrieden waren und das Risiko revolutionärer Veränderungen fürchteten. Die Personen, die auf diese Weise von dem Projekt angezogen wurden, wie auch die Unternehmen, die die beschriebenen Grundwerte des Projekts annahmen und unterstützten und um sich herum Geschäftsmodelle aufbauten, bildeten den Kern der Befürworter des Craft-Mapping.

Diese Entwicklung setzte sich fort, bis es für viele Nutzer kartographischer Daten aus wirtschaftlichen Gründen immer unumgänglicher wurde, OpenStreetMap-Daten zu verwenden. Dies geschah zu unterschiedlichen Zeiten für verschiedene Datennutzer – kleinere Unternehmen und öffentliche Einrichtungen waren oft früher in dieser Situation als große Unternehmen oder Institutionen. Wir alle haben in den letzten Jahren viele Schlagzeilen über prominente Adoptionen von OpenStreetMap gesehen. Und dies ist offensichtlich ein fortlaufender Prozess.

Mit Ausnahme einiger neu gegründeter Unternehmen, die ein Geschäftsmodell explizit um OpenStreetMap herum entwickeln, wollten nur sehr wenige dieser OpenStreetMap-Anwender tatsächlich OSM-Daten verwenden. Viele in der OSM-Gemeinschaft haben irgendwann einmal erlebt, dass irgendein Unternehmen versucht hat, mit der OSM-Gemeinschaft auf mehr oder weniger ungeschickte Weise zu interagieren. Die grundlegenden Konflikte zwischen typischen Unternehmenskulturen und den gesellschaftlichen Konventionen der OSM-Gemeinschaft werden häufig diskutiert und sind ziemlich offensichtlich. Viele dieser späten OSM-Anwender hätten es sehr vorgezogen, wenn OpenStreetMap tatsächlich eher den institutionellen Kartenproduzenten entsprochen hätte, deren Unzulänglichkeiten der Grund für die Entstehung und Popularität von OpenStreetMap waren. Nur natürlich am liebsten ohne die exorbitanten Lizenzgebühren und die räumliche Beschränkung auf einen nationalen Bereich. Und natürlich ist Crowd-Sourcing-Arbeit zur Kostenreduzierung völlig in Ordnung, solange die Freiwilligen auf der Grundlage der zentral definierten Bedürfnisse der Beteiligten richtig gesteuert werden. Diese späten und widerwilligen OpenStreetMap-Nutzer, die sich nicht mit den Grundwerten des Projektes identifizieren, sondern sich ausschließlich aus wirtschaftlichen Interessen am Projekt beteiligen, bildeten den Kern der Fraktion der Unternehmens- und Berufsinteressen. Dazu gehört auch eine große Anzahl von Personen, die sich mit OSM beschäftigen, hauptsächlich weil sie eine Karriere in der Domäne dieser kommerziellen und institutionellen OSM-Datennutzer haben oder anstreben.

Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die Probleme, mit denen OpenStreetMap bei seiner Gründung konfrontiert war, heute noch längst nicht überwunden sind. In einigen Ländern haben institutionelle Kartographiedatenproduzenten zumindest einige ihrer Daten ohne wirtschaftliche Barrieren für die Allgemeinheit geöffnet, aber wie oben erläutert sind diese Barrieren sind nur eines der Dinge, die OpenStreetMap zu überwinden versucht. Die andere Sache, die OpenStreetMap erreicht hat, ist vor allem die Überwindung der Dominanz zentral verwalteter und nicht inklusiver Datenproduktion, die von speziellen Interessen statt von den Bedürfnissen der Menschen gesteuert wird. Aber diese Errungenschaft ist zerbrechlich und wird ohne ein anhaltendes Bekenntnis zu den oben beschriebenen Werten des Craft-Mappings nicht von Dauer sein.

Ich habe mit Craft-Mappern und Craft-Mapping-Befürwortern gesprochen über die Motive die traditionellen Werte des Craft-Mappings zu unterstützen, und ich sehe selten Leute, die diese Werte aufgrund einer traditionalistischen, konservativen Haltung unterstützen, mit anderen Worten: die an diesen Prinzipien um ihrer selbst willen und um der Stabilität und Kontinuität willen festhalten will. Die überwiegende Mehrheit der Befürworter des Craft-Mappings befürwortet die Ziele einer vollständigen Demokratisierung der kartografischen Datenproduktion. Sie sehen diese Prinzipien als notwendige Bestandteile der Verbesserung unserer Gesellschaft in der Art und Weise, wie wir unser kollektives menschliches Wissen über die Geographie der Welt verwalten und austauschen. Mit anderen Worten: Die Befürworter dieser traditionellen Prinzipien von OpenStreetMap unterstützen diese als Teil einer gemeinsamen wirklich progressiven Agenda im ursprünglichen Sinne des Wortes. Viele von ihnen kämpfen jeden Tag für dieses Ziel und für die Überwindung der Probleme und Verzerrungen der institutionellen Kartenproduktion. Viele von ihnen wären zutiefst beleidigt über die Tatsache, dass die Vorstandsmitglieder der OSMF, die dazu bestimmt und gewählt worden sind, die Werte des Projektes zu verteidigen, ihre progressiven Werte, die ihre Nützlichkeit und Bedeutung jeden Tag unter Beweis stellen, als bloßen Konservatismus betrachten, und glauben, dass sie an Traditionen um ihrer selbst Willen festhalten und sich ohne guten Grund Veränderungen widersetzen.

Die obige Illustration ist bemerkenswert und offen gesagt ein wenig schockierend, weil sie die Ansichten der Fraktion der Unternehmens- und Berufsinteressen vollständig übernimmt, ohne den historischen Kontext, wie oben erläutert, zu berücksichtigen.

Was die obige Illustration tut, ist ein ziemlich perfides Framing. Sie trägt den Titel extreme positions, was impliziert, dass sie die Extreme an beiden Enden des politischen Spektrums kontrastiert. Aber wenn man sich dann die verwendeten Worte ansieht, wird klar, dass der Autor die rechte Seite bewusst oder unbewusst bevorzugt und sie als weniger extrem darstellt. Begriffe, die auf der linken Seite verwendet werden, implizieren Radikalismus (only, total), während die Formulierung auf der rechten Seite Mäßigung (some, adapters) und Besorgnis (need, risk) impliziert. Wenn Sie sich über die verwendeten Farben wundern – diese entsprechen den Farben des politischen Zweiparteiensystems der USA – Rot für die Republikaner, Blau für die Demokraten. Das entspricht dem Framing der Craft-Mapper als Konservative. Die Ironie ist natürlich, dass in Europa und anderswo Rot traditionell die Farbe der sozialistischen politischen Bewegungen ist.

Um es klar zu sagen – ich lese hier nicht einfach Dinge in eine einzige, unschuldige Folie, die aus dem Kontext einer ganzen Präsentation herausgenommen wurde. Nirgendwo in dem ganzen Vortrag findet sich eine Anerkennung der heutigen Relevanz der grundlegenden Prinzipien und Werte des Craft-Mappings, auf denen OpenStreetMap, wie oben beschrieben basiert, für die Zukunft des Projekts.

Es ist ziemlich ärgerlich zu sehen, wie Firmenlobbyisten zum Beispiel darauf drängen, automatischer Datengenerierungstools, die sie entworfen haben und kontrollieren, in großem Maßstab anzuwenden, jedoch auf Argumenten basierenden Diskurs darüber ablehnen und ignorieren, dann aber behaupten, dass die Befürworter des Craft-Mapping technologische Innovationen im Mapping generell ablehnen. Das ist bestenfalls ignorant, schlimmstenfalls unehrlich. Wichtiger aber: Es ist vor Allem auch bedenklich zu sehen, dass OSMF-Vorstandsmitglieder diese Erzählung übernehmen, obwohl es eindeutige Beweise gibt. dass dies falsch ist.

Das Traurige für die Befürworter von Craft-Mapping ist nicht nur, dass ihre fortschrittlichen Werte in den Dreck gezogen werden, sondern auch, dass die Agenda eines regressiven, reaktionären Wandels, verfolgt von der Fraktion der Unternehmens- und Berufsinteressen, im Wesentlichen bedeuten würde, dass das, was Craft-Mapper durch harte Arbeit in den letzten 15 Jahren erreicht haben, revidiert würde. Der Hauptunterschied bestünde darin, dass die Kontrolle über die kartographischen Daten und Erfassungsmethoden nicht mehr in der Hand von Regierungsinstitutionen auf nationaler Ebene läge, sondern auf globaler Ebene zentral verwaltet würde, und zwar weitgehend im Interesse von Unternehmen mit globalen Ambitionen.

Ich bin mir bewusst, dass der obige historische Abriss für Leser aus Europa und anderen Ländern, in denen die Existenz monopolistischer institutioneller Kartenproduzenten eine starke Motivation für das Engagement in OpenStreetMap und für die Unterstützung der Ziele und Werte von OpenStreetMap darstellte und immer noch darstellt, viel leichter zu verstehen ist. In Ländern, in denen es entweder keine dominierende institutionelle kartographische Datensammlung gibt oder in denen diese in einer offeneren und vielfältigeren Art und Weise durchgeführt wird, ist dies ohne die Erfahrung aus erster Hand vor Ort viel schwieriger zu verstehen. Und ich habe tiefes Verständnis für diese Schwierigkeit. Aber es wäre höchst bedauerlich, wenn andere Teile der Welt nicht aus den schmerzlichen Erfahrungen lernen könnten, die wir in einigen Ländern Europas gemacht haben, ohne im Wesentlichen den gleichen Fehler zu machen und die kartographische Datensammlung auf zentralisierte, undemokratische Weise dominieren und kontrollieren zu lassen, weitgehend unter Missachtung der lokalen Bedürfnisse und des lokalen Wissens. Und da OpenStreetMap ein globales Projekt ist, wäre es gar nich einfach so möglich, lokale Gemeinschaften diese Lektion neu lernen zu lassen, ohne den Rest der Welt in eine solche Wiederholung der Geschichte hineinzuziehen.

Zu Beginn dieses Beitrags knüpfte ich an meine Nachwahl-Analyse der vorangegangenen OSMF-Vorstandswahl an, wo ich die beiden großen politischen Fraktionen in der OSMF-Mitgliedschaft identifizierte. In demselben Text gegen Ende erläuterte ich auch, was ich als die wichtigsten Herausforderungen für den Vorstand in diesem Jahr ansah, nämlich zum einen, den eher parlamentarischen Charakter des Vorstandes anzunehmen, was bedeutet, eine offenere und konstruktivere Debatte über die besten Entscheidungen zu führen und offen miteinander und mit der Gemeinschaft über Werte, Strategie und Entscheidungen zu streiten. Ich habe dies und die Bedeutung eines breiten argumentativen Diskurses über die Vorzüge politischer Ideen auch noch später in Kommentaren betont. Leider scheint in der ersten Hälfte dieses Jahres das Gegenteil der Fall zu sein. Der Vorstand verlagert seine Beratungen über Entscheidungen mehr und mehr in geschlossene Sitzungen und scheint immer weniger bereit zu sein, seine Pläne und Entscheidungen in der öffentlichen Diskussion zu verteidigen. Die meisten Vorstandsmitglieder haben sich fast vollständig aus der öffentlichen Zwei-Wege-Diskussion über die OSMF-Politik auf öffentlich zugänglichen Kanälen zurückgezogen. Stattdessen wurden neue geschlossene Formate eingeführt, bei denen der Vorstand mit organisierten Interessen statt mit Einzelpersonen konferiert. Die Zahl der Fälle, in denen in öffentlichen Vorstandssitzungen ein substanzieller Austausch von Argumenten über eine kontroverse Entscheidung stattgefunden hat, ist jetzt minimal. Dies ist keine gesunde Entwicklung. Die Ergebnisse – wie sie in dem oben erwähnten Vortrag beobachtet werden können – sind nicht das Produkt böswilliger Absichten, sie stammen aus Ansichten, die innerhalb der Personen im Vorstand und solchen, die der Vorstand konsultiert, entwickelt wurden, was eine breitere kritische Prüfung durch die ganze Vielfalt der Kenntnisse und Erfahrungen in der OSM-Gemeinschaft vermissen lässt.

Mein Rat an den Vorstand ist, diese Richtung zu überdenken. Die Entscheidungsfindung scheint leichter zu sein, wenn man eine selektive Sichtweise einnimmt und nur Leuten zuhört, die man als angenehm empfindet. Aber das ist kein nachhaltiger Weg. Ihr müsst nicht auf meinen Rat hören, wenn Ihr das nicht wollt, aber Ihr solltet Eure Überlegungen und die Begründungen für Eure Entscheidungen auf jeden Fall einer kritischen Bewertung unterziehen, auch und vor allem von Seiten und Standpunkten aus, die Ihr nicht mögt, missbilligt oder die Euch einfach nicht bewusst sind. Der beste Weg, dies zu tun, ist eine öffentliche Auseinandersetzung, die allen offen steht und dabei in einen argumentativen Diskurs mit Menschen einzutreten, die Eure Überlegungen und Entscheidungen in Frage stellen, aber wenn Ihr dazu andere Ideen habt, fühlt Euch ermutigt, diese ebenfalls zu untersuchen. Öffentliche Konsultationen zu Positionspapieren durchzuführen und die eingegangenen Kommentare wie die Ergebnisse einer Umfrage zu interpretieren ist jedoch kein Ersatz dafür, sich aktiv an einem offenen Kampf der Argumente für die Suche nach der besten Entscheidung zu beteiligen.

Ich möchte aber auch an die Craft-Mapper und die Unterstützer von Craft-Mapping appellieren, gewissenhaft zu kommunizieren, warum und wie die von Euch geschätzten Prinzipien für die Ziele und die Zukunft von OpenStreetMap wichtig sind. Auch wenn das für Euch selbstverständlich erscheint, ist es das nicht immer für Alle. Ich habe das in der Vergangenheit schon bei verschiedenen Gelegenheiten hier im Blog und in vielen Diskussionen an anderer Stelle getan, aber es ist enorm wichtig, dass dies alle aktiv tun. Und während die fortbestehende Bedeutung für die zentralen Werte und Prinzipien, die ich oben aufgelistet habe, relativ klar und unumstritten ist, gibt es natürlich auch Traditionen in OpenStreetMap, die den Zielen des Projekts nicht förderlich sind. Die Bereitschaft zu einer offenen Diskussion mit Menschen, die eine differenzierte Kritik (und nicht nur eine pauschale Ablehnung der Werte des Craft-Mappings) vorbringen, ist ebenfalls wesentlich dafür, dass OpenStreetMap eine Kraft für progressive Veränderungen bleibt.

TL;DR: Das Framing, die Befürworter des Craft-Mappings in OpenStreetMap als Konservative zu bezeichnen, die gegen Veränderungen sind, ist angesichts des historischen Kontexts und der heutigen Arbeit von Craft-Mappern auf der ganzen Welt, die sich für progressive Veränderungen engagieren, unangemessen. Es wurde durch regressive, revisionistische Interessen lanciert, die die fortschreitende Demokratisierung des geographischen Wissens und seiner Sammlung, für die die OpenStreetMap steht, im Interesse kurzsichtiger wirtschaftlicher Ziele zurückdrängen möchten.

7. Juli 2020
von chris
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SotM 2020 – ein paar Gedanken zu dem Experiment

Am letzten Wochenende fand die State-of-the-Map-Konferenz 2020 statt, welche diesmal nicht, wie ursprünglich geplant und wie dies in den vergangenen Jahren der Fall war, an einem bestimmten physikalischen Ort stattfand (in diesem Fall Kapstadt, Südafrika), sondern als virtuelle, verteilte Konferenz über das Internet.

