Imagico.de

blog

21. Dezember 2018
von chris
Keine Kommentare

Mehr zur Vegetations-Darstellung in OpenStreetMap-Karten

Dieser Beitrag knüpft an meine frühere Diskussion der differenzierten Darstellung von Wäldern an. Wälder sind was die Darstellung von Vegetation in Karten angeht ein relativ einfaches Thema. Wenn man darüber hinaus geht wird es unübersichtlich.

In OSM-Carto ist es traditionell üblich, dass grüne Flächen-Farben für Elemente mit Vegetations-Bezug verwendet werden – was aber nicht immer ganz konsequent umgesetzt wurde. Es gibt grüne Flächen-Füllungen für Dinge, die nichts mit Vegetation zu tun haben und traditionell gibt es auch Elemente mit Vegetations-Bezug, die mit anderen Farben dargestellt werden.

In gewisser Hinsicht decken grüne Farben den größten Teil des verfügbaren Farbraums ab, denn Grün ist der teil des Farbspektrums, gegenüber dem das menschliche Auge am empfindlichsten ist. Gleichzeitig ist die Erfassung von Vegetation in OpenStreetMap traditionell relativ undifferenziert. Während Flächen im städtischen Bereich relativ detailliert differenziert erfasst und dargestellt werden, gibt es im Grunde nur eine sehr kleine Palette von verbreitet verwendeten Charakterisierungen natürlich bewachsener Flächen. Für landwirtschaftlich genutzte Flächen ist dies etwas besser und ich habe zur differenzierten Darstellung davon bereits vor einiger Zeit was geschrieben.

Hier ist der Satz von grünen und sonstigen Vegetations-bezogenen Flächen-Farben im weiteren Sinne, die bisher im alternative-colors-Stil verwendet wurden.

grüne Flächen-Farben im alternative-colors-Stil

Diese von mir bis jetzt verwendeten Flächen-Farben kann man in folgende Gruppen aufteilen

  • Physikalische Vegetations-Typen – das sind Farben, welche Vegetation entsprechend ihrer physikalischen Charakteristika darstellen
  • Funktionale Vegetations-Typen – das sind Farben mit Vegetations-Bezug, welche Flächen charakterisieren, die nicht notwendigerweise gemeinsame physikalische Eigenschaften aufweisen, die aber eine wohldefinierte Funktion haben, die irgendeine Art von Bewuchs impliziert.
  • Nicht universell Vegetations-bezogene Flächen – hier werden Grüntöne für Flächen verwendet, die zwar verbreitet mit Vegetation in Verbindung gebracht werden, die aber in der Realität nicht notwendigerweise bewachsen sind.

Worauf ich mich hier konzentriere sind die physikalische Vegetations-Typen, insbesondere solche, die für natürlichen oder Natur-ähnlichen Bewuchs stehen sowie die Farbe für allotments – welche, wie man in der Illustration sieht, etwas aus dem Rahmen fällt.

Ich habe die hier vorgestellten Änderungen schon vor einiger Zeit implementiert, habe sie aber nicht sofort veröffentlicht um den OSM-Carto-Entwicklern die Gelegenheit zu geben, ihre eigenen Ansätze für die farbliche Gestaltung unabhängig von mir umzusetzen.

Das Farbschema für natürliche Vegetation

Die Art und Weise, wie natürliche Vegetation in OpenStreetMap erfasst wird, basiert auf einer groben physikalischen Charakterisierung und ist somit Teil der oben dargestellten physikalischen Vegetations-Typen. Die Farben für Wald (wood) und Gras (grass) – welche beide sowohl für natürliche wie auch künstliche Formen von derartigem Bewuchs Verwendung finden – bilden den Rahmen für diese Vegetations-Typen. Für den Wald habe ich das ja schon zuvor detailliert erläutert und ähnlich wie beim Wald ist es auch bei mit Gras bewachsenen Flächen so, dass es zwar in OpenStreetMap verschiedene Tags für solche Flächen gibt – die meiste Verbreitung haben landuse=meadow, landuse=grass und natural=grassland – dass diese Tags aber nicht konsistent für unterschiedliche Dinge verwendet werden, sondern relativ bunt gemischt, so dass der Datennutzer im Grunde nur als kleinsten gemeinsamen Nenner weiß, dass es sich um mit Gras bewachsene Flächen handelt. Entsprechend werden sie in einer einheitlichen Farbe dargestellt.

Die Farbe für Obstplantagen (orchard) befindet sich in der Nähe der Linie zwischen diesen Endpunkten (wood und grass) während die Farben für Heide (heath) und Buschland (scrub) bis jetzt auf verschiedenen Seiten dieser Linie zu finden waren. Man kann dies in einer Darstellung weiter unten auf der linken Seite sehen – welche die Situation natürlich vereinfacht wiedergibt, denn in Wirklichkeit ist der Farbraum natürlich dreidimensional.

Diese Grundschema wurde im OpenStreetMap-Standardstil seit langem verwendet. Die Haupt-Motivation für diese Farbwahl lag darin, dass die Zahl der Farben für natürliche Vegetation recht klein ist mit wie dargestellt im Grunde nur vier Farben und dass diese zusammen am Ende im Grunde einen recht großen Teil der Erdoberfläche abdecken würden. Es scheint deshalb eigentlich recht sinnvoll, für diese vier Grundklassen gut unterscheidbare Farben zu wählen, die das gesamte Spektrum mäßig kräftiger Grüntöne abdecken – mit der orchard-Farbe zusätzlich in der Mitte und den anderen grünen Flächen-Farben drumherum.

Das bedeutet jedoch auch, dass der große farbliche Unterschied zwischen heath und scrub einen größeren Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Typen impliziert, als er tatsächlich besteht.

Ein paar Erläuterungen zu Heide (heath) und Buschland (scrub)

Hier ein bisschen Hintergrund zu diesen zwei Vegetations-Typen

natural=scrub und natural=heath beschreiben in OpenStreetMap im Grunde verschiedenen Höhen-Klassen dauerhafter, holziger Vegetation. Dies bezieht in OSM jeweils das mit ein, was man gemeinhin unter Buschland und Heide versteht, geht jedoch semantisch auch deutlich weiter.

gemischtes Buschland im Süden Frankreichs

Die Höhen-Klassen sind nicht präzise definiert, für scrub erstreckt sich dies jedoch im Grunde über alles, was weniger hoch ist als ausgewachsene Bäume in der jeweiligen Gegend bis hinab zur Obergrenze von heath. Die Planzen, um die es dabei geht, sind entweder junge oder verkümmerte Exemplare der Baumarten, die auch einen ausgewachsenen Wald bilden, oder eigene Busch-Arten.

von Ericaceae dominierte Heide im Gebirge in Süddeutschland

Die Grenze zwischen natural=scrub und natural=heath wird in OSM meist bei einer Höhe von etwa einem Meter gezogen. Aber das ist keine besonders klare Grenze. Was als natural=heath erfasst wird besteht üblicherweise aus eigenen Zwergstrauch-Arten. Und das schließt niedrig wachsende holzige Vegetation in verschiedenen Ökosystemen in unterschiedlichen Klimazonen mit ein – auch solche, die nicht üblicherweise als Heide bezeichnet werden.

Zwergstrauch-Vegetation in der östlichen Mittelmeer-Region

Ich habe vor kurzem eine Reihe von Foto-Links im OSM-Wiki ergänzt, welche für beide Tags eine Reihe von praktischen Beispielen zeigen.

In der praktischen Anwendung ist die Konsistenz bei der Erfassung von scrub und heath in OSM etwas schlechter als bei Wald. Die meistverbreiteten Fehler sind folgende.

  • es ist recht verbreitet, natural=scrub für die Erfassung weniger dichter, offener Wälder zu verwenden. Dies ist falsch.
  • natural=heath wird manchmal auch nicht korrekt für niedrige, relativ grobe aber nicht holzige Vegetation verwendet

kein scrub, da dies ausgewachsene Bäume sind

kein heath, sondern grassland mit ein paar Büschen und jungen Bäumen

kein heath, sondern grassland

Anders ausgedrückt: Ein im Grunde komplett ungeeignetes Tag zu wählen, weil es scheinbar einen Kompromiss zwischen zwei anderen Tags darstellt, welche nur zum Teil passen, ist keine gute Idee. Man sollte in solchen Fällen immer das Tag wählen, welches jeweils den dominierenden Bewuchs charakterisiert. Leider gibt es derzeit keine etablierte Methode, um sekundär-Vegetation in einem Gebiet zu erfassen.

Wie Wald existieren auch Buschland und Zwergstrauch-Bewuchs in laubwerfenden und immergrünen Varianten. Aber die Erfassung hiervon ist wesentlich weniger verbreitet als bei Wald und bei heath praktisch kaum üblich.

Die neuen Farben

Insgesamt bilden heath, scrub und wood also eine Art lineare Abfolge und es liegt nahe, dies in der Wahl der Farben zu würdigen, indem die Farben ebenfalls eine lineare Abfolge im Farbraum bilden. Um dabei eine gute Unterscheidbarkeit zu gewährleisten, habe ich die Farbe für heath ein bisschen aufgehellt und die Farbe für scrub dann auf halbem Weg zu wood platziert. Mit ein paar Anpassungen bei anderen Farben drumherum funktioniert das recht gut.

das alte und das neue Schema für natürliche Vegetation

die heath-Farben in den verschiedenen OSM-Standardstil-Varianten

Im Ergebnis ist der Kontrast zwischen scrub und heath sowie zu wood und grass natürlich geringer, jedoch in der Praxis immer noch gut unterscheidbar.

scrub und heath bei z17 (ein Klick zeigt einen größeren Ausschnitt)

Und in Situationen wie hier wird durch diese Farbwahl auch der Unterschied zwischen den landwirtschaftlich genutzten Flächen und den nicht landwirtschaftlich genutzten Flächen besser herausgearbeitet.

scrub und heath bei z15 (ein Klick zeigt einen größeren Ausschnitt)

Die Änderung der Flächen-Farbe erforderte auch eine Anpassung der Farben für die Symbole des Musters für die verschiedenen leaf_cycle-Varianten. Hier kann man sehen, wie das aussieht:

scrub-Varianten für leaf_type und leaf_cycle

Ein Vorteil ist, dass die neutrale Farbe für Flächen ohne Erfassung von leaf_cycle ein bisschen harmonischer aussieht als vorher.

Allotments

Wie schon oben erwähnt ist die Farbe für allotments (Schrebergärten) seit der Änderung bei der Farbe von Ackerland in der Farbpalette des alternative-colors-Stil eine gewisse Anomalie.

Semantisch sind allotments ein recht interessantes Konzept. Zusammen mit farmland, orchard und landwirtschaftlich genutzten Wiesen und Weiden bilden sie einen dritten Typ von landwirschaftlichen Nutzflächen im weiteren Sinn, welche wir Ackerland eher funktional als physikalisch definiert sind. Allotments sind im Detail sehr heterogene Nutzflächen, wo Pflanzen für die Individuelle Nutzung oder gelegentlich auch für den Verkauf in kleinem Umfang angebaut werden. Die Praktische Umsetzung hiervon variiert weltweit sehr stark und es wird eine große Bandbreite von Produkten angebaut. Die Abgrenzung von farmland und orchard ist nicht immer ganz klar definiert. Die zwei verbreitetsten Typen sind Schrebergärten vom Westeuropäischen Typ mit üblicherweise sehr kleinen individuellen Parzellen und ausschließlich Fußwegen dazwischen und Anlagen, wie sie in Russland und teilen Osteuropas üblich sind, wo die einzelnen Parzellen größer sind und es üblicherweise Fahrwege dazwischen gibt.

Die gewählte Farbe muss für alle diese verschiedenen Typen in unterschiedlichen Lagen funktionieren. Meine Farbwahl hat natürlich einen engen Bezug zu den vorher besprochenen Änderungen bei scrub und heath – wodurch wieder mal demonstriert wird, dass man für ein ausgeglichenes Farbschema das Gesamtbild betrachten muss und nicht nur jeweils auf einzelne Farben schauen kann.

Hier ein paar Beispiel, wie das ganze aussieht

allotments bei z13 (ein Klick zeigt einen größeren Ausschnitt)

allotments bei z15 (ein Klick zeigt einen größeren Ausschnitt)

allotments bei z16 (ein Klick zeigt einen größeren Ausschnitt)

allotments bei z17 (ein Klick zeigt einen größeren Ausschnitt)

Zusammenfassung

Hier das gesamte aktualisierte Flächen-Farbschema des alternative-colors-Stils.

Flächenfarben-Schema des alternative-colors-Stils

Wie üblich kann jeder die besprochenen Änderungen auch selbst ausprobieren – der Stil findet sich auf github.

20. Dezember 2018
von chris
Keine Kommentare

Ein paar Worte zu den SotM-Stipendien

Im Science-Fiction-Roman Contact von Carl Sagan, den vermutlich viele meiner jüngeren Leser nicht gelesen haben und der heute vielleicht mit seiner Einbettung in den Kalten Krieg ein bisschen aus der Zeit gefallen scheint, gibt es etwa in der Mitte des Buches eine bemerkenswerte Geschichte – keine Erzählung von etwas, das tatsächlich im Buch geschieht, sondern eher ein mit Worten gemaltes Bild:

[…] And now along comes an invitation. As Xi said. Fancy, elegant. They have sent us an engraved card and an empty droshky. We are to send five villagers and the droshky will carry them to – who knows? – Warsaw. Or Moscow. Maybe even Paris. Of course some are tempted to go. There will always be people who are flattered by the invitation, or who think it is a way to escape our shanny village.

And what do you think will happen when we get there? Do you think the Grand Duke will have us to dinner? Will the President of the Academy ask us interesting questions about daily life in our filthy shtetl? Do you imagine the Russian Orthodox Metropolitan will engage us in learned discourse on camparative religion?

No, Arroway. We will gawk at the big city, and they will laugh at us behind their hands. They will exhibit us to the curious. The more backward we are the better they’ll feel, the more reassured they’ll be.

It’s a quota system. Every few centuries, five of us get to spend a weekend on Vega. Have pity on the provincials, and make sure they know who their betters are.

Ich möchte dieses Bild hier nicht mit den SotM-Stipendien gleichsetzen, aber diese Geschichte ist etwas, das ich immer im Hinterkopf habe, wenn ich etwas über die SotM-Stipendien lese oder darüber nachdenke.

Wie ich in meinem allgemeinen Blogeintrag zur SotM bereits gesagt habe ist die öffentliche Kommunikation zum Stipendien-Programm der SotM äußerst spärlich. Es gab einen Aufruf zur Bewerbung im Januar, kombiniert mit einigen Erklärungen wie Bewerber ausgewählt werden, welche aber mehr Fragen aufwerfen als dass sie Antworten geben – ich werd darauf weiter unten noch eingehen.

Die Bewerber mussten – wie auch in vergangenen Jahren – Google-Dienste nutzen um ihre Bewerbung einzureichen, was im Konflikt mit der OSMF FOSS policy sowie mit den gesetzlichen Datenschutz-Anforderungen steht.

Das war alles, was es bis zur Konferenz an Informationen zu den Stipendien gab. Auf der Konferenz waren dann im Programmheft die Stipendien-Empfänger aufgelistet sowie die Zusammensetzung des Komitees zur Auswahl der Bewerber. Die Liste der Stipendien-Empfänger steht jetzt auch im wiki. Zum Vergleich gibt es auch die Stipendien-Empfänger von 2017. Zu den Jahren davor sind keine Informationen verfügbar.

Bevor ich mehr ins Detail zur Auswahl und zum Auswahl-Prozess gehe – dass keine Informationen dazu veröffentlicht werden, wer die Auswahl und die Bewertung der Bewerber vornimmt wenn man den Aufruf startet, sich zu bewerben, ist etwas, das egal ob bei Vortrags-Einreichungen oder Stipendien, völlig inkompatibel mit der Idee einer transparenten Organisation ist. Hier schon von Anfang an und nicht erst in Nachhinein Transparenz zu schaffen ist aus meiner Sicht eine Frage der Höflichkeit und des Respekts gegenüber den Bewerbern. Und in diesem Fall ist ja auch noch der Auswahl-Prozess für das Komitee selbst nicht transparent und undokumentiert.