Ich betrachte diese Änderung, welche durch die Pandemie-Situation, mit der wir alle umgehen müssen, erzwungen wurde, gewissermaßen als glückliche Fügung, als äußeres Ereignis, welches die Leute in Entscheidungs-Positionen dazu gezwungen hat, etwas auszuprobieren, was man vermutlich ansonsten über viele weitere Jahre noch nicht in Erwägung gezogen hätte.

Die Umsetzung der virtuellen, verteilten Konferenz als nachträgliche Modifikation einer eigentlich geplanten physikalischen Konferenz an einem einzelnen Ort hat natürlich zu einigen Unstimmigkeiten in der Aufstellung der Veranstaltung geführt und dazu, dass das volle Potential einer solchen verteilten Konferenz nicht ausgeschöpft wird. Dies war offensichtlich auch durch den Wusch bedingt, dass man nicht die ganze geleistete Arbeit noch mal von vorne beginnen wollte. Das offensichtlich größte und sichtbarste Problem bestand darin, dass das Vortrags-Programm der Konferenz fast ausschließlich aus Einsendungen besteht, welche von Leuten mit der Bereitschaft und Möglichkeit eingereicht wurden, die physikalische Konferenz zu besuchen oder in anderen Worten: Die Bereitschaft und Möglichkeit, nach Südafrika zu reisen und für den Vortrag vor Ort zu sein war Voraussetzung dafür, auf der virtuellen Konferenz einen Vortrag zu halten.

Das bedeutet, dass die Konferenz in ihrer Programm-Gestaltung nicht mal andeutungsweise so vielfältig ist, wie sie hätte sein können, wenn man sie von vorneherein als verteilte Konferenz geplant hätte. Dies sollten meiner Meinung nach alle im Kopf behalten, wenn sie die Konferenz bewerten.

Ich betrachte die ganze Veranstaltung vor allem als ein Experiment zum Testen der verwendeten Techniken, Methoden und Kommunikationsmittel, um eine virtuelle Konferenz im OSM-Umfeld zu veranstalten. Dies bezieht sich sowohl auf die Infrastruktur hinter den Kulissen als auch auf die öffentlichen Schnittstellen. Falls die SotM-WG ihre Erkenntnisse und Erfahrungen hierzu öffentlich dokumentiert und teilt wäre das sicher auch über die SotM hinaus von Nutzen für die OSM-Community.

Praktische Beobachtungen von der Konferenz

Die Pads zum Sammeln von Fragen und Kommentaren zu den Vorträgen haben gut funktioniert. Dieses Konzept könnte definitiv in zukünftigen verteilten Konferenzen eine erfolgreiche Rolle spielen. Anfangs wurden die Fragen anonym gestellt, was insbesondere bei Frederiks Vortrag zu allerlei ausfälligen Bemerkungen unter dem Deckmantel der Anonymität geführt hat. Es wurde später dann etabliert, dass Frage und Kommentare signiert werden sollten. Ich denke, dass die Verwendung von Pads auch auf das nicht-Vortrags-Programm ausgedehnt werden könnte wie bei den selbst organisierten Treffen.

Pad für allgemeine Rückmeldungen zur Konferenz – es gab ähnliche Pads für Fragen und Kommentare zu allen Vorträgen

Die Attraktivität der Pads rührt wohl größtenteils daher, dass sie die Echtzeit-Fähigkeit (welche für eine Echtzeit-Konferenz natürlich essentiell ist) mit einer nicht-linearen Freiform-Struktur des Textes verbinden (was sich angenehm von den meisten sonstigen Echtzeit-Kommunikationskanälen unterscheidet, welche fast immer eine strikt lineare Struktur aufweisen).

Es gibt eine ganze Menge Verbesserungs-Potential bei der Tonqualität. Das fängt mit der Lautstärke der Pausen-Musik relativ zur Lautstärke der Vorträge an und geht weiter bei Hall in schlecht gedämpften Räumen bei einigen Vortragenden und Rückkopplungs-Störungen aufgrund des Audio-Setups bei einigen. Das ist hauptsächlich eine Frage ausreichender Tests und Erfahrung damit das Equipment einzurichten und einzustellen so dass es gut funktioniert. Das erfordert natürlich von allen Beteiligten Zeit. Beim ersten Mal, wo man an so was Teil nimmt, ist dies natürlich am schwersten und es wird einfacher, wenn man dann mehr Erfahrung gewinnt. Und ich bin zuversichtlich, dass dies mit der Corona-Krise, die viele Leute dazu anregt, mehr Kenntnisse und Erfahrungen in der digitalen Fern-Kommunikation zu sammeln, mit jedem Tag besser wird. Mehr Kommunikation dazu, wie man gute Qualität bei Tonaufnahmen und gute Audio-Kommunikations-Qualität sicher stellt, das verstärkte Teilen von Erfahrungen und Techniken, wäre sicherlich hilfreich.

Was jedoch für mich im Verlauf der Konferenz auch klar wurde ist, dass die Bereitschaft der Leute, sich an Kommunikation zu beteiligen, in der Reihenfolge schriftliche Kommunikation > Audio-Kommunikation > Video-Kommunikation abnimmt. Ich denke, dass dies etwas ist, dass bei allen Audio- und Video-Kommunikationen im OSM-Umfeld Berücksichtigung finden sollte. Video-Treffen sind vielleicht für stark involvierte extrovertierte Leute Community-Mitglieder mit einer bestehenden Prominenz in der Community sehr bequem, sind jedoch für viele andere eher unangenehm. Und kulturelle sowie sprachliche Barrieren können durch Echtzeit-Kommunikation via Audio und speziell Video erheblich verstärkt werden.

Kommentare zu den Vorträgen

Ich hab nicht alle Vorträge der Konferenz angeschaut so dass diese Kommentare mehr anekdotische Beobachtungen als eine vollständiger Review sind. Alle Vorträge der Konferenz sind vorher aufgenommen worden während die Fragen und Antworten im Anschluss live stattfanden. Die vorherige Aufnahme der Vorträge bot den Vortragenden sehr weitreichende Möglichkeiten, welche bei einem live-Vortrag auf einer Konferenz nicht möglich wären und dies wurde von den Vortragenden sehr unterschiedlich genutzt. Ilya hat meiner Meinung nach in seinem Vortrag Send me a Postcard den innovativsten Ansatz dazu demonstriert. Ich würde allen, die in der Zukunft vor der Aufgabe stehen könnten, einen Vortrag aufzunehmen, raten, sich dies als positives Beispiel anzuschauen.

Einige der Vorträge, die ich angeschaut habe und die ich besonders interessant fand:

Allans amerikanische auf das politische Spektrum von

Allans keynote Winds of Change in OpenStreetMap – Obwohl dies nicht wirklich viele substantiell neue Informationen bietet für diejenigen, die der OSMF-Politik im Allgemeinen folgen und die in der Vergangenheit Aussagen von Allan dazu gelesen haben, bietet dieser Vortrag einen wertvollen Einblick in die Gedankenwelt und Mentalität des derzeitigen OSMF-Vorstands in Bezug auf ihre Arbeit. Obwohl Allan am Anfang deutlich macht, dass dies seine persönliche Sichtweise wiedergibt und nicht die des gesamten Vorstands scheint es auf Grundlage sonstiger Aussagen und Handlungen der anderen Vorstands-Mitglieder klar, dass sie viele der Dinge ähnlich sehen. Es gibt in dem Vortrag eine ganze Menge präzise Analyse, aber auch eine ganze Reihe von hochgradig fragwürdigen selektiven Wahrnehmungen, Annahmen und Schlussfolgerungen. Ich werd vielleicht auf einige davon separat eingehen, obwohl ich mir nicht ganz klar darüber bin, ob der Vorstand derzeit gewillt und offen dafür ist, seine Meinungen und Ansichten zur OSM-Community und zur Zukunft des OSM-Projektes sowie zur Rolle der OSMF und die Schlussfolgerungen, die er daraus zieht, in einer öffentlichen Diskussion zu verteidigen.

Frederik erklärt OpenStreetMap

Frederiks Vortrag There might have been a misunderstanding… – Wie üblich erklärt Frederik in gut verständlicher Art viele zentrale Aspekte des OpenStreetMap-Projektes, welche neuen Beitragenden wie auch Datennutzern oft Probleme bereiten, weil sie sich stark von dem Unterscheiden, was Leute von anderswo im Internet oder in der Geodaten-Welt gewohnt sind. Natürlich sind viele dieser oft missverstandenen Aspekte von OSM auch recht kontrovers und dies hat – wie weiter oben bereits angedeutet – zu einer Reihe von kritischen und in Teilen auch beleidigenden Kommentaren von Leuten geführt, die es lieber hätten, wenn diese Dinge sich bei OSM ändern würden und das Projekt damit kompatibler zu ihren Erwartungen wird. Was Frederik hier präsentiert ist jedoch größtenteils nicht Wunschdenken, wie er gerne hätte, dass OSM arbeitet, sondern die Darstellung davon, wie OpenStreetMap tatsächlich funktioniert – basierend auf vielen Jahren Erfahrung in der praktischen Tätigkeit im Projekt. Andere langfristig im Projekt tätige Leute würden dies auch größtenteils bestätigen. Egal ob man also diese Aspekte von OSM gut findet oder nicht und wie man möchte, dass sich OSM in der Zukunft entwickelt – es ist sehr nützlich, sich diesen Vortrag anzuschauen um zu verstehen, wie OpenStreetMap ‘tickt’.

Mikel verspottet Bedenken hinsichtlich Interessenkonflikten von Unternehmens-Mitarbeitern in der OSMF

Mikels Vortrag An Incomplete History of Companies and Professionals in OpenStreetMap – Im Grunde malt Mikel hier die Aktivitäten von Unternehmen in OSM und deren Geschichte in rosigen Farben und deutet an, dass man die ganzen herumliegenden Skelette in diesem Bereich am besten ignorieren sollte. Man könnte an dem Vortrag eine Menge kritisieren – die selektive Darstellung von Fakten, faktische und logische Fehler oder den Ansatz, differenzierte philosophische Kritik an den Einflüssen kommerzieller Interessen an OSM durch Ironie abzutun und ins Lächerliche zu ziehen. Wie auch immer – ich denke, dass es wertvoll ist, sich diesen Vortrag anzuschauen, um einen Einblick in die Geisteshaltung vieler Unternehmens-Mitarbeiter, die in OSM als Teil von oder in Bezug zu ihrer Arbeit involviert sind, zu bekommen.

Janet erläutert Entwicklungshilfe im ländlichen Tansania

Janets Vortrag Building mapping communities in rural Tanzania – challenges, successes and lessons learnt – Ich fand diesen Vortrag vor allem aufgrund einer bestimmten Beobachtung interessant. Zu Beginn werden eine Reihe konkreter Hilfsprojekte ohne Mapping-Bezug vorgestellt, in denen Leute in ländlichen Regionen von Tansania bei der Lösung von Problemen des täglichen Lebens geholfen wird. Und lobenswerterweise liegt der Schwerpunkt hier darauf, die Leute dabei zu unterstützen, ihre Probleme nachhaltig und unabhängig von externer Hilfe mit lokalen Mitteln anzugehen. Wenn es jedoch zum Thema Mapping und digitaler Technologien kommt, greift die selbe Initiative kritiklos auf kommerzielle Dienste und proprietäre Werkzeuge zurück und regt Leute vor Ort an, solche Dienste und Werkzeuge zu nutzen und sich damit in eine dauerhafte Abhängigkeit von nicht lokalen Unternehmen zu begeben, was ihre lokale Mapping-Tätigkeit angeht, anstatt Leute darin anzuleiten, offene Technologien und Open-Source-Werkzeuge zu nutzen, welche sie selbst kontrollieren und gestalten können.

Um das klarzustellen – ich möchte hiermit nicht behaupten, dass dieser Vortrag irgendwie ein Beispiel besonders fragwürdiger Arbeitsweise ist. Im Gegenteil, die gezeigten Beispiele zeigen, dass hier ein prinzipiellen Problembewusstsein existiert, welches anderswo fehlt. Aber der Vortrag demonstriert für mich recht gut, wie in der digitalen Welt und außerhalb davon grundsätzlich andere Maßstäbe angelegt werden, was die Ziele beim Anbieten von Hilfe und Unterstützung angeht.

Ilya wirbt für das Verschicken von Postkarten in einem innovativen Video

Ilyas Vortrag Send me a Postcard – Ich habe diesen Vortrag bereits oben erwähnt als Beispiel dafür, wie man innovativ die Möglichkeiten vorher aufgenommener Vorträge nutzen kann. Darüber hinaus kann ich diesen Vortrag auch deshalb empfehlen, weil Ilya mehr als viele andere prominente Leute in der OSM-Community ein realistisches Bild von den Herausforderungen der inter-kulturellen Kommunikation in der OSM-Community hat.

Susanne erklärt verschiedene Ansätze, einen Mapper auf Grundlage von dessen Mapping-Tätigkeit zu verorten

Susannes Vortrag Analyzing the localness of OSM data – Dies war einer der Vorträge aus dem akademischen Segment, den ich interessant fand, denn er beschäftigt sich ein bisschen damit, wie man ein Thema gewissenhaft von einer wissenschaftlichen Perspektive angeht – indem man die Konzepte, die man untersuchen möchte (hier die Lokalität von Daten und Beiträgen in OSM) kritisch evaluiert und die verwendeten Begriffe definiert bevor man mit den eigentlichen Studien beginnt. Der Vortrag stellt kaum substantielle Ergebnisse dar, so dass dieser bedeutenden Anfangsphase einer wissenschaftlichen Arbeit recht viel Gewicht im Vortrag zukommt. Wie die meisten wissenschaftlichen Studien zu OpenStreetMap versäumt natürlich auch diese Arbeit, die eigenen Voreingenommenheiten der wissenschaftlichen Profession kritisch zu hinterfragen (was sich deutlich manifestiert in der nicht hinterfragten Annahme, dass es einen inhärenten Vorteil von professionell erfassten Geodaten gegenüber der Arbeit von Hobby-Mappern geben muss), jedoch zeigt der Vortrag ansonsten eine gründliche und offene Herangehensweise an das Thema. Da ich die ökonomischen Rahmenbedingungen der institutionellen wissenschaftlichen Forschung heutzutage recht gut kenne, hab ich leider keine großen Hoffnungen, dass die hier skizzierten ambitionierten Pläne tatsächlich umgesetzt werden, ohne dass Abkürzungen gewählt werden, die die Ergebnisse entwerten. Aber der Wille zu gründlicher Arbeit ist erkennbar.

Ein Blick in die Zukunft verteilter OSM-Konferenzen

Wie bereits Eingang gesagt stellt die diesjährige SotM eine Art Experiment dar und dessen Ausgang zeigt ein bisschen, wie viel ungenutztes Potential in der Idee einer verteilten Konferenz liegt. Ob dieses Potential im Kontext von OSM langfristig genutzt wird, dürfte sehr davon abhängen, wie stark die OSMF, die SotM-Arbeitsgruppe und sowohl der wohlhabende und einflussreiche OSM jetset wie auch die traditioniellen Unterstützer der Konferenz aus der Unternehmenswelt gewillt sind, die liebgewonnene Tradition der teuren und verschwenderischen Reisen um die Welt, um sich in größerer Zahl an einem einzelnen Ort zu versammeln, zugunsten neuer und deutlich inklusiverer Möglichkeiten aufzugeben.