Die Stipendiaten 2018

Wir wissen mittlerweile aus dem Bericht von Christine über die SotM-WG-Arbeit dass es mehr als 200 Bewerber für Stipendien gab. Das ist jedoch nach wie vor alles, was öffentlich bekannt ist.

Wir wissen wie gesagt auch, wer am Ende ausgewählt wurde – das wurde im Programmheft der Konferenz und später im Wiki veröffentlicht. Da wir jedoch keine darüber hinaus gehenden Informationen haben, ist eine Analyse schwierig. Ich werde deshalb nicht die Qualifikation der Stipendien-Empfänger individuell bewerten. Dafür gibt es schlicht und einfach keine Grundlage, ohne irgendwelche Daten über den Bewerber-Kreis. Aber wie man sehen wird, gibt es dennoch einige Anhaltspunkte, welche Rückschlüsse auf den Auswahl-Prozess erlauben.

Die Hälfte der Stipendiaten waren Männer, die andere Hälfte Frauen. Die geographische Verteilung war wie folgt:

  • Europa(Deutschland (x2), Portugal, UK, Russland): 5
  • Mittel-/Nordamerika (Mexico): 1
  • Südamerika (Kolombien): 1
  • Afrika (Uganda, Kenya, Lesotho, Mosambik): 4
  • Asien (Philippinen, Nepal, Bangladesh, Indonesien, China): 5

Mann kann recht klar das Ziel erkennen, zumindest auf den ersten Blick einen Eindruck von Ausgewogenheit in der geographischen Verteilung und bei der Balance Männer/Frauen zu erwecken – ebenso möglicherweise hinsichtlich der Alters-Verteilung (was aber auch Zufall sein kann). Das ist interessant, denn der dokumentierte Prozess beschreibt in keinerlei Weise eine Ensemble-Auswahl, sondern beschäftigt sich ausschließlich mit der unabhängigen Bewertung einzelner Bewerbungen und es ist extrem unwahrscheinlich, dass so ein Verfahren zu einer Auswahl wie dieser führt – egal wie genau die mehr als 200 Bewerber zusammengesetzt waren. Man kann also schlussfolgern, dass die Bewertung der Einzel-Bewerbungen – auch wenn sie der einzige dokumentierte Teil des Prozesses sind – am Ende sicher nur recht wenig Einfluss auf die Auswahl der Bewerber hatte und dass die Ensemble-Optimierung in Bezug auf irgendwelche Ausgewogenheits-Ziele (welche sicherlich Geschlecht und Herkunft beinhalten – möglicherweise aber auch noch andere Kriterien) einen viel größeren Einfluss hatte, gleichzeitig aber völlig undokumentiert und intransparent ist.

Wenn man noch mal näher auf die geographische Verteilung der Stipendiaten schaut kann man auch sehen, dass die geographische Ausgeglichenheit geringer ist, als dies vielleicht auf den ersten Blick schien. Ja, die Kontinente mit den größten Bevölkerungs-Zahlen sind alle vertreten, was jedoch recht deutlich fehlt sind Stipendiaten aus:

  • dem gesamten Nahen Osten und Zentralasien
  • der gesamten Mittelmeer-Region – und das obwohl die Konferenz in Italien stattfand!

Übrigens fehlten der Nahe Osten, Zentralasien und Nordafrika bereits 2017.

Erwähnt werden sollte, dass die Bevorzugung von Leuten mit englischen Sprachkenntnissen eine absichtliche Präferenz im Stipendien-Programm ist – was natürlich unvermeidbar auch zu gewissen kulturellen Präferenzen führt. Wenn man eine absichtliche Sprach-Präferenz mit einer Ensemble-Optimierung hinsichtlich der grob granulierten geographischen Verteilung kombiniert führt dies sowohl zu den beschriebenen geographischen Lücken auf einer etwas feiner granulierten Ebene als der, für welche optimiert wurde, als auch zu sehr unterschiedlichen Chancen mit ähnlicher individueller Qualifikation je nach dem woher Bewerber kommen. Und auch dass qualifizierte Bewerber aus gewissen Regionen unter den mehr als 200 Personen selten waren ist keine stichhaltige Erklärung, denn die Auswahl beginnt ja schon mit der Art und Weise, wie das Stipendien-Programm insgesamt präsentiert wird.

Das Auswahl-Komitee für die Stipendiaten 2018

Der andere Aspekt, auf den ich einen Blick werfen möchte auf Grundlage der spärlichen verfügbaren Informationen ist das Komitee zur Auswahl der Bewerber. Dieses ist im Programmheft der Konferenz aufgeführt und sieht für 2018 folgendermaßen aus – mit dem Land und verschiedenen relevanten Verbindungen der Mitglieder:

  • Alessandro Palmas (Italien, Lokales Team, PC)
  • Christine Karch (Deutschland, SotM-WG, Geofabik, PC)
  • Gregory Marler (UK, SotM-WG, PC)
  • Heather Leson (Kanada, OSMF Vorstand, HOT, IFRC)
  • Ilya Zverev (Russland, Maps.ME)
  • Johannes Birgir Jensson (Island, lokales Chapter Iceland)
  • Maurizio Napolitano (Italien, Stipendiant 2017)
  • Mikel Maron (US, OSMF Vorstand, SotM-WG, HOT, Mapbox, PC)
  • Rebecca Firth (UK, HOT, Stipendiant 2018)
  • Rob Nickerson (UK, SotM-WG, lokales Chapter UK, PC)
  • Selene Yang (Nicaragua, Geochicas, PC, Stipendiant 2017)
  • Sidorela Uku (Albanien, PC, Stipendiant 2017)
  • Stefano Sabatini (Italien, lokales Chapter Italy, PC)

Mit ein bisschen Zählen erhält man:

  • 8 Mitglieder, die auch im Programm-Komittee waren
  • 4 Mitglieder, die auch in der SotM-WG waren
  • 4 Mitglieder arbeiten für Unternehmen/Institutionen mit OSM-Verbindungen und welche potentielle Sponsoren sind
  • 3 Mitglieder aus Italien (das Gastgeber-Land)
  • 3 Mitglieder aus Großbritannien
  • 3 Mitglieder, die auch HOT-Mitglieder sind
  • 3 Mitglieder, die auch eine Funktion in einem lokales Chapter der OSMF haben
  • 3 Mitglieder, die im Vorjahr Stipendiat waren
  • 1 Mitglied, welches im selben Jahr als Stipendiat akzeptiert wurde

Nun ist mir klar, dass es eine Menge Leute gibt, die darin überhaupt kein Problem sehen und die denken, dass die verschiedenen Verbindungen und mehrfachen Funktionen der Mitglieder nur ein Zeichen für deren Qualifikation darstellen. Ich möchte dem deutlich widersprechen. Fangen wir mit den früheren Stipendiaten an. Ich denke, dass es eine gute Idee ist, frühere Stipendiaten für das Auswahl-Komitee zu rekrutierten. Jemand, der mal Stipendiat war, hat einen recht nützlichen Einblick in die Situation eines Stipendiaten und darin, was für Qualifikationen dafür nützlich sind. Man muss ein bisschen darauf achten, dass das ganze nicht zu einer Art Selbst-Replikation von Präferenzen bei der Auswahl führt, aber das ist handhabbar so lange die ehemaligen Stipendiaten nicht insgesamt dominieren. Aber aus meiner Sicht ist es hierfür absolut essentiell, dass jemand im Auswahl-Komitee für dieses Jahr und für alle späteren Jahre als Stipendien-Empfänger disqualifiziert ist. Alles andere wäre meiner Meinung nach unangemessen. Es scheint mir in Ordnung, dass das Gastgeber-Land eine recht starke Repräsentanz hat, aber drei Personen aus Großbritannien sind meiner Meinung nach an der Grenze von dem was man noch ein geographisch und kulturell ausgewogenes Komitee nennen kann.

Der wichtigste Punkt ist meiner Meinung nach jedoch die Unabhängigkeit der Auswahl der Stipendiaten vom Sponsoring der Konferenz – sowohl auf der Empfänger- als auch auf der Geber-Seite. Auch schon der Eindruck, dass Sponsoren Einfluss auf die Stipendien-Vergabe haben könnten würde meiner Meinung nach die Legitimation des gesamten Programms untergraben. Deshalb sollten sowohl Leute, die für potentielle Sponsoren arbeiten, als auch Leute, die bei der Einwerbung von Sponsoren-für die Konferenz involviert sind, außen vor bleiben.