Ein paar weiterführende Ideen, was für zusätzliche Möglichkeiten ein virtuelles Konferenz-Format über das hinaus, was man dieses Jahr ausprobiert hat, bieten könnte:

In einer verteilten Konferenz liegt die Hürde, einen Vortrags-Vorschlag einzureichen, wesentlich niedriger, denn dies erfordert nicht die Bereitschaft, eine teure Reise zum Ort der Konferenz auf sich zu nehmen. Ich kann mir bereits vorstellen, wie manche befürchten, dass das Programm-Kommittee deshalb in Einsendungen untergehen könnte. Die Lösung dafür ist, dass man das Ganze nicht mehr aus dem Blickwinkel einer physikalischen Konferenz betrachtet. Es ist nicht wirklich erforderlich, eine Vorauswahl der Vorträge aufgrund eingereichter Zusammenfassungen vorzunehmen, man kann die Leute ganz einfach den vollständigen Vortrag einreichen lassen. Dies erfordert mehr Arbeit von Seite des Vortragenden im Vergleich dazu, einfach ein blumiges Abstract zu formulieren. Hierdurch würden nicht seriöse Einsendungen bereits aussortiert. Und die Bewertungen eines Vortrages nach ein paar Minuten durch die Aufzeichnung schauen ist im Grunde viel fairer als eine Bewertung ausschließlich auf Grundlage des Abstracts. Wenn man also das Programmkomittee Vorträge anstatt Abtracts auswählen lässt, ist dies für eine virtuelle Konferenz vermutlich besser und fairer. Alternativ könnte man auch überlegen, komplett auf die Auswahl von Vorträgen zu verzichten und den Konferenz-Besuchern alle Einreichungen zugänglich zu machen. Bei einer virtuellen Konferenz gibt es ja keine physikalischen Begrenzungen durch begrenzte vorhandene Räumlichkeiten. Dass man ggf. nicht für alle Vorträge eine moderierte live Q&A anbieten kann, ist klar – das lässt sich jedoch auch kreativ lösen.

Eine andere Idee ist, bei einer virtuellen, verteilten Konferenz nicht nur die Bindung an einen bestimmten Ort aufzuheben, sondern die Konferenz auch zeitlich mehr zu verteilen. Zeitzonen-Unterschiede sind bei einer internationalen online-Konferenz in Echtzeit ein erhebliches Problem – dies wurde bei der SotM 2020 auch recht deutlich. Also warum nicht darauf verzichten, die Konferenz auf zwei Tage zu komprimieren und stattdessen das Ganze auf einen Zeitraum von sagen wir ein bis zwei Wochen zu entzerren. Ein paar Tage vor dem Beginn des Echtzeit-Teils würden die voraufgezeichneten Vorträge den Besuchern zugänglich gemacht und können zu einem individuell wählbaren Zeitpunkt angeschaut werden. Und man hat die Möglichkeit, Fragen und Kommentare asynchron abzugeben. Vortragende haben dann etwas Zeit, sich die Fragen gründlich anzuschauen und über die Antworten nachzudenken, bevor dann in einer moderierten Echtzeit-Konferenz die Diskussion der Fragen sowie ggf. eine weitere Echtzeit-Diskussion stattfinden. Das Ganze könnte man dann abschießen mit der Möglichkeit für die Vortragenden, in den folgenden Tagen weitere Informationen in Hinblick auf die Diskussion zu ergänzen.

Allan (mit Gregory als moderator) während seiner selbst organisierten Fragerunde

Mit dem Keynote-Vortrag von Allan hatten wir im Grunde bereits eine Demonstration davon, wie so was im Ansatz funktionieren könnte. Es gab zu diesem Vortrag keine Diskussion unmittelbar im Anschluss, stattdessen gab es aber später am Abend eine längere Fragestunde in Form eines selbstorganisierten Treffens. Damit konnten Konferenzbesucher nicht nur direkt während des Vortrags Fragen stellen, sondern hallte anschließend für mehrere Stunden die Gelegenheit, den Vortrag per re-live noch mal zu schauen und in Ruhe weitere Fragen und Kommentare zu formulieren. Es war ein bisschen bedauerlich, dass Allan nicht mehr Zeit hatte, die Fragen gründlich zu lesen und länger über Antworten nachzudenken, was dann die Grundlage einer einer interessanteren Live-Diskussion und weiteren Kommentaren hätte sein können. Aber im Prinzip wurde hier bereits deutlich, dass ein langsamerer Dialog zwischen Vortragenden und Besuchern der Konferenz einen produktiveren und tiefergehenderen Diskurs ermöglichen kann.

Um diesen Beitrag abzuschließen zwei weitere Dinge: Ich betrachte es als glückliche Fügung, dass der Schritt zu einer virtuellen Konferenz dazu geführt hat, dass das Stipendien-Programm dieses Jahr nicht umgesetzt wurde. So weit ich gehört habe, war die Auswahl der Stipendiaten bereits abgeschlossen, als die Entscheidung zum Konferenz-Format fiel und der Ablauf dabei war mehr oder weniger der selbe wie im Jahr davor – trotz der fundamentalen Probleme, auf die ich zuvor hingewiesen habe und ohne dass ein gesteigertes Problembewusstsein bei der OSMF sichtbar ist. Falls das Stipendien-Programm dieses Jahr umgesetzt worden wäre und wieder mehrere zehntausend Euro OSMF-Geld unter fragwürdigen Umständen ausgegeben worden wären, hätte ich stark in Erwägung gezogen, die Konferenz dieses Jahr komplett zu boykottieren.

Für zukünftige verteilte Konferenzen sollte es recht offensichtlich sein (und zwar unabhängig davon, ob es dabei auch eine nicht virtuelle Komponente gibt) dass sich ein solcher Geldbetrag, wie er in den vergangenen Jahren für fragwürdige Kurzreisen um die Welt für eine Handvoll ausgewählter Leute ausgegeben wurde, viel wirkungsvoller zugunsten einer viel größeren Zahl von Leuten (vermutlich um den Faktor 10 bis 100 mehr!) einsetzen ließe, indem man ihnen Zugang zu der Konferenz bietet durch Finanzierung von Zugang zu digitaler Kommunikationsbandbreite und Ausrüstung vor Ort, um an der Konferenz auf die Ferne teilzunehmen. Die kann in Form von mobilen Datenpaketen für den Internet-Zugang für Einzelne für den Zeitraum der Konferenz geschehen wie auch durch die Anmietung von Konferenzräumen mit Breitband-Internetzugang für Gruppen lokaler Mapper – es gibt da viele Möglichkeiten.

Und zum Schluss möchte ich auch meine Wertschätzung für die Organisatoren ausdrücken dafür, dass sie es geschafft haben, dass gesamte System für die verteilte Konferenz weitestgehend auf Grundlage von Open-Source-Software und offenen Plattformen umzusetzen. Wie andere bereits angemerkt haben, gibt es noch Raum für Verbesserungen, indem man nicht prominent proprietäre Kommunikationsplattformen wie Twitter, Telegram und Slack bewirbt. Aber die Absicht, in der Kern-Infrastruktur ausschließlich offene Systeme zu nutzen, ist klar sichtbar. Dies ist besonders lobenswert, wenn man bedenkt, dass dies leider nicht gleichermaßen für die gesamte OSM-Welt oder sogar die FOSS-Welt gilt, wo Veranstaltungen aufgrund von Corona teils ohne solche Grundsätze ins Virtuelle verlagert wurden.

Es wäre nicht das Internet ohne Katzen-Content – Ilya’s Katze hat ihren Auftritt

1. Juli 2020
von chris
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SotM-2020-Illustrationen – Projektionen und Generalisierungs-Fallstricke bei symbolischen Karten

Die State-of-the-Map-Konferenz 2020 hat kürzlich zwei Illustrationen für die Produktion von T-shirts und Aufklebern vorgestellt und ich möchte hier ein paar kartographisch-gestalterische Aspekte davon kommentieren.

Obwohl ich nicht weiß, wann diese Illustrationen ursprünglich produziert worden, scheinen sie in gewisser Form die Merkwürdigkeiten der virtualisierten Konferenz widerzuspiegeln. Während die Konferenz zwar völlig nicht-physikalisch abläuft wird versucht, so weit wie möglich den Eindruck aufrecht zu erhalten, dass es sich hierbei irgendwie doch um eine Vor-Ort-Veranstaltung handelt, was meiner Meinung nach ungünstigerweise auch ein gewisses Aufrechterhalten der Exklusivität der Konferenz beinhaltet, wo die Kosten einer Teilnahme für den Besucher durchschnittlich in der Größenordnung von mindestens 1000 Euro gelegen hätten. Während die Teilnahme an der virtuellen Konferenz als Besucher jetzt jedem ohne finanzielle Hürde offen steht, wird das Haupt-Vortrags-Programm weiterhin ausschließlich von Leuten bestritten, welche ursprünglich bereit und in der Lage dazu waren, für diesen Zweck nach Südafrika zu reisen. Aber das ist Thema für eine andere Diskussion. Hier geht es erst einmal um Kartographie.

Die vorgestellten und hier diskutierten Illustrationen sind die folgenden (gestaltet von Bernelle Verster, CC-BY-SA 4.0):

Offizielles SotM 2020 T-shirt-Design

Offizielles SotM 2020 Aufkleber-Design

Die Karten-Projektionen

Zunächst einmal ist es erfrischend zu sehen, dass keine dieser Illustrationen eine Mercator-Karte verwendet. Das ist vielversprechend und vorbildlich, wenn man die überwältigende Dominanz der Mercator-Projektion in der OpenStreetMap-Welt bedenkt wo die Erde im Grunde ein Quadrat ist und die große Mehrheit der Leute, welche Karten produzieren, wie auch eine große Mehrheit der OSM-spezifischen Tools zur Karten-Produktion nichts anderes kennen.

Was für Karten-Projektionen hat man also hier gewählt? Die erste Illustration verwendet eine Dymaxion- oder Airocean-Projektion. Dies ist eine Variante der Klasse der ikosaedrischen Projektionen, welche die näherungsweise kugelförmige Erdoberfläche auf einen Ikosaeder abbilden und diesen dann in irgendeiner Weise aufschneiden, um eine flache Karte zu produzieren.

Einfache ikosaedrische Projektion

Die Dymaxion-Projektion ist ein bisschen komplizierter als die einfache ikosaedrische Projektion dadurch, dass an einigen Stellen der Ikosaeder nicht an den Kanten, sondern durch die Flächen aufgeschnitten wird. In Kombination mit einer optimierten Ausrichtung des Ikosaeders, erlaubt diese Abbildung die zusammenhängende Darstellung der Landmassen der Erde ohne dass größere Landflächen geschnitten werden bei gleichzeitig recht geringer Verzerrung bei der eigentlichen Abbildung der Kugeloberfläche auf die Seiten des Ikosaeders, was insgesamt zu einer Karte mit recht geringen Verzerrungen führt.

Die Dymaxion-Projektion

Diese Projektion hat auch eine andere besondere Eigenschaft, es handelt sich um eine unterbrochene Abbildung, bei der der Rand in seiner Gesamtlänge deutlich länger ist als der halbe Erdumfang. Es gibt noch andere, weiter verbreitete unterbrochene Abbildungen wie die folgende.

Beispiel einer anderen unterbrochenen Abbildung

Der Vorteil solcher Unterbrechungen liegt darin, dass sie es erlauben, innerhalb der nicht unterbrochenen Teile geringen Maßstabs- mit geringer Form-Verzerrung zu verbinden. Der Nachteil besteht jedoch darin, dass man Beziehungen über die Unterbrechungen hinweg in der Karte nicht ordentlich darstellen kann. Im Fall der Dymaxion-Projektion sind die Unterbrechungen über dem Meer platziert und so lange der Kartennutzer sich nur für das Land interessiert, ist das kein Problem. Zusammenhänge wie die räumliche Nähe zwischen Afrika und Südamerika über den Atlantischen Ozean hinweg jedoch sind nicht zu erkennen.

Eine andere wichtige Eigenschaft dieser Projektion ist, dass die Karte in keiner Form an der Rotationsachse der Erde ausgerichtet ist. Manche sehen darin einen Vorteil, denn sie meinen, dass die Kugelgestalt der Erde keine Vorzugsrichtung in der Darstellung rechtfertigt. Dies jedoch vernachlässigt die Tatsache, dass die Rotation der Erde um ihre Achse von fundamentaler Bedeutung für den Planeten ist und eine Kartenprojektion, welche dies nicht berücksichtigt, ist schlecht geeignet, um zum Beispiel Klimazonen oder andere Phänomene im Zusammenhang mit der Erdrotation zu illustrieren.

Für das Logo einer Konferenz in Südafrika ist diese Projektion eine interessante Wahl, denn Südafrika ist ziemlich an der Periferie der Dymaxion-Karte gelegen – gegenüberliegend zur Hauptachse der Karte, welche durch den Rand des Pazifischen Ozeans gebildet wird. Ich bin mir nicht sicher, ob dies eine bewusste Entscheidung bei der Wahl der Projektion war, aber in gewisser Hinsicht zelebriert die Dymaxion-Karte recht prominent die ausgezeichnete Position des südlichen Afrikas auf der Erde.

Es gibt in der konkreten Gestaltung der Karte für das T-shirt-Design eine Reihe von Merkwürdigkeiten. Eine davon ist eine Phantom-Insel im Pazifischen Ozean westlich der Galapagos-Inseln, welche in der realen Welt nicht existiert. Eine andere ist die falsche Platzierung der Kerguelen-Insel am oberen Rand der Karte in etwa nur der Hälfte des Abstands von Australien im Vergleich zur wirklichen Position.


Die Illustration für den Aufkleber wählt, was die Karten-Projektion angeht, einen völlig anderen Ansatz und verwendet eine orthographische Projektion mit Südafrika in der Mitte. Dies entspricht im Grunde dem Erscheinungsbild der Erde aus unendlicher Entfernung über dieser Position. Diese Darstellung zeigt logischerweise nur die Hälfte des Planeten – was für Leute aus Nordamerika insbesondere etwas ärgerlich sein mag.

Als zusätzliche Besonderheit verwendet die Karte eine Orientierung mit Süden in etwa oben – hierdurch wird die Antarktis in etwa dort platziert, wo das Logo die Karte überdeckt.

Fallstricke bei der Generalisierung

Die Aufkleber-Karte bringt mich dann auch zum zweiten Thema dieses Beitrags – den Fallstricken bei der kartographischen Generalisierung für die Gestaltung von Karten wie dieser. Das Problem, mit dem man hier konfrontiert ist, liegt darin, dass man für ein T-shirt oder einen Aufkleber nicht eine übertrieben detailreiche Karte haben möchte, sondern eine klare Darstellung wo die Formen in der Karte gut wiedererkennbar sein sollen. Dies ist eine Standard-Aufgabe für die kartographischen Generalisierung, jedoch werden Karten wie diese leider in den seltensten Fällen von Kartographen gestaltet. Das offensichtlichste Problem mit der Generalisierung hier besteht darin, dass das Rote Meer, das Mittelmeer und das Schwarze Meer in der Aufkleber-Karte kurzerhand zu Seen degradiert wurden. Das ist ein großer Fauxpas in der Kartographie (auch wenn man leider sehen muss, dass dies auch in interaktiven Online-Karten auftritt, welche halt oft von Software-Entwicklern gestaltet werden ohne ausreichende kartographische Erfahrung).

Ein anderes Problem – welches leider auch ansonsten in kleinmaßstäblichen Karten verbreitet ist – besteht in der Inkonsistenz darin, welche Inseln auf der Karte gezeigt werden und welche nicht. Die Dymaxion-Karte zeigt Hawaii, Galapagos und sogar die südlichen Orkneyinseln, jedoch weder die Falkland-Inseln, die kleinen Sunda-Inseln oder Neukaledonien.

Keine der beiden Karten verwendet anscheinend OpenStreetMap-Daten als Grundlage – was natürlich ein bisschen ironisch ist für eine OpenStreetMap-Konferenz. Die beiden Karten scheinen sogar unterschiedliche Datengrundlagen zu verwenden, was in der Antarktis sichtbar ist, wo die Dymaxion-Karte das Ross-Schelfeis nicht darstellt, das Filchner-Ronne-Schelfeis jedoch schon, während dies bei der Aufkleber-Karte genau andersherum ist. Ich hoffe, dass dies deutlich macht, warum die Auswahl von Datenquellen und die Verwendung genauer Daten von bekannter und konsistenter Qualität nichts ist, worauf man für kleinmaßstäbliche Darstellungen einfach so verzichten kann. Obwohl dies bereits in vor-digitalen Zeiten gängige Praxis war, ist die Wahl von möglicherweise Jahrzehnte alten Daten unbekannter Herkunft aus Bequemlichkeit, weil sie für den Anwendungszweck bereits geeignet vorverarbeitet wurden, selten eine gute Idee und führt oft zur Replikation von Fehlern.

Inkonsistente Darstellung der Antarktis in beiden Karten

Um zu demonstrieren, dass sich die Darstellungen in den diskutierten Punkten verbessern lassen, habe ich von beiden Illustrationen alternative Versionen produziert. Man kann die unterhalb ansehen und herunterladen. Alle unter CC-BY-SA-Lizenz wie die Originale. Unter Verwendung von ODbL-OpenStreetMap-Daten.

Die Projektion beim Aufkleber ist – obwohl sehr ähnlich – nicht exakt identisch und bei T-shirt gibt es mehrere Version mit unterschiedlichen Generalisierungsgraden und Gestaltungen der Küstenlinie. Wer diese weiter individualisieren möchte, kann das gerne tun.

Ich hoffe, dass sowohl die Diskussion der Probleme in den Karten dieser Illustrationen als auch die Demonstration von Verbesserungen Designern helfen, besser zu verstehen, dass Qualität in der kartographischen Arbeit der Kern von Qualität in jeder Art von Grafik-Design ist, welches Karten verwendet. Vielleicht helfen die hier diskutierten Beispiele den interessierten Lesern dabei, einen besseren Blick dafür zu entwickeln, was Qualität in der Kartographie insbesondere bei kleinen Maßstäben bedeutet.

Aufkleber-Gestaltung mit besserer Generalisierung der Küstenlinie auf Grundlage von OSM-Daten (SVG)

Nur die Karte ohne Logo und Text

T-shirt-Design mit verbesserter Generalisierung – Version mit wenig Details (SVG)

T-shirt-Design mit verbesserter Generalisierung – Version mit mehr Details (SVG)

T-shirt-Design mit verbesserter Generalisierung – Version mit Farbfüllung (SVG)

Dies sind natürlich auch Beispiele für die Arbeiten zu Kartengestaltung und Generalisierung von Geodaten, die ich anbiete. Wer Bedarf in diesem Bereich hat, kann mich gerne kontaktieren.

20. Juni 2020
von chris
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Einzelsymbol-Muster in Karten

Ich hab hier sowohl theoretisch als auch praktisch schon einiges zur Verwendung von Flächenmusters für die Charakterisierung von Flächen in Kartendarstellungen geschrieben. Durch die Verwendung von Bild- als auch Strukturmustern lässt sich eine Fläche gut zusätzlich charakterisieren, ohne dass dabei eine große und damit potentiell verwirrende Anzahl von Farben verwendet werden muss.

Muster, welche das selbe Symbol entweder in einer zufälligen oder regelmäßigen periodischen Anordnung dartellen, sind sehr gut geeignet für Flächen, die in Form und Größe stark variieren. Die sich wiederholende Anordnung der Symbole stellt sicher, dass sie auch auf Grundlage nur eines Teils der Flächen erkennbar sind.

Bild- und Strukturmuster zur Differenzierung von Flächen

Wenn man jedoch Flächen von relativ geringer Größe und einheitlicher Form behandelt dann ist dieser Vorteil von geringer Bedeutung und im Falle von Bildsymbolen ist die wiederholte Darstellung des Symbols redundant und erzeugt in vielen Fällen unnötiges Rauschen. Traditionell werden kleine Flächen-Elemente in interaktiven digitalen Karten deshalb oft durch einzelne Punktsymbole dargestellt. Dies hat jedoch verschiedene Nachteile, insbesondere, dass die Punktsymbole sich gegenseitig blockieren und mit den Beschriftungen konkurrieren.

Blockierende Punktsymbole

Eine Idee für eine alternative Darstellungsform ist, was ich ein Einzelsymbol-Muster nennen würde. Dies bedeutet im Grunde, dass man ein Einzelsymbol für das Polygon darstellt, aber dies nicht als kräftiges Punktsymbol über allen Linien- und Flächensignaturen der Karte wiedergibt, welches andere Symbole und Beschriftungen blockiert, sondern wie ein Flächen-Muster als Erweiterung und Variation der Füllfarbe des Polygons.

Der Anwendungsfall, für den ich dies jetzt mal ausprobiert habe, sind Sportplätze. In OSM-Carto werden Sportplätze in einem recht kräftigen Grünton dargestellt, welcher die recht spezifische Natur dieser Elemente widerspiegelt. Die Plätze werden aber unabhängig von der Sportart identisch dargestellt.

Eine Möglichkeit zur Illustration der Sportart, für die ein Sportplatz konzipiert ist und verwendet wird, besteht in der Darstellung der Linien-Markierungen für die jeweilige Sportart. Im Kontext von OpenStreetMap wurde dies in der Vergangenheit sowohl händisch durch Mapper versucht, die Spielfeld-Markierungen explizit händisch als barrier=line erfasst haben – als auch automatisch, eine Idee, die zuerst im französischen OSM-Stil implementiert wurde und später in einer Variante, die die Unterschiedlichen Maßstäbe bei unterschiedlichen Breiten berücksichtigt im deutschen Stil. Dieser Ansatz hat jedoch die Nachteile, dass er (a) nur für Sportarten geeignet ist, welche spezielle Spielfeld-Markierungen nutzen, (b) wenig intuitiv für den Leser ist, der nicht mit den Details der Sportart vertraut ist und somit den Code, den die Linien darstellen, nicht lesen kann und (c) diese Darstellung das Potential hat, mit anderen Linien-Signaturen im Stil verwechselt zu werden.

Spielfeld-Markierungen von Sportplätzen im deutschen Stil

Mapnik bietet keine technisch einfache und gleichzeitig elegante Methode zur Darstellung von Einzelsymbol-Mustern als Polygon-Füllung. Natürlich kann man ein normales Muster verwenden, welches sehr groß ist, aber nur ein einzelnes Symbol in der Mitte beinhaltet und viel leeren Raum drumherum, so dass die Wiederholungen praktisch nicht sichtbar sind. Aber das ist weder elegant, noch bietet es eine angemessene Möglichkeit, das Symbol mittig auf dem Spielfeld zu platzieren. Die Technik, für die ich mich hier stattdessen entschieden habe, basiert darauf, die Füllung der Spielfeld-Flächen zunächst auszuschneiden (mit comp-op: dst-out) und anschließend mit der Füllfarbe und den Symbolen als Punkt-Markierungen zu hinterlegen (mit comp-op: dst-over).

Einzelsymbol-Muster-Darstellung von Fußballplätzen

Was ich mit dieser Änderung auch ausprobiere ist, das Symbol auf die doppelte Größe zu vergrößern, wenn das Spielfeld in der Darstellung dafür ausreichend groß ist. Dies hilft der Lesbarkeit der Symbole, insbesondere auch dann, wenn Beschriftungen diese überlappen (was wie erwähnt vorkommen kann, denn die Symbole blockieren ja keine anderen Elemente).

Vergrößerte Symbole für größere Sportplätze

Für die Gestaltung der Symbole hab ich den Ansatz gewählt, alle Sportarten einheitlich durch die Darstellung einer Person zu illustrieren, die den Sport ausübt. Das ist ein recht weit verbreiteter Ansatz in der Symbologie von Sportarten ganz allgemein, ist aber bei digitalen Karten bisher nicht so verbreitet, so dass ich die meisten Symbole neu entwickeln musste. Ein einheitliches Design-Konzept für die Symbole hilft dabei, zu erkennen, dass diese eine Gruppe darstellen, welche eine bestimmte Klasse von Elementen in der Karte visualisiert.

Alle Sportarten, für die ich Symbole entwickelt habe

Wie üblich ist diese Änderung im Alternative-colors-Stil verfügbar. Weitere Beispiele (alle auf Grundlage von ODbL OpenStreetMap-Daten – wie auch alle anderen nicht abstrakten Beispiele weiter oben):

10. Juni 2020
von chris
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Aufnahme-Grenzen von Satelliten

Als ich kürzlich das „Green Marble“ Mosaik Version 2 vorgestellt habe, erwähnte ich, dass die Land-Darstellung darin auf MODIS-Daten basiert, während die Wasser-Darstellung auf Grundlage von Sentinel-3-OLCI-Daten produziert ist. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Einer davon ist, dass es derzeit nur recht wenige Erdbeobachtungs-Satelliten gibt, welche die gesamte Oberfläche des Planeten aufnehmen. Ich habe die Aufnahme-Grenzen einzelner Satelliten bereits in der Vergangenheit diskutiert und möchte hier das Ganze einmal etwas systematischer betrachten.

Wie ich schon in der Vergangenheit mehrmals erläutert habe, nehmen die meisten Erdbeobachtungs-Satelliten ihre Bilder aus einer Sonnen-synchronen Umlaufbahn auf, was bedeutet, dass die Bahnebene des Satelliten entgegen der Rotationsrichtung der Erde um den Planeten rotiert und dadurch die Orientierung der Umlaufbahn zur Sonne konstant bleibt. Um das zu erreichen, muss der Satellit eine bestimmte Bahnneigung aufweisen – abhängig von seiner Bahnhöhe. Da die Bahnhöhen von Erdbeobachtungs-Satelliten sich in einem recht schmalem Bereich bewegen, sind auch ihre Bahnneigungen recht ähnlich. Die Bahnneigung definiert auch, wie weit nördlich und südlich der Satellit am nördlichen und südlichen Ende der Umlaufbahn fliegt. Wenn ich die Grenze der Bodenlinien der Satellitenbahnen auf einer Karte aufzeichne, erhalte ich das folgende Bild für die meist verwendeten Erdbeobachtungs-Satelliten, welche offene Daten produzieren.

Südliche Grenzen der Umlaufbahnen von Erdbeobachtungs-Satelliten, welche offene Daten produzieren

Nördliche Grenzen der Umlaufbahnen von Erdbeobachtungs-Satelliten, welche offene Daten produzieren

Die Satelliten mit dem VIIRS-Instrument (Suomi NPP und NOAA-20) weisen mit etwa 834km die größte Bahnhöhe auf und damit liegt dir Grenze der Umlaufbahnen bei der niedrigsten Breite. Die Satelliten mit den niedrigsten Umlaufbahnen sind Landsat und die MODIS-Satelliten (Terra und Aqua) mit einer Bahnhöhe von etwas über 700km.

Die tatsächliche Aufnahme-Grenze der Satelliten bestimmt sich aus der nördlichen und südlichen Grenze der Umlaufbahnen plus der halben Sichtfeld des Satelliten. Dies führt dazu, dass, wie im Folgenden illustriert, die Sentinel-2-Satelliten Bilder etwas weiter nach Norden und Süden aufnehmen als Landsat – trotz der größeren Bahnhöhe der Satelliten. Bei Landsat haben wie aber zusätzlich die Praxis der off-Nadir-Aufnahmen, bei denen der Satellit zur Seite blickt. Die Grenze dieser Aufnahmen, wie sie routinemäßig durchgeführt werden, ist durch eine gepunktete Linie illustriert.

Südliche Grenzen von Umlaufbahnen und Aufnahmen von Sentinel-2 (rot) und Landsat (violett) einschließlich off-Nadir-Aufnahmen (gepunktet)

Nördliche Grenzen von Umlaufbahnen und Aufnahmen von Sentinel-2 (rot) und Landsat (violett) einschließlich off-Nadir-Aufnahmen (gepunktet)

Die Situation wird etwas komplizierter, wenn wir zu den Satelliten mit niedriger Auflösung kommen. Beide Instrumente von Sentinel-3 nehmen ein asymmetrisches Sichtfeld auf und weisen deshalb unterschiedliche Aufnahme-Grenzen im Norden und Süden auf – Im Norden reichen die Aufnahmen bis zum Pol so dass es keine Grenze gibt während im Süden die im folgenden Bild in blau gezeigten Grenzen auftreten. Weiter südlich ist die Grenze von GCOM-C SGLI-Aufnahmen gezeigt – welche im Norden und Süden identisch ist.

Südliche Grenzen von Umlaufbahnen und Aufnahmen von Sentinel-3 (blau) and GCOM-C SGLI (violett) die Überlappungen über den Pol hinaus von MODIS (türkis gestrichelt) and VIIRS (grün gestrichelt)

Nördliche Grenzen von Umlaufbahnen und Aufnahmen von Sentinel-3 (blau) and GCOM-C SGLI (violett) die Überlappungen über den Pol hinaus von MODIS (türkis gestrichelt) and VIIRS (grün gestrichelt)

Keine Aufnahmegrenzen weder im Norden noch im Süden gibt es bei MODIS und VIIRS – beide reichen bis über die Pole. Dies sind folglich die einzigen verfügbaren Datenquellen, welche derzeit regelmäßig eine tatsächlich globale Abdeckung der gesamten Erdoberfläche im sichtbaren Spektrum bieten. Was ich in den Karten mit einer gestrichelten Linie eingezeichnet habe, ist die Grenze der Überlappung über den Pol hinaus – innerhalb dieser Kreise werden deshalb doppelt so viele Aufnahmen aufgenommen wie außerhalb.

Was man im Hinterkopf behalten muss ist, dass die Umlaufbahnen der Satelliten sich wie Eingangs erwähnt sehr stark ähneln und die unterschiedlichen Aufnahme-Grenzen vor allem aus den unterschiedlichen Sichtfeld-Breiten resultieren. Jedoch gilt auch, dass je breiter das Sichtfeld eines Satelliten ist desto stärker nimmt die Auflösung der Bilder in den Randbereichen ab, denn die Erdoberfläche ist dort sehr viel weiter vom Satelliten entfernt als in der Mitte. Folglich ist die Auflösung der Bilder an den Polen selbst dann, wenn der Satellit diese mit aufnimmt, deutlich geringer als bei niedrigeren Breiten, wo für jeden Punkt die besten verfügbaren Bilder immer sehr viel näher an der Bildmitte liegen.