Ich denke auch, dass es eine schlechte Idee ist, wenn Leute sowohl im Programm-Komitee aus auch bei der Stipendiaten-Auswahl involviert sind. Es gibt unvermeidbar Überlappungen bei den Bewerbern für beides aber gleichzeitig sind die Kriterien für die Stipendien-Vergabe und für die Programm-Auswahl natürlich völlig unterschiedlich. Ein Mitglied beider Auswahl-Komitees, welches gerade eine Stipendien-Bewerbung analysiert und bewertet hat wird bei einer anschließenden Bewertung einer Vortrags-Einreichung der selben Person kaum in der Lage sein, die zuvor für eine andere Zielrichtung gebildete Meinung über die Person einfach zu löschen und völlig unabhängig die Vortrags-Einreichung nach anderen Kriterien zu bewerten. Es ist unvermeidbar, dass sich in einer solchen Situation die Kriterien vermischen und das ist für eine faire Bewertung nicht wünschenswert.

Schlussfolgerungen

Insgesamt habe ich zwei wichtige Kritikpunkte zum Stipendien-Programm der SotM:

Der erste betrifft die Intransparenz, den Mangel an Dokumentation und die fehlende Auditierbarkeit des Auswahl-Prozesses. Dies in Kombination mit deutlichen Hinweisen darauf, dass eine Ensemble-Optimierung und nicht die Individueller Bewertung der Qualifikation die Zentrale Grundlage der Auswahl darstellt und mit den verschiedenen Problemen bei der Zusammenstellung des Auswahl-Komitees bringen mich zu dem Schluss, dass hier dringend eine erhebliche Reform des Prozesses erforderlich ist – auch unabhängig von meinem zweiten Punkt.

Mein zweiter Punkt ist eine deutlich fundamentalere Kritik an der Grundidee eines Stipendien-Programms in der derzeitigen Form. Diese steht in Verbindung zu meinem Zitat vom Anfang dieses Beitrags. Die Frage, die ich mir hier stelle – und ich denke, dass sich jeder diese Frage stellen sollte – ist was eigentlich der Zweck des Stipendien-Programms ist. Ja, oberflächlich ist dieser, Leuten den Konferenz-Besuch zu erlauben, die sich dies aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht leisten können. Aber ich denke nicht, dass man sich die Sache so einfach machen kann. Warum denken wir, dass dies zu tun etwas Gutes ist und noch wichtiger: Warum ist es besser, Geld dafür auszugeben als für andere Dinge?

Die ganze Idee, Leute aus ihrem schäbigen Dorf auf die große und herausgeputzte OSM-Konferenz zu transportieren, halte ich für hoch problematisch. Wenn man die Leute dahin transportiert, “wo OpenStreetMap derzeit passiert” zementiert dies im Grunde nur die Tatsache, dass OpenStreetMap ein Projekt einer kleinen, privilegierten Welt in Europa und Nordamerika ist. Wenn wir OpenStreetMap wirklich globaler machen wollen müssen wir darin investieren, die Idee von OpenStreetMap in die Welt zu transportieren, und zwar ohne die Welt mit unseren kulturellen Werten zu kolonisieren, die wir über die Grundidee von OpenStreetMap, eine Karten von Menschen für die Menschen zu produzieren, gestülpt haben. Ein Stipendiat auf der SotM wird dort hauptsächlich erfahren, wie die Privilegierten und Wohlhabenden OpenStreetMap machen und werden diese Vorstellungen dann mit nach Hause bringen, wo sie recht kontraproduktiv dafür sein können, dass die lokale Community dort ihre eigene OSM-Identität entwickelt.

Ja, dieses Bild ist natürlich etwas einseitig, aber dies ist ein wichtiger Gegenpunkt zu dem Narrativ, dass wir altruistisch Leuten die Möglichkeit zum SotM-Besuch eröffnen, die sich dies ansonsten nicht leisten könnten. Die Idee, dass die Stipendien hauptsächlich zum Nutzen der Stipendien-Empfänger und deren lokaler Communities sind, ist Unsinn. Sie sind mindestens im selben Ausmaß dafür da, dass wir uns mit unseren komfortablen Lebens-Situationen in Europa und Nordamerika besser fühlen, weil wir ein bisschen oberflächliche Vielfalt in unsere Welt hereinlassen – ohne dass diese Vielfalt den Status quo irgendwie nennenswert gefährdet, denn wir transportieren diese Leute ja zu uns, wo sie sich an unsere Kultur anpassen müssen, und nicht anders herum und wir transportieren sie dann sofort wieder zurück, nachdem sie ihre Funktion erfüllt haben.

Was auch immer Ihr für eine Meinung in Bezug auf die SotM-Stipendien entwickelt – macht nicht den Fehler, die Erzählung zu übernehmen, dass das einfach eine selbstlose Hilfsaktion ist, um leuten mit geringen finanziellen Ressourcen zu helfen. Ich möchte nicht sagen, dass Stipendien unter keinerlei Umständen irgendeinen positiven Nutzen haben, aber ich denke, dass bis jetzt noch niemand ein ausgeglichenes und selbstkritisches Konzept präsentiert hat, wie SotM-Stipendien aus einer moralischen Perspektive heraus funktionieren können und wie ein Stipendien-Programm gestaltet sein muss, um diesem Ziel gerecht zu werden.

9. Dezember 2018
von chris
Keine Kommentare

Wahlen zum Vorstand der OpenStreetMap Foundation 2018

Es ist wieder Dezember und das bedeutet – wie im letzten Jahr – es ist Zeit für die OSMF-Vorstands-Wahlen. Und wie im letzten Jahr möchte ich alle OSMF-Mitglieder aufrufen zu wählen, und dies verantwortungsvoll im Interesse der OSM-Community zu tun. Wer wahlberechtigt ist dürfte schon eine Mail mit einem Link zum Wählen bekommen haben. Wer eine solche Mail nicht bekommen hat aber denkt, wahlberechtigt zu sein, sollte sich an die MWG wenden.

Wie im letzten Jahr stehen zwei Sitze zur Wahl (von insgesamt sieben) und im Gegensatz zu letztem Jahr tritt keines der Vorstands-Mitglieder, deren Sitze zur Wahl sehen, zur Wiederwahl an. Während es also im letzten Jahr im Grunde nur einen Sitz gab, der wirklich offen zur Wahl stand, da Paul im Grunde ohne nennenswerte Opposition zur Wiederwahl antrat (also seine Wiederwahl fast sicher war) ist dieses Jahr das Rennen für beide Sitze im Grunde offen.

Letztes Jahr hatte ich gesagt, dass die Wahlen recht entscheidend für die zukünftige Richtung der OSMF seien würden und das Ergebnis hat – auch wenn es am Ende recht knapp war – letztendlich in eine Richtung von weniger Einfluss für die lokalen Hobby-Mapper und mehr Einfluss für externe Organisationen geführt mit einem Anstieg der Anzahl der HOT-Mitglieder im OSMF-Vorstand von zwei auf drei und einer gleichbleibenden starken Dominanz von Vorständen, welche bezahlte Arbeit mit Bezug zu OSM verrichten oder für Organisationen arbeiten, welche Interessenträger bei OSM sind (fünf von sieben Vorstands-Mitgliedern).

Als Ergebnis davon wurde im letzten Jahr sichtbar, dass sich der OSMF-Vorstand zunehmend schwer tat, Entscheidungen im Interesse der lokalen Hobby-Mapper zu fällen. Ich denke, man kann recht deutlich einen zunehmenden Graben zwischen Teilen des Vorstandes und der Gemeinschaft der Mapper beobachten. Einige der Vorstands-Mitglieder scheinen deutlich lieber mit Ihresgleichen auf der Ebene der organisierten Interessenträger zusammenzuarbeiten und lassen sich kaum noch dazu herab, mit der Gemeinschaft der Hobby-Mapper auf Augenhöhe zu kommunizieren und sind deshalb nicht im Bilde darüber, was normalen Mappern überall auf der Welt wichtig ist und was bedeutende Fragen für die Zukunft des Projektes sind.

Gleichzeitig hat sich in den letzten Monaten immer klarer herauskristallisiert, dass der Trend zu einer Abnahme der kulturellen und geographischen Vielfalt unter den OSMF-Mitgliedern, der sich bereits seit längerem abzeichnet, weiter fortsetzt – zum Teil getrieben durch Aufrufe von Unternehmen an ihre Mitarbeiter, sich als OSMF-Mitglieder anzumelden. Mittlerweile stammt fast die Hälfte aller wahlberechtigten Mitglieder aus den Vereinigten Staaten, was dort mehr als zweimal so viele OSMF-Mitglieder pro aktivem Mapper bedeutet (SEO-Spammer eingeschlossen) wie in den am stärksten repräsentierten Teilen von Kontinental-Europa. In gewisser Hinsicht könnte man sagen, dass sich die Zusammensetzung der OSMF-Mitglieder an die des OSMF-Vorstandes anpasst (was etwas schräg ist, denn normalerweise würde man annehmen, dass dies umgekehrt geschieht). Es gab einige vielversprechende Initiativen zur Rekruitierung neuer Mitglieder in nicht englischsprachigen Ländern in diesem Jahr (ich hab darüber berichtet) – aber insgesamt konnten diese den Trend nicht vollständig umkehren.

Mit diesen Dingen im Hintergrund sind die Wahlen dieses Jahr weniger eine Richtungs-Entscheidung als im letzten Jahr. Das bedeutet aber nicht, dass die Wahlen dieses Mal nicht von Bedeutung sind. Und dadurch dass zwei Sitze komplett offen zu vergeben sind gibt es im Prinzip durchaus die Möglichkeit, die Richtungsentscheidung aus dem letzten Jahr rückgängig zu machen. Ich habe Leute sagen hören, dass die Kandidaten dieses mal alle mehr oder weniger gleich gut qualifiziert sind. Das kann je nach dem was man unter Qualifikation versteht durchaus zutreffen, aber es gibt enorme Unterschiede darin, wofür die Kandidaten stehen – vielleicht sogar stärker als im letzten Jahr.

Aus meiner Perspektive dürften die Wahlen diese Jahr vermutlich darüber entscheiden, ob der Bruch zwischen dem OSMF-Vorstand und der Gemeinschaft der Mapper, welcher im letzten Jahr zunehmend sichtbar wurde, sich noch mehr weitet, vielleicht bis zu dem Punkt eines vollständige Auseinanderbrechens, oder ob der Vorstand in der Lage sein wird, seine Richtung zu ändern und wieder substantiell auf die Gemeinschaft der Hobby-Mapper zuzugehen. Und die Fähigkeit der Kandidaten, dies zu erreichen, scheint sehr unterschiedlich zu sein. Ich möchte klarstellen, dass es hier nicht um Kompromissfindung geht, bei der sich die lokalen Hobby-Mapper im Interesse der organisierten Interessenträger verbiegen. Dieser Ansatz ist im Grunde das, was im letzten Jahr bei verschiedenen Themen versucht wurde, insbesondere natürlich bei den Regeln zum organisierten Mappen. Der Vorstand hat dabei meist im Grunde die Interessen der organisierten Interessenträger gegenüber der Gemeinschaft der Mapper vertreten und die Arbeitsgruppen der OSMF waren dabei oft zwischen den Fronten gefangen. Das Ergebnis davon ist der schon beschriebene zunehmende Bruch zwischen OSMF-Vorstand und der Gemeinschaft der Mapper.

Also mein Aufruf an die OSMF-Mitglieder: Überlegt euch gut, wen ihr wählt. Es gibt eine ganze Menge Material, was bei der Entscheidung helfen kann:

23. November 2018
von chris
Keine Kommentare

Überprüfbarkeit und die Wikipediarisierung von OpenStreetMap

Ich hab schon ein paarmal erwähnt, dass ich hier über das Thema Überprüfbarkeit von Daten in OpenStreetMap schreiben werde, was ich jetzt hier tun möchte. Mein Bedürfnis darüber mal grundsätzlich zu schreiben rührt vor allem daher, dass, dass es in den letzten 1-2 Jahren zunehmend normal geworden ist, dass Leute in Diskussionen in der OSM-Community das Prinzip der Überprüfbarkeit entweder grundsätzlich ablehnen oder sich mit fadenscheinigen Argumenten drumherum winden.

OpenStreetMap ist gegründet worden und wurde erfolgreich als ein Projekt zur Sammlung von lokalem geographischen Wissen über die Welt. Dieses Wissen wird durch Leute überall auf der Welt als Beitragende am OpenStreetMap-Projekt lokal gesammelt, indem sie ihr lokales geographisches Wissen in eine gemeinsame Datenbank eintragen. Die recht anarchische Form, in der dies geschieht, bei der die einzelnen Mapper ein großes Maß an Freiheit genießen, wie sie ihre lokale Geographie dokumentieren wollen, mit nur sehr wenigen festen Regeln, hat sich als sehr erfolgreich erwiesen und war in der Lage, eine große Anzahl von Leuten zur Teilnahme zu motivieren und erlaubt es damit recht gut, die weltweite Geographie in ihrer Vielfalt abzubilden.

Eine der Schlüssel-Regeln, die das Ganze zusammenhält, ist das Prinzip der Überprüfbarkeit (Verifiability). Überprüfbarkeit ist die wichtigste innere Regel von OpenStreetMap (im Gegensatz zu äußeren Regeln, wie der Verwendung rechtlich zulässiger Quellen für die Daten-Erfassung), jedoch gleichzeitig, die am meisten missverstandene Regel. Überprüfbarkeit ist das Mittel, mit welchem OSM den Zusammenhalt und das Funktionieren der Zusammenarbeit in der OSM-Community sicherstellt – sowohl in der Gegenwart als auch für die Zukunft. Nur durch die Überprüfbarkeit ist sicher gestellt, dass neue Mapper, die anfangen, in OSM zu mappen, einen brauchbaren Startpunkt haben, ihre lokale Umgebung zu erfassen – egal wo auf der Welt sie leben, was sie mappen möchten und was ihr persönlicher und kultureller Hintergrund ist.

Man sollte Überprüfbarkeit auf keinen Fall mit Präzision oder Genauigkeit verwechseln. Es handelt sich nicht um den idealen Endpunkt einer Skala von sehr ungenau zu sehr präzise. Überprüfbarkeit ist ein Kriterium für die Art der Angaben, die wir in der Datenbank speichern. Nur bei überprüfbaren Angaben lässt sich überhaupt eine objektive Aussage über ihre Genauigkeit machen.

Überprüfbarkeit sollte man auch nicht mit dem Unterschied zwischen der Erfassung vor Ort (on-the-ground mapping) und der Erfassung auf die Ferne (armchair mapping) vermischen. Überprüfbarkeit erfordert es nicht, dass alle Angaben tatsächlich vor Ort überprüft werden, sie erfordert lediglich, dass die Möglichkeit dazu besteht. Bei der Erfassung auf die Ferne lässt sich dies grundsätzlich sehr viel schwieriger beurteilen, weshalb diese Art des Mappens schwieriger und anspruchsvoller ist und mehr Anforderungen an die Fähigkeit und Kompetenz des Mappers stellt, aber grundsätzlich lassen sich viele überprüfbare Angaben aus Bildern ableiten, manchmal besser als vor Ort am Boden.

Überprüfbarkeit sollte man auch nicht mit Verifikationismus verwechseln, welcher nicht überprüfbare Aussagen als sinnlos ablehnt. OpenStreetMap fällt damit, dass es nicht überprüfbare Aussagen nicht in seinen Daten einbezieht, kein Urteil über den Wert solcher Aussagen. Es sagt lediglich, dass diese Art von Daten nicht in die OSM-Datenbank gehören, da sie vom Projekt unter seinen Grundprinzipien nicht verwaltet und gepflegt werden können. Die Lebensfähigkeit von OpenStreetMap als Projekt hängt davon ab, dass es sich auf überprüfbare Angaben beschränkt. In der praktischen Anwendung (also wenn man zum Beispiel Konflikte löst) ist es meist besser, die Überprüfbarkeit in Form der Falsifizierbarkeit zu testen.