19. Mai 2020
von chris
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Korruption und OpenStreetMap

Ich möchte hier über ein Thema schreiben, welches mich schon seit längerem beschäftigt und welches in letzter Zeit durch eine Reihe von Entwicklungen in OpenStreetMap und insbesondere in der OpenStreetMap Foundation an Dringlichkeit gewonnen hat. Diese Entwicklungen sind insbesondere:

  • Die Großspenden, die die OSMF während der letzten beiden Jahre erhalten hat.
  • Der massive Anstieg in den Einnahmen der OSMF durch Unternehmens-Mitgliedschaften seit 2016.
  • Dem gegenüberstehend die Zunahmen in den Ausgaben der OSMF, insbesondere durch die SotM-Stipendien und das jetzt gestartete Microgrants-Programm.
  • Die massive Ausweitung bezahlter Aktivitäten in OpenStreetMap – sowohl was Mappen betrifft als auch anderweitig.
  • Die zunehmende Präsenz und Aktivität von Mitarbeitern von Unternehmen mit Interessen an OSM in der OSMF – einschließlich Versuche, systematisch Einfluss zu nehmen.

Was ich mit Korruption meine

Einige Leser dürften beim Lesen des Titels schon etwas die Nase gerümpft haben aufgrund der Verwendung des bösen Begriffes Korruption. Ich möchte deshalb zunächst erläutern, was ich damit meine und warum ich der Ansicht bin, dass dies nicht nur ein angemessener Begriff in diesem Zusammenhang ist, sondern es sogar sehr wichtig ist, diesen Begriff in der Diskussion zu verwenden.

Was ich meine, wenn ich von Korruption spreche, ist, wenn Macht, die jemandem im Interesse des Gemeinwohls übertragen wurde, zur Förderung spezieller oder privater Interessen genutzt wird. Wichtig ist dabei, dass Korruption meist nicht generell illegal ist. Es gibt korrupte Handlungen wie Bestechung oder Erpressung, welche recht umfassend verboten sind, zumindest auf Seite des Profiteurs solcher Handlungen, es gibt jedoch auch Handlungen, welche unter die oben genannte Definition fallen, welche aber verbreitet gesellschaftlich akzeptiert und oft sogar als bewundernswert angesehen werden, wie zum Beispiel geschicktes Netzwerken. Darüber hinaus entsteht legale Korruption auch dadurch, dass Regeln in konkreten Zusammenhängen (sei es im Falle der Gesetze eines Landes oder aber im kleineren Rahmen wie im Zusammenhang mit Regeln in OpenStreetMap) bereits so gestaltet sind, dass sie bestimmte spezielle oder private Interessen gegen das Gemeinwohl begünstigen oder indem solche Regeln so gestaltet werden, dass sie Arten von Korruption unterstützen, welche entweder als harmlos oder von denen in Machtposition als nützlich gesehen werden.

Es gibt eine ganze Menge Literatur und Analysen zu praktischer Korruption und zu ihren Auswirkungen und ihrer Dynamik. Recht breit anerkannt sind zum Beispiel die folgenden Zusammenhänge:

  • Das Auftreten von Korruption oder sogar nur die Wahrnehmung davon erzeugen oft weitere Korruption, denn Menschen verlieren dadurch das Vertrauen darin, ohne Korruption Dinge erreichen zu können.
  • Bedingt dadurch ist der Schaden, den Korruption in einer Gemeinschaft anrichtet, oft deutlich größer, als der eigentliche Schaden der korrupten Handlung in Form der Vorteile, die dadurch vom Gemeinwohl weg hin zu speziellen Interessen umgeleitet werden.
  • Korruption ist oft ein doppeltes Wahrnehmungs-Problem – Leute, die an korrupten Aktivitäten beteiligt sind, nehmen sich selbst oft nicht als korrupt wahr und Leute in korrupten Organisationen/Gemeinschaften erkennen oft nicht die Anzeichen korrupter Aktivitäten als solche.
  • In Verbindung dazu: Obwohl es sich bei Korrpution letztendlich um ein moralisches Problem handelt, stehen Leute, die sich mit Korruption in einer Gemeinschaft konfrontiert sehen, oft nicht vor einer Wahl zwischen gut und schlecht, sondern vor einem echten moralischen Dilemma.
  • Geld ist der wichtigste Katalysator für Korruption, ist aber keine zwingende Voraussetzung dafür, das Korruption funktioniert.
  • Korruption ist meist sehr robust gegenüber Versuchen, sie zu bekämpfen – hauptsächlich weil sie sich tief in den Einstellungen und Glaubensvorstellungen der Leute verwurzelt und diese durch Regeln und Sanktionen wie auch durch sich verändernde soziale Normen nur wenig beeinflusst werden.

Unternehmen haben meist ein ambivalentes Verhältnis zu Korruption. Wenn ein Mitarbeiter eines Unternehmens korrupt ist und für externe Interessen statt für die Interessen des Unternehmens arbeitet ist das offensichtlich von Nachteil für das Unternehmen. Korruption außerhalb des Unternehmens selbst jedoch kann von Vorteil für die privaten Interessen des Unternehmens sein und ist folglich potentiell nützlich und gewinnbringend.

Interessenkonflikte und Korruption als Compliance-Problem

Dass der Begriff Korruption weit verbreitet als böses Wort angesehen wird, hat viel damit zu tun, dass unsere Gesellschaften und insbesondere die Geschäftswelt ein ambivalentes Verhältnis zur Korruption hat. Aus diesem Grund hat sich in der englischen Sprache ein Begriff als weniger problematisches Chiffre etabliert, um über Korruption zu sprechen – der conflict of interest – auf deutsch: Interessenkonflikt. Ein Interessenkonflikt ist im Grunde eine Situation, aus der Korruption erwachsen kann. Darüber kann man in harmloser Art und Weise sprechen und so hat sich der Begriff insbesondere im englischsprachigen Bereich als sozial und politisch akzeptabel etabliert, um über Regeln und Prozeduren zum Umgang mit solchen Regeln zu reden, ohne tatsächlich stattfindende Korruption zu identifizieren und sich bewusst zu machen. Die eigentliche Korruption kann damit quasi im Schrank verborgen bleiben, während man auf Prozeduren zum Umgang mit Interessenkonflikten verweisen kann, um zu zeigen, dass man etwas tut oder den rechlichen Erfordernissen entspricht.

  • Da Interessenkonflikte nicht als problematisch an sich aufgefasst werden, beschäftigen sich die Regeln dazu fast immer mit dem Umgang mit und dem Management von Interessenkonflikten und nicht mit der Vermeidung von solchen. Regeln zum Management von Interessenkonflikten jedoch können oft Korruption nicht zuverlässig verhindern, sie verschieben diese häufig nur in weniger sichtbare Kanäle wo sie schwieriger zu identifizieren und zu bekämpfen ist.
  • Die Identifikation von Interessenkonflikten ist fast immer ein Wahrnehmungs-Problem. Wenn man darauf vertraut, dass Leute ihre eigenen Interessenkonflikte identifizieren funktioniert dies meist nicht. Wie ich weiter oben schon erläutert habe, halten sich die meisten korrupten Leute selbst gar nicht für korrupt und haben kein oder nur ein sehr eingeschränktes Bewusstsein über das Problem. Eine externe Aufsicht und Kontrolle kann helfen, kann jedoch selbst auch Ziel und Ort von Korruption sein.

Insgesamt betrachtet kann die Handhabung von Interessenkonflikten nur im begrenzten Umfang mit Korruption helfen und verhindert sie typischerweise nicht zuverlässig. Und wenn Regeln zum Umgang mit Interessenkonflikten nur mit dem Ziel der Compliance implementiert werden (zum Beispiel in Hinblick auf rechtliche Anforderungen) dann kann dies sogar kontraproduktiv sein, denn es kann andere, effektivere Maßnahmen gegen Korruption verhindern.

Korruption in OpenStreetMap und warum dies ein Problem ist

Wenn man also bedenkt, dass Korruption nicht notwendigerweise illegal ist und dass den rechtlichen Anforderungen durch die Implementation von Regeln zu Interessenkonflikten genüge getan werden kann – warum sollte dies dennoch ein Problem für OpenStreetMap darstellen?

OpenStreetMap bietet als Projekt der gleichberechtigten Zusammenarbeit von Individuen im Grunde eine sehr geringe Angriffsfläche für Korruption. Allerdings haben Leute im Projekt trotz der eigentlich egalitären sozialen Struktur unterschiedliche Rollen und solche Rollen bedeuten oft auch, dass Leuten Aufgaben anvertraut werden, die eine Form von Macht und Einfluss mit sich bringen. Das do-ocratische System, auf welches die OSM-Community stolz ist (und welches oft die Grundlage der Zuweisung von Aufgaben mit Macht und Einfluss ist) ist inhärent anfällig für Korruption, denn die Fähigkeit von Leuten, Dinge zu tun – die Grundlage der Do-ocratie – kann oft massiv on äußeren Interessen und Geld beeinflusst werden. Wir sehen dies recht offensichtlich auf der Ebene des Mappings, wo organisierte und bezahlte Aktivitäten in vielen Teilen der Welt einen erheblichen Anteil der gesamten Mapping-Aktivitäten ausmachen. Wir sehen dies jedoch auch zum Beispiel bei Entwicklungs-Arbeiten, wo viele Positionen mit Einfluss von Leuten ausgefüllt werden, die von speziellen Interessen bezahlt werden.

Diese Art von Korruption hat das Potential, die fundamentalen Grundlagen von OpenStreetMap als sozialem Projekt komplett zu unterminieren. Wenn Freiwillige im Projekt sehen, dass sie um etwas im Interesse des Projektes zu erreichen (a) sich hauptsächlich mit Leuten auseinandersetzen müssen, die von äußeren Interessen für ihre Arbeit bezahlt werden und (b) dass die entweder einen harten Kampf gegen spezielle Interessen führen müssen, oder sich selbst und ihre Vorhaben an diesen Interessen ausrichten müssen, um etwas im Interesse des Gemeinwohls zu erreichen, dann kann das massiv demotivierend wirken und wird vor Allem dazu führen, dass qualifizierte Leute mit Interesse am Gemeinwohl sich aus dem Projekt zurückziehen – oder aber sich anpassen und selbst korrupt werden.

Korruption als zentrales Problem der OpenStreetMap Foundation

Im Prinzip deutlich mehr vom Problem der Korruption betroffen als die OSM-Community als Ganzes ist die OpenStreetMap Foundation. Ich habe am Anfang dieses Beitrags bereits verschiedene verschiedene substantielle Änderungen aufgelistet, die in der letzten Zeit als starke Antriebs-Faktoren für Korruption in der OSMF hinzugekommen sind. Was das Problem darüber hinaus noch deutlich verstärkt ist das fast vollständig fehlende Problembewusstsein dafür in der OpenStreetMap Foundation.

Der OSMF-Vorstand hat kürzlich ein neues Regelwerk für den Umgang mit Interessenkonflikten beschlossen, worin explizit klargestellt wird, dass sie Korruption ausschließlich als Compliance-Problem auffassen. Was darin gemacht wird ist im Grunde nur, den Status Quo im Umgang mit Korruptions-Risiken zu kodifizieren (welcher selbst ausschließlich in Bezug auf die Erfüllung rechtlicher Anforderungen fragwürdig ist, welcher aber definitiv unzureichend ist zur tatsächlichen Prävention von Korruption) und zu postulieren, dass dies ausreichend ist, um den Anforderungen britischen Rechts zu genügen. Darüber hinaus gibt es in der OSMF keinerlei allgemeine Maßnahmen zur Korruptions-Prävention. Insbesondere gibt es

  • keine Regeln irgendwelcher Art, was jemanden für irgendeine Position in der OSMF disqualifiziert. Einige der Arbeitsgruppen haben ihre eigenen Regeln zur Mitgliedschaft, welche verhindern sollen, dass Leute mit einem offensichtlich hohen Korruptions-Risiko Mitglied werden. Dies wird jedoch vom OSMF-Vorstand lediglich toleriert und solche Arbeitsgruppen erfahren teils auch Ablehnung und Neid aus dem Rest der OSMF, weil ihnen von der Community mehr Vertrauen entgegen gebracht wird, da sie als Inseln der Integrität wahrgenommen werden.
  • Es gibt außer formellen finanziellen Audits keine unabhängige Aufsicht irgendwelcher Art oder eine detaillierte Transparenz was Geldausgaben der OSMF angeht. Und die finanziellen Audits werden wiederum lediglich als Compliance-Problem angesehen. Dies betrifft sowohl Anschaffungen von IT-Infrastruktur als auch Dinge wie SotM-Stipendien. In letzterem Fall scheint der OSMF-Vorstand das Problem sogar aktiv zu ignorieren, indem er seine Verantwortung für diese Ausgaben zurückweist und eine finanzielle Unabhängigkeit der SotM-Arbeitsgruppe deklariert.
  • Der vorherige Punkt ist sichtbar auch nicht ausschließlich ein Problem alter Strukturen aus einer Zeit, wo die OSMF und OSM beide sehr viel kleiner waren, sondern ein aktuelles Problem, welches entweder aus mangelndem Problembewusstsein oder Unwillen etwas zu ändern herrührt. Dies hat sich durch das kürzlich eingeführte Microgrants-Programm gezeigt. Diese Art der Geld-Verteilung birgt inhärent ein sehr hohes Risiko von Korruption wie sich vermutlich jeder vorstellen kann. Dennoch hat der OSMF-Vorstand in seinem Beschluss zu den Parametern dieses Programms keinerlei Regeln zu Korruptions-Prävention formuliert. Es gibt hier ebenso wie anderswo keine Kriterien, die Leute dafür disqualifizieren würden, eine Rolle darin zu spielen – weder für die Beteiligung im Komitee für die Auswahl der Bewerber (wo die meisten Komittee-Mitglieder formelle Verbindungen zu externen Interessen haben, welche zu Korruption führen kann) noch für Bewerber oder für irgendwelche anderen Aufgaben (Übersetzungen, Aufsicht über Projekte etc.).
  • Es gibt auch sonst in der OSMF über die fundamentalen gesetzlichen Anforderungen des britischen Unternehmens-Rechts hinaus keinerlei Dokumentations-Pflichten zu Entscheidungsfindungs-Prozessen. Der Vorstand berät und verhandelt – auch mit Lobbyisten – über politische Entscheidungen, auch solche von erheblicher wirtschaftlicher und sozialer Tragweite, routinemäßig auf nicht öffentlichen Kommunikationskanälen ohne Aufzeichnung und es existieren keinerlei Regeln, derartige Verhandlungen gegenüber den OSMF-Mitgliedern offen zu legen. Auch dort wo solche Aufzeichnungen vorliegen dürften (zum Beispiel interne Mailinglisten von Vorstand und Arbeitsgruppen) gibt es keine Regeln zu Aufbewahrungs-Fristen und Zugangs-Rechten.
  • Es gibt – und ich habe das in der Vergangenheit schon unzählige Male kritisiert – eine eine tief verwurzelte Kultur der Intransparenz in der OSMF und die Aversion von Leuten in der OSMF gegenüber Tageslicht scheint sogar zuzunehmen. Unglücklicherweise ist dies ein sich selbst verstärkendes Problem. Wenn eine Organisation zunehmend im Geheimen arbeitet dann wird punktuelle Transparenz in einzelnen Dingen zunehmend als belastend wahrgenommen, denn es erfordert von den Beteiligten erhebliche Arbeit bei der Kompartmentierung. Wenn man sich mal nur den OSMF-Vorstand anschaut, kann man zum Beispiel erkennen, dass während der Umfang von Entscheidungen des Vorstands im Vergleich zu früheren Jahren deutlich zugenommen hat der Umfang öffentlicher Beratungen und Diskussionen zu diesen Entscheidungen nicht größer geworden ist. Die meiste öffentliche Kommunikation des Vorstands findet jetzt indirekt und synthetisch statt über Protokolle und andere Formen der Berichterstattung über Aktivitäten statt , die selbst im Verborgenen stattfinden und nicht dadurch, dass die Aktivität selbst transparent ist.