Ganz kurz und knapp formuliert erfordert Überprüfbarkeit, dass Angaben in der OpenStreetMap-Datenbank unabhängig überprüfbar sein müssen. Ein anderer Mapper muss in der Lage sein ohne Zugang zu den selben Quellen wie der Erfasser der Daten objektiv zu überprüfen und zu demonstrieren, ob diese Daten richtig oder falsch sind. Wer jetzt mit einer Philosophie des universellen Relativismus sagt es gibt ja in den meisten Fällen nicht nur eindeutig richtige oder falsche Aussagen, sondern auch Zwischentöne, der hat die Idee hinter der Überprüfbarkeit nicht begriffen und verwechselt Überprüfbarkeit mit Präzision während er a priori annimmt, dass alles überprüfbar ist. Bei Überprüfbarkeit geht es fanz fundamental um die Möglichkeit einer objektiven Beurteilung der Aussage auf Grundlage der beobachtbaren geographischen Realität.

Dieses Prinzip grenzt OpenStreetMap vom Wikipedia-Projekt ab, welches einen deutlich anderen Ansatz zur Erfassung von Informationen gewählt hat. Die Wikipedia hat ihr eigenes Überprüfbarkeits-Prinzip, welches aber etwas völlig anderes bedeutet als in OSM. Überprüfbarkeit in Wikipedia bedeutet, dass Aussagen sozial akzeptiert sein müssen, um wahr zu sein. Dies wird mit einem Recht traditionellen Ansatz getestet, welcher auf der Reputation von Quellen basiert. Solch ein Reputation-System ist natürlich sehr Kultur-spezifisch so dass Wikipedia versucht, den sozialen Zusammenhalt in der Community dadurch zu erhalten, dass auch sich widersprechende Aussagen und Vorstellungen aufgezeichnet werden können (insbesondere natürlich in den verschiedene Sprachen, in gewissem Rahmen aber jedoch auch innerhalb einer Sprach-Version). Dennoch sind Konflikte zwischen verschiedenen Vorstellungen und Sichtweisen, Machtkämpfe um Deutungshoheit zwischen verschiedenen politischen und sozialen Strömungen sowie widersprüchliche Aussagen in den verschiedenen Sprachen, welche verschiedene kulturspezifische Ansichten repräsentieren, ein verbreitetes Phänomen und ein definierendes Element des Projektes.

Auf einer fundamentalen Ebene spiegelt dieser Unterschied zwischen OpenStreetMap und Wikipedia ein bisschen den Unterschied zwischen Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften wieder. Was jedoch nicht bedeutet, dass OpenStreetMap nur phsikalisch-geographische Angaben enthalten kann. Sehr viele kultur-geographische Elemente sind ja empirisch überprüfbar.

Dennoch ist für viele Leute mit einem sozialwissenschaftlichen Hintergrund oder einer Sozialisation in Wikipedia der Prinzip der Überprüfbarkeit sehr störend und lästig. Es gibt ein breites Bedürfnis von Leuten, in OpenStreetMap Aussagen zu speichern, die Teil ihrer Wahrnehmung der Geographie sind – selbst wenn sie sich fundamental von der Wahrnehmung anderer unterscheiden und damit nicht praktisch überprüfbar sind.

Eine der Ideen, die ich in diesem Zusammenhang oft höre ist, dass Überprüfbarkeit eine altmodische und obsolete konservative Idee ist, ein Relikt, welches den Fortschritt behindert. Da liegt eine ziemliche Ironie drin, denn die Idee der Überprüfbarkeit basiert direkt auf den Werten und Prinzipien der Aufkärung. Passend dazu scheinen manche der nicht überprüfbaren Mapping-Ideen, die gelegentlich vorgestellt werden, recht deutlich Elemente von Gegenaufklärung und romantischer Philosophie im Hintergrund zu haben.

Daneben gibt es auch Druck zur Einbeziehung von nicht überprüfbaren Angaben in der OpenStreetMap-Datenbank von Leuten, die in OpenStreetMap weniger eine Sammlung von lokalem Wissen, sondern mehr eine Sammlung nützlicher und geeignet vorverarbeiteter kartographischer Daten sehen – und die dabei ignorieren, dass der Erfolg von OpenStreetMap zu erheblichem Teil genau daraus rührt, diesen Ansatz nicht gewählt zu haben. Der Wunsch, Daten die als nützlich angesehen werden ungeachtet ihrer Überprüfbarkeit einzubeziehen, ist auch in der OSM-Community weit verbreitet. Solche Bedürfnisse sind aber meist recht kurzsichtig und selbstzentriert. Die Nützlichkeit von Informationen ist per Definition subjektiv (etwas ist für eine bestimmte Person in einer bestimmten Situation von Nutzen) und relativ (Pfeil und Bogen mögen sehr nützlich als Waffen sein, werden jedoch sofort deutlich weniger nützlich, wenn man Zugang zu einer Schusswaffe hat). Ein OpenStreetMap-Projekt, welches das Prinzip der Überprüfbarkeit durch den Grundsatz der Nützlichkeit ersetzt, würde recht schnell obsolet werden, denn Nützlichkeit ist im Gegensatz zu Überprüfbarkeit keine stabile Eigenschaft.

Und was so scheint es alle Gegner der Überprüfbarkeit halt ignorieren ist, dass die Aufgabe dieses Prinzips zu massiven Problemen für den sozialen Zusammenhalt im Projekt führen würden und es enorm behindern würden, weiter auf das Ziel hin zu arbeiten, in gemeinsamer Arbeit von vielen Leuten überall auf der Welt eine Datenbank des lokalen Wissens über die weltweite Geographie in all ihrer Vielfalt zu produzieren. Die objektiv beobachtbare geographische Realität als Grundlage aller Daten in OpenStreetMap ist der fundamentale Ansatz, mit dem OpenStreetMap sehr unterschiedliche Leute aus allen Teilen der Welt, die außerhalb von OpenStreetMap kaum in der Lage wären, miteinander zu kommunizieren, zusammenbringt, um zusammen zu arbeiten und ihr lokales geographisches Wissen zu teilen. Ohne diesen Grundsatz als verbindendes Prinzip funktioniert OpenStreetMap nicht und der Versuch, stattdessen eine Überprüfbarkeit a la Wikipedia einzuführen, würde nicht nur all die Probleme von Wikipedia wie dauernde Kämpfe um Deutungshoheit importieren, er wäre auch für die Art von Informationen in OpenStreetMap und die Arbeitsweise im Projekt völlig ungeeignet.

Wie schon oben angedeutet gibt es natürlich bereits eine ganze Menge nicht überprüfbare Daten in OpenStreetMap. Bis jetzt haben diese größtenteils den Charakter eines inneren Forks – es gibt Mapper, die aktiv solche Dinge erfassen, die meisten Mapper ignorieren sie jedoch in ihrer Arbeit. Es gibt jedoch auch Bereiche, in denen nicht überprüfbare Angaben das normale Mapping in OSM behindern, insbesondere wenn Leute versuchen, existierende überprüfbare Tags um neue, nicht überprüfbare Bedeutungen zu erweitern.

Nicht überprüfbare Daten in OpenStreetMap kann man grob in zwei Kategorien aufteilen: Nicht überprüfbare Tags und nicht überprüfbare Geometrien. Der verbreitetste Fall nicht überprüfbarer Geometrien sind abstrakte Polygon-zeichnungen. Der traditionelle Weg in OSM ein Objekt zu erfassen, welches überprüfbar existiert, dessen Ausdehnung jedoch nicht überprüfbar ist, ist es mit einem Node zu erfassen. Die Position des Nodes wird für ein geographisches Objekt, welches zumindest begrenzt lokalisierbar ist, üblicherweise auf einen überprüfbaren Ort konvergieren – selbst wenn die Streubreite dieser Ortsbestimmung recht hoch sein kann. Mit dem Argument der praktischen Nützlichkeit oder dem dogmatischen Glauben daran, dass ein zweidimensionales Objekt in OSM immer mit einem Polygon erfasst werden sollte, bevorzugen eine ganze Reihe von Mappern es jedoch, ein Polygon zu zeichnen – selbst wenn es keine überprüfbare Grundlage für dessen Geometrie gibt.