Diese Defizite sind jedoch nicht das eigentliche Problem, das mir in Zusammenhang mit Korruption am meisten Sorge macht und welches mich zu dem Schluss führt, dass Korruption in und durch die OSMF in der Zukunft das Potential zu einer erheblichen destruktiven Kraft in der OSM-Community hat. Was mir wirklich Sorge macht ist, dass die OSMF sich zunehmend von der OSM-Community wegentwickelt, was soziale Normen und Werte angeht. Ich habe bereits das Thema Transparenz erwähnt, wo die OSM-Community in allen Bereichen einen sehr offenen Arbeitsstil gewohnt ist, während in der OSMF eine Kultur der standardmäßig nicht öffentlichen Arbeit vorherrscht. Es gibt jedoch auch andere Felder, wo die OSMF zunehmend Entscheidungen fällt, welche in der Community auf Verwunderung stoßen. Ein sich derart ausweitendes soziale und kulturelles Auseinanderdriften zwischen der Organisation OSMF und der sozialen Gemeinschaft, deren Interessen und Gemeinwohl diese unterstützen soll, nährt die Entwicklung von systemischer Korruption, wo innerhalb der Organisation spezielle Interessen zunehmend als identisch mit den Gemeinwohl-Interessen angenommen werden.

Es gibt eine Reihe sozialer Faktoren, die dazu geeignet sind, systemische Korruption zu fördern und die ich in der OSMF und in gewissem Maß auch in der OSM-Community generell beobachte:

  • Die zunehmende Zahl von Leuten, insbesondere in Positionen von Macht und Einfluss, welche sich in OpenStreetMap als Teil ihrer beruflichen Karriere engagieren – und welche deshalb durch ihre Position viel zu gewinnen oder zu verlieren haben. Dies schafft inhärent Anreize zu Korruption.
  • Die sehr beschränkte Wahrnehmung der Ziele und Werte des Projektes als Ganzes in der täglichen Arbeit und die geringschätzige Einstellung vieler dazu.
  • Die anscheinend sehr kleine Rolle, die ethische Überlegungen in der Entscheidungsfindung in der OSMF ganz generell spielen. Ich bin zum Beispiel recht entsetzt darüber, dass in Diskussionen zu Vielfalt in der OSMF-Community ethische Überlegungen für viele, die sich an der Diskussion beteiligen, völlig fremd zu sein scheinen.
  • Die hartnäckige Zurückweisung und das mangelnde Bewusstsein für die Unfähigkeit der OSMF, die OSM-Community in ihrer kulturellen Vielfalt in ihren Strukturen und Entscheidungsfindungs-Prozessen proportional zu repräsentieren.
  • Das weitgehende Fehlen eine Streit- und Argumentations-Kultur was Entscheidungen in der OSMF angeht und dass Entscheidungen weitgehend als Verhandlungen zwischen Interessen anstatt als Wettbewerb und Auseinandersetzung zwischen Argumenten angesehen werden.

Was kann man tun?

Ich bin mir unsicher, was die beste Strategie ist, diese Probleme zu lösen (mal abgesehen von der nuklearen Option, die OSMF in der Bedeutungslosigkeit zu versenken) und somit wäre ich für Anregungen von Leuten mit praktischer Erfahrung in der Prävention und im Kampf gegen Korruption dankbar, insbesondere, wenn diese Erfahrung sich auf Organisationen in entwickelten Ländern bezieht.

Es gibt jedoch eine Reihe von Vorschlägen, die ich auf jeden Fall für hilfreiche Maßnahmen halten würde:

  • Alle die in der OSMF involviert ist, sollten sich aktiv um so viel Transparenz wie möglich bemühen. Ich würde allen, die irgendwo an nicht öffentlichen Prozessen in der OSMF beteiligt sind – sei es im Vorstand, in Arbeitsgruppen, in Gremien oder anderweitig – nahelegen, das was dort stattfindet zu veröffentlichen und darüber zu berichten über das hinaus, was in offiziellen Verlautbarungen und Protokollen zu lesen ist. Dies gilt insbesondere dann, wenn man Zeichen potentieller Korruption sieht, zum Beispiel Entscheidungen, die gefällt und umgesetzt werden mehr um speziellen Interessen zu dienen als für das Gemeinwohl der OSM-Community. Oder Versuche der nicht öffentlichen Einflussnahme durch spezielle Interessen. Oder das Versäumnis, Risiken der Korruption zu begegnen oder die Existenz von Mechanismen und Entscheidungsfindungs-Prozessen, welche nicht im Interesse der OSM-Community sind. Wer das Gefühl hat, dass es die sozialen Strukturen nicht erlauben, solche Defizite offen anzusprechen, kann sich auch an Leute wenden, zu denen er oder sie Vertrauen hat, um solche Dinge anonym zu veröffentlichen.
  • Wer das Gefühl hat, in einem bestimmten Rahmen nicht mehr mitarbeiten zu können, ohne die eigenen Werte zu verraten, sollte sich aus diesem Bereich zurückziehen. Ich habe in der Vergangenheit immer wieder Leute ermuntert, sich in der OSMF zu engagieren, wo man glaubt produktiv beitragen zu können und möchte dies auch weiterhin tun. Aber ich verstehe auch sehr gut, wenn Leute denken, dass sie das nicht tun können, weil sie dafür ihre Werte verraten müssten. Die Abstimmung mit den Füßen ist dort, wo inakzeptable Strukturen in der OSM-Community existieren, ein legitimes Mittel. Die Bedeutung einer Arbeitsgruppe der OSMF oder einer anderen Struktur in der OSM-Community gründet sich nicht aus ihrer formalen Existenz, sondern daraus, in wie fern sie praktisch für das Gemeinwohl der Community arbeitet.
  • Ein guter Ansatz ist auch die Gründung von Plattformen und die öffentliche Zusammenarbeit bei der Entwicklung von politischen Ideen und Strategien zu OSM außerhalb des Einflusses und der kulturellen Beschränkungen der OSMF.
  • Man sollte auf die Verantwortung und Rechenschaft von Leuten in Positionen mit Macht für Ihre Handlungen bestehen. Es ist richtig und wünschenswert, fragwürdige Entscheidungen und Prozesse zu hinterfragen und man sollte darauf nicht verzichten, weil es einem sozial unangemessen erscheint.
  • Jede/Jeder kann helfen, moralische Kriterien, insbesondere persönliche Integrität, als die wichtigsten Qualifikationen für Leute in Macht-Positionen zu etablieren.

18. Mai 2020
von chris
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40 Jahre seit Ausbruch des Mount St. Helens

Gestern vor 40 Jahren im Jahr 1980 fand der erste größere Vulkanausbruch statt, welcher von Erdbeobachtungs-Satelliten aufgezeichnet wurde. Es gibt auch Bilder von der eigentlichen Eruption – interessanter sind jedoch die Bilder in höherer Auflösung, welche vor und nach dem Ausbruch aufgenommen wurden. Hier ein solches Bild-Paar, aufgenommen von Landsat 2 MSS – mit Farbdarstellung mit einem geschätzten Blau-Kanal (da das MSS-Instrument keinen blauen Spektralkanal aufzeichnet).

Zum Vergleich hier ein aktuelles Bild von 2019:

18. April 2020
von chris
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Vorstellung der „Green Marble“ Version 2

Wie fast jeder andere auch bin ich in den letzten Wochen durch die globale Pandemie und die Maßnahmen zu deren Eindämmung damit sowohl privat als auch beruflich stark eingeschränkt worden. Ich habe einen Teil der Zeit genutzt um ein Projekt abzuschließen, an welchem ich die letzten Monate nebenbei gearbeitet habe. Die Ergebnisse davon möchte ich hier vorstellen.

Das Projekt ist eine Aktualisierung des erfolgreichsten Produktes in meinem Portfolio – dem globalen Satellitenbild-Mosaik „Green Marble“. 2014 vorgestellt war dies – und ist es auch nach wie vor – die qualitativ beste Lösung auf dem Markt für eine korrekte Darstellung der gesamten Erdoberfläche in sichtbaren Farben. Aber obwohl dies nach wie vor gilt, ist die Datenbasis des Bildes mittlerweile schon etwas älter und es gibt an dem alten Bild auch einige qualitative Defizite, deren Verbesserung ich schon länger im Auge habe.

Im Folgenden werde ich die verschiedenen Verbesserungen näher erläutern.

Neu entwickelte Verarbeitung für die Polarregionen

Darstellung der Arktis in der „Green Marble“ 2

Die bis jetzt unübertroffene Qualität des „Green Marble“-Mosaik Version 1 war größtenteils das Resultat einer innovativen Technik, den Verarbeitungsprozess zielgerichtet an die verschiedenen Klimazonen und die verschiedenen saisonalen Entwicklungen in unterschiedlichen Teilen des Planeten anzupassen. Der grundlegende Prozess war jedoch für den gesamten Planeten der selbe. Dieser Ansatz hatte seine Grenzen, insbesondere in der Antarktis (aufgrund des sehr anderen Klimas dort wie auch der Unterschiede in der Vorverarbeitung beim Daten-Lieferanten) und in einigen Regionen hoher Breite auf der nördlichen Hemisphere. Für die neue Version des Bildes habe ich deshalb einen neuen Prozess für die Bild-Zusammenstellung entwickelt, welcher bei hohen Breiten sowohl im Norden wie im Süden geringeres Rauschen und eine bessere Differenzierung von Farben ermöglicht. Quelldaten hierfür sind wie für die niedrigen Breiten MODIS Oberflächen-Reflexions-Daten, wodurch eine nahtlose Integration mit dem Rest des Bildes möglich ist.




Quasi als Nebenprodukt bietet dieser Prozess (mit einigen Einschränkungen in der Qualität auf der Nordhemisphere) die Möglichkeit der Produktion verschiedener Bilder mit unterschiedlicher Schattierung aus Daten getrennt für die Terra- und Aqua-Satelliten (mit entsprechend Morgen- und Nachmittags-Beleuchtung) zusätzlich zum normalen, teilweise schattierungs-kompensiertem Bild. Hier Beispiele dieser verschiedenen Varianten aus der Antarktis:

Transantarktisches Gebirge mit der normalen, teilweise schattierungs-kompensierten Darstellung


Transantarktisches Gebirge mit Morgen-Beleuchtung


Transantarktisches Gebirge mit Nachmittags-Beleuchtung

Wasser-Darstellung auf Grundlage von Sentinel-3-Daten

Die zweite große Änderung ist die Wasser-Darstellung, welche jetzt auf Grundlage von Sentinel-3-OLCI-Wasserreflexions-Daten produziert wird. Dies bedeutet, dass die Meere jetzt in etwa der selben Auflösung wiedergegeben sind, wie die Landflächen, während in Version 1 nur die küstennahen Meeresflächen in hoher Auflösung verfügbar waren, während der offene Ozean nur in einer geringeren Auflösung gezeigt wurde. Ganz generell hat diese Änderung eine deutlich homogenere Meeres-Darstellung ermöglicht. Die Verwendung von MODIS-Land-Reflexions-Daten für die Darstellung der Gewässer war schon immer nicht ganz ideal.


Ein paar Worte zur Auflösung in diesem Zusammenhang – einige mögen sich vielleicht fragen, ob der Auflösungs-Unterschied von 300m gegenüber 250m bei Sentinel-3 OLCI im Vergleich zu MODIS einen Unterschied macht – das tut es nicht. MODIS bietet die 250m Auflösung sowieso nur im roten Kanal und Wasser reflektiert vor allem im blauen Bereich. Die gesamte Datenverarbeitung ist auf einem 250m-Gitter durchgeführt worden und im Ergebnis lässt sich kaum sagen, was besser ist. Was aber sicher ist, dass das Endergebnis durch die breitere Datenbasis weniger Rauschen und eine bessere Darstellung der Details liefert.

Das Great Barrier Reef


Die westafrikanische Küste


Die Bahama Banks


Das Karibische Meer

Genauere Farben

Bei den Landflächen haben Änderungen in der Daten-Vorverarbeitung beim Lieferanten und Verbesserungen im Zusammenstellungs-Prozess eine genauere und konsistentere Farbdarstellung ermöglicht, insbesondere in Vegetations-freien und wenig bewachsenen Gebieten. Dies ist die dritte größere Änderung.




Breitere Daten-Basis

Und schließlich als vierte größere Verbesserung habe ich die Datengrundlage für die Produktion deutlich verbreitert. Dies bedeutet, dass global der Zeitraum der priorisierten Daten von drei auf vier Jahre verlängert wurde und daneben der Bereich in den Tropen, in denen die Datenbasis zusätzlich noch weiter gefasst wurde, vergrößert ist. Dies führt zu einem geringerem Rauschen im Bild, insbesondere in Gegenden häufiger Wolken-Bedeckung. Insgesamt wurden mehr als 60 TB MODIS-Daten und mehr als 50 TB Sentinel-3-Daten für die Produktion des Bildes verarbeitet.

Das nördliche Südamerika

Und natürlich ergibt sich durch die aktualisierte Datenbasis auch, dass jüngere Änderungen im Erscheinungsbild der Erdoberfläche sichtbar werden.






Optimierte Tonwert-Kurven

Eines der Probleme bei der praktischen Verwendung des „Green Marble“-Bildes Version 1 war der große Kontrastumfang bei den Reflexionswerten über verschiedene Teilen der Erdoberfläche hinweg – vom dunklen Grün der Wälder und dem Dunkelblau der Ozeane bis zum sehr hellen Schnee und Eis der Polarregionen – und die Schwierigkeit, dies auf dem Bildschirm gleichzeitig darzustellen. Wenngleich die „Green Marble“ 1 auch in linearen Reflexionswerten verfügbar war und damit in der Darstellung an bestimmte lokale Begebenheiten angepasst werden kann, war das globale Mosaik in der Standard-Darstellung in der Antarktis im Grunde überbelichtet.

Um die gute Qualität der Antarktis-Daten im neuen Bild angemessen wiederzugeben, hab ich mich entschlossen, standardmäßig die Tonwertkurve in der Antarktis lokal anzupassen. Dies bedeutet eine gewisse Abkehr von der global einheitlichen Darstellung, weshalb man natürlich auch die vorherige, global einheitliche Darstellung bekommen kann.

Antarktis mit lokal angepasster Belichtung


Antarktis mit global einheitlicher Belichtung

Weitere Beispiele

Hier ein paar weitere Beispiele aus verschiedenen Teilen der Welt.

Südliches Alaska


Die Torres-Straße


Das Ganges-Delta und der östliche Himalaya


Der Lambert-Gletscher


Europa mit Relief-Schattierung

Eine interaktive Karte in Mercator-Projektion zum weiteren Stöbern findet sich auf maps.imagico.de.

Man findet die aktualisierten Spezifikationen auf der Seite des „Green Marble“-Mosaiks auf services.imagico.de. bestehende Kunden einer Lizenz für die „Green Marble“ 1 können das neue Bild zu einem reduzierten Preis bekommen. Wer interessiert ist, die „Green Marble“ in eigenen Anwendungen zu nutzen, kann mich gerne über das Formular dort oder via eMail kontaktieren.