Nicht überprüfbare Geometrie einer Bucht, gezeichnet zur Platzierung einer Beschriftung

Bei nicht überprüfbaren Tags ist die meist verbreitete Variante nicht überprüfbare Klassifikationen. Das sind Ideen wie: “Ich betrachte Objekt X als eine Instanz von Klasse A, kann aber nicht genau in abstrakter Form sagen, was Klasse A eigentlich ausmacht, so dass andere meine Klassifikation überprüfen können”. Eines der am meisten verbreiteten tags dieses Typs ist das tracktype-Tag, was seit den frühen Tagen von OSM existiert. Der psychologische Hintergrund solcher Tagging-Ideen ist meist, dass Leute sich ein einfaches, eindimensionales Klassifikationssystem für die Beschreibung einer komplexen mehrdimensionalen Realität wünschen, jedoch nicht in der Lage oder gewillt sind, dieses konsequent zu durchdenken und eine konsistente, praktisch überprüfbare Definition zu entwickeln.

importance-Tag bei Bahngleisen als Beispiel von nicht überprüfbarem Tagging

Der andere Typ nicht überprüfbarer Tags, der insbesondere in letzter Zeit populär geworden ist, sind berechenbare Informationen. Das bedeutet Angaben, die man entweder aus andere Angaben in der OSM-Datenbank ableiten kann oder aus Daten von außerhalb von OSM, die aber praktisch durch den Mapper nicht überprüfbar sind außer dass man genau diese Berechnung durchführt. Initiativen, solche Daten in OpenStreetMap aufzunehmen, basieren immer auf dem Argument der Nützlichkeit. Und obwohl es natürlich recht offensichtlich ist, dass es nicht viel Sinn macht, so was in OSM zu haben – sowohl wegen der Überprüfbarkeit als auch aufgrund des Problems der Wartung und Aktualisierung der Daten – ist der konkrete praktische Wunsch, bestimmte berechenbare Informationen fertig berechnet in der Datenbank zu haben, manchmal sehr stark.

Was helfen würde, diesen Konflikt in OpenStreetMap zwischen denjenigen, die das Prinzip der Überprüfbarkeit wertschätzen und denjenigen, für die dieses nur ein lästiges Hindernis für die Einbeziehung nützlicher Daten ist, zu lösen, wäre ein separates Datenbank-Projekt für die Sammlung solcher nicht überprüfbarer zusätzlicher Daten als Ergänzung zu OpenStreetMap. Aber obwohl sich das technisch durchaus machen ließe, ist die Notwendigkeit, hierfür eine eigene Community von Freiwilligen zu motivieren, eine erhebliche Hürde. Eines der Motive, weshalb Leute nicht überprüfbare Daten in OSM haben möchten ist ja, damit die Mapper dabei helfen, diese Daten zu erzeugen und zu pflegen.

Die letzentlich entscheidende Frage ist natürlich, ob vor dem Hintergrund von all diesem das Prinzip der Überprüfbarkeit in der Zukunft von OpenStreetMap Bestand haben wird. Ich bin mir da nicht sicher. Das hängt letztendlich davon ab, ob die Mapper-Community hinter diesem Grundsatz steht oder nicht. Was ich jedoch weiß und was ich versucht habe hier deutlich zu machen ist, dass OpenStreetMap ohne das Prinzip der Überprüfbarkeit als praktisch beherzigte Regel (als eine Regel, die nicht nur auf dem Papier existiert, sondern welcher die Mapper in der Praxis folgen) keine langfristige Zukunft hat. Es wäre also essentiell für die Zukunft von OpenStreetMap, allen, die mit dem Mappen anfangen, deutlich zu machen, dass die Akzeptanz und Wertschätzung für das Prinzip der Überprüfbarkeit als einer der Kern-Werte des Projektes die Grundlage dafür ist, in OpenStreetMap Daten zu erfassen und dass dies letztendlich Bedingung dafür ist, dass sie im Projekt als Mapper willkommen sind. Ich denke, dass das in den letzten Jahren ein bisschen vernachlässigt worden ist und dass es im Interesse der zukünftigen Tragfähigkeit des Projektes wichtig wäre, dies zu korrigieren.

11. November 2018
von chris
2 Kommentare

Muster verwalten

Beim letzten OSM-Hack-Weekend habe ich an etwas gearbeitet, was schon seit längerem ein wunder Punkt vieler Kartenstile ist. Es ist das Problem der Bilder für Flächen-Muster. Ich hab über Flächen-Muster in der Vergangenheit schon recht viel von der Gestaltungs-Seite geschrieben. Von der technischen Seite sieht die Geschichte folgendermaßen aus:

Am Anfang waren Flächen-Muster gleichbedeutend mit Raster-Bildern denn die Renderer kannten nichts anderes. An irgendeinem Punkt hat dann Mapnik Unterstützung für SVG-Muster eingeführt. Dies war und ist jedoch weiterhin hinsichtlich der unterstützten SVG-Funktionen sehr begrenzt so dass es eine Vorbearbeitung der SVG-Dateien benötigt. Das eigentliche Problem ist jedoch, dass die SVG-Muster-Wiedergabe von Mapnik kaputt ist und unter gewissen Bedingungen (siehe hier und hier) zu fehlerhaften Darstellungen führt. Der einzig sichere Weg korrekte und konsistente Darstellungs-Ergebnisse bei Karten für die Bildschirm-Anwendung zu erhalten ist also nach wie vor die Verwendung von PNG-Mustern.

Gleichzeitig ist es aber so, dass wenn man für den Druck Karten rendert PNG-Muster von Mapnik nicht wie die übrigen Elemente der Karte mit der Auflösung skaliert werden. Für den Druck möchte man also im Allgemeinen SVG-Muster verwenden.

Um das Dilemma zu lösen habe ich ein Skript geschrieben, das

  • automatisch sowohl PNG- als auch SVG-Dateien aus den SVG-Quellen erzeugt, wobei bei einfarbigen Mustern auch die Farbe geändert werden kann ohne dass man per Hand das SVG editieren muss.
  • es erlaubt, automatisch zwischen der Verwendung der PNG-Muster und den SVG-Mustern zu wechseln ohne dass man hierfür die MSS-Dateien per Hand editieren muss.
  • Voransichten der Muster mit der passenden Hintergrund-Farbe erzeugt.

Dieses Skript ist für Kartenstile auf Basis von CartoCSS+Mapnik geeignet, kann aber natürlich auch für andere Systeme angepasst werden.

Auf dem Client gerenderte Karten mit kontinuierlichem Zoom haben übrigens ihre eigenen spezifischen Probleme mit der Verwendung von Flächenmustern – was einer der Hauptgründe ist, weshalb in solchen Karten kaum Muster verwendet werden.

Vektor-Version des Swamp-Musters

Die Planung und Entwicklung davon hab ich größtenteils auf dem Hack-Weekend durchgeführt aber einige der Muster benötigten etwas zusätzliche Vorbereitung, um für die automatische Verarbeitung geeignet zu sein, was mich danach noch etwas beschäftigt hat. Dies betraf vor allem die Feuchtgebiets-Muster, welche mehrfarbig sind und in einem Raster-Prozess erzeugt wurden sowie das Fels-Muster, welches die jsdotpattern-Funktion für Rahmen-Linien verwendet, welche mit weißen Umriss-Linien gezeichnet werden, was eine Menge Arbeit erfordert um diese in eine optisch identische einfarbige Geometrie umzuwandeln. Es gibt auch noch einige ältere Muster, insbesondere verschiedene Linien-Schraffuren, um welche ich mich noch nicht gekümmert habe.

Fels-Muster reduziert auf eine einfache einfarbige Geometrie

Hier ist der aktuelle Satz an Mustern aus dem alternative-colors-Stil auf Grundlage der vom Skript erzeugten Voransichten, jede zusammengesetzt und beschnitten auf 128×128 Pixel Größe.

Muster im alternative-colors-Stil

3. November 2018
von chris
Keine Kommentare

Über OpenStreetMap-Kartographie reden

Anfang der Woche habe ich in Dresden bei der lokalen Sektion der DGfK einen Vortrag über OpenStreetMap-Kartographie gehalten. Da ich mehrere Anfragen zu den Folien dafür bekommen habe veröffentliche ich sie hier.