14. Februar 2020
von chris
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Die Reise eines Eisbergs

Vor zweieinhalb Jahren habe ich Bilder von der Entstehung eines großen Eisberges an der Ostküste der antarktischen Halbinsel gezeigt, welcher mehr als hundert Kilometer lang ist. Dieser Eisberg hat sich seit dem langsam von seiner ursprünglichen Position un nördliche Richtung weg bewegt, der allgemeinen Richtung der Eisbewegung im Weddell-Meer folgend und ist jetzt dabei, den Bereich des ganzjährigen Treibeises zu verlassen und in den offenen Ozean zu schwimmen. Vor ein paar Tagen wurden bei gutem Wetter die folgenden Ansichten von Satelliten aufgenommen, welche diese recht eindrucksvolle Situation zeigen.

Zunächst eine großräumige Ansicht auf Grundlage von Sentinel-3A-Daten, welche die enorme Größe des Eisberges zeigt, welche die kleineren Inseln um die antarktische Halbinsel herum in den Schatten stellt.

Eisberg A-68 im Februar 2020

Das zweite Bild ist detaillierter und wurde von Sentinel-2B aufgenommen und bietet einen guten Eindruck der Details des Eisberges selbst.

Eisberg A-68 Nahansicht

Wenngleich dies auf der Oberfläche des Eisberges in seiner Gesamtheit – welche von eine dicken Schneeschicht bedeckt ist – noch nicht zu sehen ist, schmilzt das Eis auf dem Weg nach Norden jetzt im Sommer sowohl von der Unterseite als auch von der Oberseite des Eisberges recht stark. Man kann dies an einem kleinen Bereich von Meereis erkennen, welcher am südöstlichen Ende am Eisberg hängt – wie auf dem folgenden Ausschnitt zu sehen.

Eisberg A-68 Detail

Obwohl das Eis schnell schmilzt und sich dieser Prozess weiter beschleunigen wird, wenn der Eisberg weiter nach Norden driftet, kann es viele Jahre dauern, bis der Eisberg sich vollständig aufgelöst hat. Wenn das Eis dünner wird, wird es vermutlich irgendwann in mehrere kleinere Teile zerbrechen, welche recht weit nach Norden gelangen können – ich habe 2017 zum Beispiel ein ziemlich großes Stück eines solchen Eisberges nördlich von Südgeorgien bei 54 Grad Breite gezeigt. Der hier diskutierte Eisberg wird sich vermutlich in eine ähnliche Richtung bewegen.

18. Januar 2020
von chris
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Risiken und Widerstandsfähigkeit gegen solche im OpenStreetMap-Projekt

Es findet derzeit gerade eine Ideen-Sammlung im OpenStreetMap-Wiki statt in Form einer SWOT-Analyse, initiiert von Allan Mustard, neugewähltem Vorstandsmitglied der OpenStreetMap-Foundation. Herausgekommen ist bereits eine interessante und weiter wachsende Sammlung von Ansichten, Ideen, Wünschen und auch Beschwerden über das Projekt aus verschiedenen Perspektiven und ich empfehle jedem, sich das durchzulesen und ggf. auch eigene Ideen beizutragen.

Die gewählte Form, die SWOT-Analyse, ist ein für verschiedene Zwecke im Management von Unternehmen verbreitetes und beliebtes Instrument. Ich halte von den meisten dieser Anwendungen nicht viel, insbesondere wenn man sie im nicht unternehmerischen Bereich anwendet. Als Grundlage einer ersten Ideensammlung ist dies jedoch völlig in Ordnung. Man muss aber sehr aufpassen, wie man diese Ideen dann analysiert und interpretiert, denn es ist sehr einfach, dabei eigene Präferenzen und Wünsche hineinzulesen.

Was ich hier machen möchte ist, diesen Ansatz dazu zu verwenden, einen Blick auf das OpenStreetMap-Projekt zu werfen in Bezug auf die Risiken, die ihm gegenüber stehen und wie widerstandsfähig das Projekt gegenüber Bedrohungen ist, denen es sich in Zukunft möglicherweise gegenüber sieht. Die OSMF hat es in der Vergangenheit weitgehend versäumt, einen systematischen Blick auf dieses Thema zu werfen und es ist wirklich Zeit, dass sich dies ändert. Ich bin mir natürlich nicht sicher, ob es tatsächlich vom OSMF-Vorstand geplant ist, so etwas auf dieser Ideensammlung aufzubauen oder ob da eher klassische Ideen der unternehmerischen Optimierung drauf aufbauen sollen – das wird man sehen müssen.

Ich bin natürlich hierbei auch geprägt durch meine persönliche Sichtweise auf die Dinge, werde aber versuchen, auch zu erklären, warum ich die Dinge so sehe, wie ich das tue und viele der im Folgenden dargelegten Zusammenhänge habe ich auch bereits früher detaillierter erläutert und dazu argumentiert.

Die Subjektivität bei der Einordnung in negativ und positiv

Was SWOT macht ist, ein Projekt oder ein Unternehmen in Bezug auf dessen Chancen und Risiken zu analysieren und zwar in vier Kategorien über zwei Dimensionen, nämlich innere Faktoren (strengths and weaknesses) und äußere Faktoren (opportunities and threats) bzw. positive Faktoren (strengths and opportunities) und negative Faktoren (weaknesses and threats). Der häufigste Fehler, der dabei gemacht wird, ist es, innere und äußere Faktoren zu vermischen. Das schwierigere Problem ist jedoch die Unterscheidung zwischen positiven und negativen Faktoren. Diese Unterscheidung hängt maßgeblich vom Standpunkt des Betrachters und von den angenommenen Zielen ab. Ich möchte dafür zwei Beispiel geben.

  • Falls vor 15 Jahren, als OpenStreetMap gerade begann, irgendein Manager eine SWOT-Analyse vom Projekt gemacht hätte, hätte man vermutlich das Fehlen von Leuten mit formeller Qualifikation oder Training im Bereich Kartographie oder Geodaten-Verarbeitung als eine der großen Schwächen identifiziert. Später hat sich jedoch herausgestellt, dass dies eine der großen Stärken war, denn es hat verhindert, dass OpenStreetMap all die veralteten und nicht nachhaltigen Prinzipien der Welt der professionellen Kartographie zu der damaligen Zeit übernimmt und es hat OpenStreetMap erlaubt, schnell eine große Zahl an freiwilligen Mappern mit fundiertem lokalen Wissen zu rekrutieren.
  • Wie ich vielfach schon dargelegt habe, halte ich das Prinzip der Überprüfbarkeit bei OpenStreetMap für eine der grundlegenden Regeln und Werte des Projektes, welches die gleichbereichtigte Zusammenarbeit im Projekt über kulturelle Grenzen hinweg ohne einseitige kulturelle Dominanz ermöglicht. Gleichzeitig betrachte ich die Tatsache, dass die OSM-Datenbank eine ganze Menge nicht überprüfbare Daten beinhaltet, als eine erhebliche Schwäche. Viele Datennutzer jedoch, welche in ihren Karten Bedarf an nicht überprüfbaren Daten haben, wie zum Beispiel Gebietsansprüchen von Staaten, hätten es gerne, wenn OpenStreetMap mehr solche nicht überprüfbaren Daten mit einbeziehen würde und betrachten deshalb ihr Fehlen als eine Schwäche.

Lange Geschichte kurzer Sinn – was jemand auf der positiv- und auf der negativ-Seite einer SWOT-Analyse auflistet, ist recht subjektiv und hängt sowohl von der Tiefe des Verständnisses für das Projekt und sein Umfeld bei der Person, welche die Analyse durchführt, ab, als auch von den Zielen, für welche die Analyse durchgeführt wird.

Zum Zwecke dieses Beitrags werde ich als das Ziel des OpenStreetMap-Projektes die Sammlung von überprüfbarem lokalem geographischem Wissen durch gleichberechtigte und selbstbestimmte Zusammenarbeit von Individuen in einer global einheitlichen offenen Datenbank annehmen.

Innere und äußere Faktoren

Obwohl die korrekte Identifikation innerer und äußerer Faktoren am Ende nicht so schwierig sein sollte, versagt eine solche binäre Klassifikation bei OpenStreetMap, da sie nicht die Komplexität der Situation berücksichtigt, insbesondere wenn man die Dinge aus der Perspektive der OpenStreetMap Foundation betrachtet.

Außenstehenden fällt es oft schwer, diese Zusammenhänge zu erkennen, denn sie nehmen in Analogie zu anderen Projekten OpenStreetMap oft als eine eigene Organisation wahr. Das ist jedoch nicht richtig. OpenStreetMap ist ein recht lose zusammenhängendes soziales Projekt, in dem Leute mit dem Ziel zusammenarbeiten, gemeinsam die Welt zu kartieren auf Grundlage von lokalem Wissen und das Ergebnis in einer offenen Datenbank zu speichern und zu pflegen. Die OpenStreetMap Foundation ist eine Organisation, welche gegründet wurde, um dieses soziale Projekt durch Infrastruktur und andere Mittel zu unterstützen. Die OSMF hat jedoch kein Mandat, das Projekt zu führen oder zu kontrollieren.

Aufgrund dieser Struktur würde ein Blick auf OpenStreetMap mittels SWOT es im Grunde erfordern, OpenStreetMap und die OSMF in eine einheitliche, hypothetische virtuelle Organisation zusammenzufassen und deren Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken zu analysieren. Dies würde jedoch ein unvollständiges und verzerrtes Bild ergeben, denn diese Entität aus OpenStreetMap und der OSMF zusammen existiert ja im Grunde gar nicht. Deshalb möchte ich hier den Blick auf das System aus dem sozialen Projekt OpenStreetmap und der OSMF etwas umfassender gestalten.

Dafür werde ich zunächst getrennt eine Blick auf die Stärken und Schwächen von OpenStreetMap und der OSMF werfen. Im folgenden gezeigt ist, was ich zusammengefasst als deren Stärken und Schwächen identifiziert habe, und zwar auf Grundlage des oben formulierten Ziels und natürlich aus meiner persönlichen Perspektive. Dies soll kein Ersatz sein für die umfassendere Ideensammlung im Wiki, die ich oben verlinkt habe, sondern wie dargelegt explizit die Unterschiede zwischen OpenStreetMap als sozialem Projekt und der OSMF herausarbeiten.

Stärken von OpenStreetMap

  • Das Projekt ist erfolgreich darin, im Sinne seiner Ziele Menschen über Kultur- und Sprachgrenzen hinweg die Zusammenarbeit zu ermöglichen und man kann davon ausgehen, dass dies auch in einem sich verändernden technischen und wirtschaftlichen Umfeld in der Zukunft weiter funktionieren kann. OpenStreetMap ist in dieser Hinsicht einzigartig, kein anderes Projekt versucht derzeit in einer vergleichbaren Art und Weise, Menschen aus verschiedenen Kulturen in völlig gleichberechtigter Arbeitsweise die Zusammenarbeit für ein gemeinsames Ziel zu ermöglichen.
  • Die Organisation des Projektes ist sowohl in sozialer als auch in technischer Hinsicht recht stark verteilt und dezentral und benötigt nur sehr wenig zentrale Infrastruktur und Management.
  • Das Projekt verwendet ein flexibles und generisches Datenmodell, welches angepasst werden kann, um verschiedenste geographische Elemente in unterschiedlicher Form abzubilden.
  • Die Datenbasis des Projektes ist sowohl in der räumlichen Breite als auch in der Tiefe im Detail in vielen Gegenden von hohem Interesse recht gut und in vielen Aspekten konkurrenzfähig mit alternativen Datenquellen.
  • Die Offenheit zur Bearbeitung durch jeden erlaubt es OSM, sich verändernde geographische Gegebenheiten schnell abzubilden und eine sehr stark diversifizierte Sammlung von Informationen zu produzieren.
  • Es gibt eine recht großes Umfeld von Software- und Karten-Entwicklung um das Projekt herum.
  • Werkzeuge für Mapper sind größtenteils in einem breiten Spektrum von Sprachen verfügbar, was es einer großen Zahl von Leuten erlaubt, mir geringen sprachlichen Barrieren am Projekt beteiligt zu sein.
  • Es gibt in vielen Teilen der Welt aktive lokale Mapper-Gemeinschaften.
  • Die OSM-Community hat eine recht gut funktionierende Kultur der internationalen Kommunikation zwischen Mappern entwickelt und etabliert, welche meist in der Lage ist, Konflikte nach dem Prinzip der Hoheit der lokalen Gemeinschaft über ihre Region und der Überprüfbarkeit vor Ort zu lösen.
  • Die Lizenz der Daten hat bis jetzt weitgehend erfolgreich die Entstehung nicht offener abgeleitete Datensätze verhindert und stellt eine Quellennennung sicher (oder legt sie zumindest nahe).

Schwächen von OpenStreetMap

  • Die Zahl der aktiven Community-Mitglieder, die sich stark mit den Zielen des Projektes identifizieren und die sich am Diskurs in der Community beteiligen, ist recht klein, während eine große Zahl von Leuten OpenStreetMap als eine Plattform für ihre individuellen Interessen nutzen ohne sich mit den Zielen und Werten des Projektes zu identifizieren.
  • Ein recht großes Volumen von Daten wird in OpenStreetMap hinzugefügt, ohne dass es ein nachhaltiges, organisches Wachstum einer lokalen Community mit Verantwortung für die Pflege der Daten in ihrem Gebiet gibt.
  • Die Entwickungen im und um das Proket herum auf der Daten-Nutzer-Seite (insbesondere bei Karten) sind oft recht selbstbezogen und interessieren sich oft wenig für Entwickungen in anderen Teilen der Welt der Geodaten-Verarbeitung/Kartographie und sind deshalb oft intellektuell/technologisch nicht mehr führend. Es mangelt an Austausch mit Forschung und Entwicklung zu Geodaten und Kartographie außerhalb des OSM-Kontexts.
  • Tagging-Konzepte und Konventionen in OpenStreetMap entwickeln und verändern sich nur sehr träge und dieser Trend verstärkt sich zunehmend mit weiterem Wachstum des Projektes. Diese Trägkeit transportiert oft auch ein erhebliches Element kultureller und geographischer Einseitigkeit, welche die Daten-Erfassung in den Teilen der Welt erschweren, welche sich erheblich von den Regionen, wo das Projekt entstanden ist (Großbritannien und Mitteleuropa) unterscheiden.
  • In der OSM-Community fehlt derzeit ein ausreichend breites Spektrum von Karten-Design-Projekten, um die geographische Vielfalt, die das Projekt abdeckt, angemessen zu repräsentieren.
  • Es fehlt derzeit die Fähigkeit, organisierte, nicht individuelle Aktivitäten im Projekt effektiv zu regulieren.
  • Es wird derzeit ein erheblicher Anteil von Daten in der OSM-Datenbank gepflegt, welche nicht mit dem Prinzip der Überprüfbarkeit übereinstimmen und welche unter der Paradigma des Projektes nicht gepflegt werden können, was oft zu Konflikten führt.
  • Unsere Fähigkeit, lokale Mapper zu rekrutieren und zu motivieren variiert sehr stark zwischen verschiedenen Teilen der Welt und zwischen verschiedenen sozialen Gruppen.
  • Die Kommunikationskultur zwischen verschiedenen lokalen Gemeinschaften in OSM über Sprachgrenzen hinweg müsste dringend verbessert werden.
  • Technisch weist das OSM-Datenmodell einige erhebliche Schwächen auf, welche zu Skalierungs-Problemen mit dem Wachstum des Umfangs der Daten führen.
  • Es fällt dem Projekt schwer, umfangreichere technische Änderungen und Innovationen einzuführen aufgrund des Fehlens kompetenter Freiwilliger und einer gleichzeitigen Zunahme der Komplexität des technischen Umfelds.

Stärken der OSMF

  • Die OSMF hat erfolgreich eine erhebliche Zahl von kompetenten Freiwilligen für die zentralen Felder der Unterstützung von OpenStreetMap rekruitiert.
  • Die OSMF befindet sich in einer komfortablen und stabilen finanziellen Situation und muss sich derzeit um die Finanzierung ihrer Ausgaben keine Sorgen manchen.
  • Die technische Kern-Infrastruktur, die die OSMF dem Projet zur verfügung stellt, läuft seit langem trotz stetig steigender Anforderungen ohne große Probleme.
  • Die grundlegenden administrativen Funktionen der Organisation laufen recht glatt.

Schwächen der OSMF

  • Die Mitgliederstruktur der OSMF ist recht weit von einer proportionalen Abbildung der aktiven OSM-Community entfernt und dies verbessert sich nicht nennenswert.
  • Es gibt innerhalb der OSMF eine recht massive Dominanz der englischen Sprache und keine Kultur der Kommunikation in anderen Sprachen.
  • Die OSMF hängt derzeit langfristig finanziell von den Zuwendungen von Unternehmen ab (wenngleich das Vermögen einen komfortablen Puffer bietet, dies ohne akute Finanznöte zu ändern).
  • Das recht große Barvermögen der OSMF stellt einen großen Anreiz dar, dass sich die OSMF von der OSM-Community loslöst und sich von der Arbeit von Freiwilligen aus der Community unabhängig macht.
  • Der OSMF-Vorstand hat in der Vergangenheit oft eine geringen Fähigkeit gezeigt, konstruktive Entscheidungen zu fällen und zu implementieren.
  • Die meisten Arbeitsgruppen haben eine sehr geringe Rekruitierungs-Rate von neuen Freiwilligen und die OSMF hat ganz allgemein Schwierigkeiten, neue Freiwillige anzuziehen.
  • Es gibt in der OSMF sowohl im Vorstand als auch in den Arbeitsgruppen eine recht stark verwurzelte Arbeitskultur und Tradition, welche nicht auf der derzeitigen Arbeitskultur in der OSM-Community basiert, sondern in der eigenen Geschichte der OSMF.
  • Da die OSMF für alle als zahlende Mitglieder oder als Freiwillige in den Arbeitsgruppen offen steht, besteht eine erhebliche Möglichkeit für Einflüsse von außen, ohne dass ausgewählt werden kann, wessen Mitgliedschaft und Beiträge tatsächlich dem Projekt und seinen Zielen dienen.
  • Die OSMF verfügt nur über einen recht unvollständigen Satz interner Regeln und Richtlinien, insbesondere zur Rekruitierung von Freiwilligen, zur Handhabung von Interessenkonflikten, zu Transparenz und zur Dokumentation von Prozessen. Die Regeln, welche existieren (wie FOSS policy und board rules of order) werden oft nicht konsistent angewandt.

Diese Listen sind natürlich nicht nur subjektiv, sie sind auch sicherlich unvollständig. Dennoch denke ich, dass sie einen guten Überblick über einige der wichtigen Punkte bieten. Man beachte natürlich, dass sich diese auf die eingangs formulierten Ziele des Projektes beziehen. Jemand, der als Ziel von OpenStreetMap gerne schlicht und einfach die Sammlung nützlicher Geodaten sehen würde, wie es viele größere OSM-Datennutzer tun, wird diese Dinge deutlich anders sehen und würde zum Beispiel in der verteilten und dezentralen Struktur des Projektes eher eine Schwäche erkennen.

Chancen und Risiken

Die Stärken und Schwächen sind bedeutend, wenn man die Widerstandsfähigkeit des Projektes gegen Bedrohungen beurteilen möchte und ich werde später darauf zurück kommen. Aber um eine Idee von den Risiken, die dem Projekt möglicherweise drohen könnten, zu bekommen ist der Teil der Chancen und Risiken erst einmal wichtiger. Und hier muss ich ein Bild malen, um die Beziehungen zwischen dem OpenStreetMap-Projekt, der OSMF und ihrem Umfeld vernünftig darzustellen.

Chancen und Risiken für OpenStreetMap und die OSMF

Die Chancen sind hier in grün, die Risiken in rot dargestellt. Um das Schaubild nicht mit Text zu überfrachten, habe ich den recht kurz gehalten und werde ein paar Details dazu hier detaillierter erläutern.

Der größte Pfeil im Schaubild stellt die Chancen dar, die die Menschen der Welt für das OpenStreetMap-Projekt darstellen – das Potential für neue Mitwirkende von überall auf der Welt, ihr lokales Wissen und ihre Kompetenzen und Fähigkeiten sowie ihr Interesse an den Daten. Diese sind die Kern-Ressource und die Soziale Basis von OpenStreetMap.

Die größte Bedrohung für das Projekt – und ich mag hier die Bedeutung etwas übertreiben um einen Punkt zu machen – hab ich als von der OSMF kommend identifiziert. Viele werden vielleicht spontan annehmen, dass dies daher rührt, dass die OSMF die zentrale OSM-Datenbank verwaltet und dass OpenStreetMap ohne diese nicht mehr existieren würde. Das ist jedoch nur Punkt drei auf meiner Liste der Risiken. Die zentrale OSM-Datenbank ließe sich recht einfach anderswo duplizieren, sollte die OSMF aus irgendeinem Grund kompromittiert werden. Die zwei Dinge, über die die OSMF derzeit exklusive Kontrolle hat und die essentiell für OpenStreetMap sind, sind die Benutzer-Konten der Mapper und die Rechte an den OSM-Daten, die der OSMF über die contributor terms übertragen wurden. Das bedeutet, dass – sollte das OpenStreetMap-Projekt derzeit aus irgendeinem Grund vor die Notwendigkeit gestellt werden, ohne die OSMF weiter zu arbeiten, man neu mit den Benutzer-Konten anfangen müsste. Und wir wären nicht mehr in der Lage, in der Zukunft die Lizenz zu ändern, denn die Rechte an den Daten und damit das Recht, potentiell durch Abstimmung unter den aktiven Mappern diese Lizenz zu ändern, liegt bei der OSMF. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies tatsächlich passiert, ist möglicherweise recht gering, der potentielle Schaden jedoch extrem. Deshalb die hohe Einschätzung dieser Bedrohung.

Die größte Bedrohung für die OSMF und indirekt der wahrscheinlichste Grund für das Szenario, dass die OSMF für das OpenStreetMap-Projekt verloren gehen könnte, ist der Einfluss von Organisationen und Unternehmen auf die OSMF. Dieses Risiko, dem die OSMF ausgesetzt ist, ist in der letzten Zeit schon recht oft diskutiert worden im Zusammenhang mit verschiedenen Versuchen von Unternehmen auf verschiedenen Ebenen, Kontrolle über die OSMF zu erlangen.

Im Vergleich zu OpenStreetMap selbst stellt die OSMF ein vielversprechenderes Ziel der Einflussnahme durch Unternehmen dar, denn OpenStreetMap bietet durch seine dezentrale Natur nur eine recht kleine und schwer zu fassende Angriffsfläche für solche Versuche. Generell ist es für Unternehmen schwierig, in irgendeiner Art und Weise mit einem Projekt ohne zentrale Strukturen zu interagieren – was sowohl ein Nachteil ist für konstruktive und positive interaktionen als auch einVorteil, wenn es um bösartige Aktionen geht.

Schlussfolgerungen

Was lässt sich also an Handlungs-Empfehlungen in Bezug auf Risiken für das OpenStreetMap-Projekt ableiten und wie kann die OSMF helfen, die Risiken zu minimieren und die Widerstandsfähigkeit von OpenStreetMap zu erhöhen? Aus meiner Perspektive sind das vor allem die folgenden Punkte:

  • Das OpenStreetMap-Projekt vor den Risiken schützen, falls die OSMF aus irgendeinem Grund – wie zum Beispiel dadurch, dass bestimmte Interessenträger die Kontrolle über die Organisation erlangen – nicht mehr in der Lage ist, seine Funktion zur Unterstützung des Projektes und seiner Werte wahrzunehmen. Dies besteht im wesentlichen darin, die exklusive Kontrolle über bestimmte Schlüssel-Funktionen abzugeben, die die OSMF derzeit hat. Hierfür wären verschiedene Ansätze denkbar.
  • Die OSMF selbst vor bösartigen oder egoistischen Versuchen der Einflussnahme durch Unternehmen und Organisationen zu schützen, welche die OSMF entgegen der Interessen von OpenStreetMap beeinflussen wollen.
  • ernsthaft an den Schwächen der OSMF arbeiten, insbesondere an der Werbung neuer Mitglieder für eine ausgeglichenere und breitere Repräsentanz der aktiven, individuellen Mapper in der Community, die sich mit dem Projekt und seinen Werten identifizieren.
  • Die Implementation einer robusten und effektiven Regulierung organisierter Aktivitäten in OpenStreetMap dort wo sie die normalen, nicht organisierten Aktivitäten der Mapper und den sozialen Zusammenhalt im Projekt sowie das organische Wachstum lokaler Communities negativ beeinflussen.

Diese Empfehlungen basieren natürlich vor allem auf dem Blick auf die Seite der Risiken. Die identifizierten Chancen bieten natürlich auch das Potential, die Widerstandsfähigkeit des Projektes zu verbessern. Eine Verstärkung und Ausweitung der positiven Unterstützung für das Projekt durch die OSMF birgt jedoch gleichzeitig immer auch die Gefahr neuer Risiken oder davon, dass die kulturelle Unausgeglichenheit in der OSMF auf das Projekt projiziert wird. Die erstrebenswerteste Strategie ist es deshalb, die OSM-Community zu befähigen, besseren Nutzen aus ihren eigenen Chancen unabhängig von der OSMF zu ziehen, insbesondere was die Werbung neuer Mitwirkender im Projekt angeht. Der Schlüssel dabei liegt jedoch auch darin, dabei aktiv die Werte und Grundprinzipien von OpenStreetMap zu kommunizieren – etwas, was in der Vergangenheit unglücklicherweise oft vernachlässigt wurde aus der Motivation heraus, sich für alle Menschen offen zu präsentieren. OpenStreetMap sollte zwar offen und einladend zu Menschen mir so gut wie jedem persönlichen oder kulturellen Hintergrund sein, es hilft jedoch nicht, vorzugeben, dass die Annahme und Unterstützung der Kernwerte und Ziele des Projektes nicht Voraussetzung für ein Engagement bei OpenStreetMap ist, denn die Anwerbung von Leuten, welche diese Werte und Ziele ablehnen, führt letztendlich nur zu Konflikten und stellt auch ein erhebliches Risiko für OpenStreetMap dar.

8. Januar 2020
von chris
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Satellitenbild-Erfassungen – Bericht für 2019

Wie letztes Jahr möchte ich hier einen Blick auf die Erfassungs-Zahlen und die räumliche Verteilung der Bilder der beiden derzeit im Betrieb befindlichen höher auflösenden optischen Erdbeobachtungs-Satellitensysteme, welche offene Daten produzieren und welche eine mehr oder weniger weltweite Abdeckung produzieren, werfen: Landsat und Sentinel-2.

Hier die aktualisierte Darstellung der gesamten aufgenommenen und veröffentlichten Bild-Volumen in Quadratkilometer.

Dies zeigt im Grunde schon, dass im groben wie im vorangegangenen Jahr vorgegangen wurde und damit erstmals eine gewisse Routine beim Betrieb der Sentinel-2-Satelliten über zwei Jahre hinweg etabliert wird. Es gibt einen gewissen Anstieg bei den Bildmengen von Sentinel-2B, bedingt durch die Ausweitung der Erfassung kleinerer Inseln in den Aufnahme-Plänen und die Abschwächung der Grenze für den Sonnenwinkel in Nordeuropa. Letzteres kann man auch gut auf den detaillierten Darstellungen zur Abdeckung für jede Umlauf-Periode sehen:

Abdeckung von Sentinel-2B im Herbst

Was unglücklicherweise sowohl bei Landsat als auch Sentinel-2 auch vom vorherigen Jahr übernommen wurde, ist, dass im Sommer auf der Südhemiphäre die Aufnahme deutlich unter Kapazität und für die Antarktis nur teilweise oder in reduzierter Frequenz erfolgt ist. Bei Landsat ist dies im antarktischen Sommer 2018-2019 sogar noch etwas verstärkt worden im Vergleich zum Jahr davor. Zusätzlich hat der USGS diesmal keine off-nadir-Aufnahmen von Nord-Grönland im Sommer produziert – das erste Mal seit 2015.

Landsat 8 2019

Landsat 8 2018

Die ESA hat sich – abgesehen von den kleineren Änderungen, welche ich bereits erwähnt habe – diesmal im wesentlichen an den selben Ablauf wie im vergangenen Jahr gehalten. Das bedeutet, dass Sentinel-2A und Sentinel-2B weiterhin recht unterschiedlich betrieben werden und dass speziellen Interessen im Betrieb recht ostentativ Raum eingeräumt wird. Es gibt diesmal jedoch erstmals einzelne, nicht regelmäßige Aufnahmen verschiedener Inselgruppen und Riffe im Pazifik (Kiribati, Französich-Polynesien) durch Sentinel-2A. Und was erfreulicherweise deutlich reduziert wurde ist die Anzahl geplanter Aufnahmen, welche in den veröffentlichten Daten fehlen.

Sentinel-2 2019

Insgesamt meine Empfehlungen sowohl an den USGS als auch die ESA:

  • Nutzt die zur Verfügung stehenden Aufnahme-Kapazitäten im nordhemisphärischen Winter, um mehr als nur sporadische Aufnahmen der Antarktis zu produzieren.

Zusätzlich and den USGS:

  • Schließt endlich die letzte fehlende Insel (Jonas-Insel) in die Aufnahme-Pläne mit ein.
  • Macht regelmäßig off-nadir-Aufnahmen von Nordgrönland und der zentralen Antarktis, bevorzugt unter Nutzung der zur Verfügung stehenden Flexibilität zur Minimierung der Wolken-Abdeckung.

Und an die ESA:

  • Beendet die unprofessionelle und kurzsichtige Bedienung irgendwelcher Spezialinteressen und plant die Aufnahmen generell nach klaren, einheitlichen und transparenten Kriterien.
  • In Verbindung dazu: Überdenkt die Strategie, ausgedehnte Meeresflächen um einige Inseln herum zu erfassen, während andere deutlich größere Inseln (Südliche Orkneyinseln) überhaupt nicht aufgenommen werden.
  • Betreibt Sentinel-2A und Sentinel-2B nach dem selben Plan oder erklärt nachvollziehbar, warum Ihr das nicht macht.

Hier noch mal alle Karten-Darstellungen der Aufnahme-Abdeckungen zusammen:

Jahr Tag Nacht Aufnahme-Zahl Tag
2014 LS8, LS7 LS8 LS8
2015 LS8, LS7 LS8 LS8
2016 LS8, LS7 LS8 LS8, S2A
2017 LS8, LS7 LS8 LS8, S2A, S2B, S2 (beide)
2018 LS8, LS7 LS8 LS8, S2A, S2B, S2 (beide)
2019 LS8, LS7 LS8 LS8, S2A, S2B, S2 (beide)