Der Vortrag behandelt in erster Linie offene Karten-Projekte aus der Community – im Gegensatz zu kommerziellen Karten auf OSM-Basis. Bei der Vorbereitung des Vortrags hab ich jedoch auch festgestellt, dass hinsichtlich kartographischer Innovation kommerzielle OSM-Karten im Grunde weder heute noch in der Vergangenheit eine große Bedeutung haben. Das ist ein bisschen beunruhigend, denn die Entwicklung digitaler Kartographie steht natürlich auch außerhalb von OpenStreetMap nicht still. Während OpenStreetMap also also in der Vergangenheit Vorreiter bei der Entwicklung von Techniken der digital regelbasierten Kartographie war, scheint es, dass sich heute viele kommerzielle OSM-Daten-Nutzer vollständig auf die technologische Seite der Karten-Produktion konzentrieren und recht wenig Interesse an tatsächlichem kartographischem Fortschritt zeigen.

Dabei gibt es im Grunde eine Menge Aspekte der Kartographie von digitalen interaktiven Karten, die bis jetzt oberhalb des Niveaus vom Ausprobieren zufälliger Ideen und technischer Spielerei noch kaum analysiert und diskutiert worden sind.

1. November 2018
von chris
Keine Kommentare

Aufruf Mitglied in der OSM Foundation zu werden

Am 15. Dezember sind die diesjährigen Wahlen zum OSMF-Vorstand und im Gegensatz zu letztem Jahr möchte ich dieses Thema dieses mal schon früher thematisieren mit dem Aufruf an Alle, die sich in OpenStreetMap als Mapper oder anderer Weise in ihrer Freizeit engagieren und denen das Projekt am Herzen liegt – diejenigen also, die das Herz und die Seele des Projektes sind, Mitglied in der OSMF zu werden, um bei den Wahlen teilnehmen zu können, was nur noch bis zum 15. November möglich ist (30 Tage vor den Wahlen). Das kostet 17 Euro für ein Jahr und wird nicht automatisch verlängert, man muss also nicht mit zusätzlichen Kosten durch die Hintertür rechnen.

Meine Motivation dafür ist, dass die OSMF sich sowohl was die Mitglieder als auch was den Vorstand betrifft in den letzten Jahren deutlich davon entfernt haben, die OSM-Community in ihrer Zusammensetzung und in ihren Interessen zu repräsentieren. Ich hatte dies schon bei der letzten Wahl als zunehmendes Problem angedeutet.

Ich schließe mich damit gewissermaßen dem Aufruf von Michael Reichert an, in dem er seine Analyse der Situation der OSMF detailliert dalegt. Ich stimme nicht in allen Details mit seiner Analyse überein, mit den wichtigsten Schlussfolgerungen und dem Aufruf selbst jedoch schon.

Wichtig im Auge zu behalten ist: Mitglied in der OSMF zu werden ist der einzige Weg, wie ein Mapper wirklich substantiell Einfluss auf die OSMF nehmen kann in einer Form, die nicht ignoriert werden kann. Die Hürden dafür sind hoch, das Ganze entspricht gewissermaßen eher dem amerikanischen Demokratie-Verständnis – man muss einen Monat vor den Wahlen Mitglied werden (quasi: sich für die Wahl registrieren), um eine Stimme zu haben und die Aufstellung der Kandidaten und der Wahlkampf beginnen erst nach dem Ende dieser Frist, so dass man nicht spontan entscheiden kann, zur Wahl zu gehen, um seiner Meinung Gehör zu verschaffen.

Manch einer denkt jetzt vielleicht, diese Initiative ist nur der Versuch, statt amerikanischen Konzerninteressen andere Partikularinteressen von irgendwelchen Fortschritts-Gegnern in Deutschland in den Vordergrund zu schieben. Es geht aber hier nicht darum, dass Ihr der OSMF beitreten sollt um dann in einem gewissen Sinne abzustimmen, sondern darum beizutreten, um dann so zu entscheiden, wie Ihr es im Interesse von OSM für richtig hält. Das kann im Einzelfall von Person zu Person durchaus unterschiedlich aussehen, ich bin mir aber sicher, dass sich die allermeisten Hobby-Mapper einig sind, dass die Richtung, in die die OSMF derzeit tendiert – sowohl in dem was sie tut als auch dem was sie nicht tut, die falsche ist. Was genau die richtige Richtung ist, kann und sollte dann durchaus im offenen Diskurs und im Wettstreit der Argumente entschieden werden.

Aus meiner Sicht ist das Ganze ein bisschen der letzte Versuch, die OSMF als Vertretung der Interessen des OpenStreetMap-Projektes und seiner Aktiven zu retten. Die Alternative wäre am Ende, zu versuchen, die OSMF zu begraben indem die Mapper sie einfach völlig ignorieren. Dieses Szenario hätte aber zwei bedeutende Nachteile:

  • man würde die OSMF in jeglicher Hinsicht verlieren und müsste Alternativen dazu aufbauen – das würde viel Einsatz und Engagement von Leuten erfordern, was nicht unbedingt realistisch ist.
  • eine freidrehende OSMF könnte – selbst wenn von den Mappern und sonstigen Aktiven weitgehend ignoriert – enormen Schaden am OSM-Projekt anrichten.

Kurz: Bevor man diesen Weg mit seinen Risiken und Problemen einschlägt wäre es gut, noch einmal ernsthaft zu versuchen, die OSMF in eine produktive Richtung umzusteuern, die nachhaltig im Interesse des OSM-Projektes liegt. Und das geht nur mit Mitgliedern, die sich dafür einsetzen.

Ich weiß, dass für viele Mapper die Mitgliedschaft in der OSMF nicht wirklich erstrebenswert erscheint – sich da noch mal separat anmelden zu müssen, damit die eigenen Interessen Gehör finden in einer Organisation, deren offensichtlicher Zweck es eigentlich sein sollte, genau diese Interessen zu vertreten. Und dann auch noch 17 Euro pro Jahr dafür zahlen zu müssen wo man doch schon unzählige Stunden seiner Freizeit in das Projekt investiert ist wirklich ein ziemlicher Affront. Aber wenn die Hobby-Mapper eine solide Mehrheit in der OSMF haben, dann können wir das auch ändern.

Nachtrag: Es gibt jetzt auch einen Aufruf auf Französisch – was besonders wichtig ist denn französische Mapper sind in der OSMF im Moment ganz besonders unterrepräsentiert.

18. Oktober 2018
von chris
Keine Kommentare

Sentinel-3 L2-Daten – ein kurzer Einblick

Im Juli 2017 als die ersten Sentinel-3 Level-2-Daten veröffentlicht wurden habe ich nicht wie bei den Level-1-Daten einen detaillierten Bericht geschrieben, denn mir schien es sinnvoll, auf den Rest der Daten zu warten, die insbesondere was Land-Gebiete betrifft, deutlich interessanter schienen und deshalb für ein Gesamtbild auf die Daten und eine Gesamt-Bewertung entscheidend waren. Es hat dann allerdings noch mehr als ein Jahr gedauert bis das jetzt vor ein paar Tagen tatsächlich passiert ist – mit einem Gesamt-Zeitraum vom Start des Satelliten bis zur Veröffentlichung aller Daten-Produkte von fast 32 Monaten oder mehr als einem Drittel der Lebensdauer des Satelliten.

Hier ist die aktualisierte Zeit-Linie der Veröffentlichungen von Sentinel-Daten:

  • Sentinel-1A: Start 3 Apr 2014, öffentlicher Datenzugriff ab 9 Mai 2014 (1 Monat)
  • Sentinel-2A: Start 23 Jun 2015, Daten ab Ende November 2015 (5 Monate)
  • Sentinel-1B: Start 25 Apr 2016, Daten ab 26 Sep 2016 (5 Monate)
  • Sentinel-3A: Start 16 Feb 2016:
    • OLCI L1-Daten seit 20 Okt 2016 (8 Monate)
    • SLSTR L1-Daten seit 18 Nov 2016 (9 Monate)
    • OLCI/SLSTR L2-Daten seit 5/6 Jul 2017 (>16 Monate)
    • SYNERGY L2-Daten seit 10 Okt 2018 (fast 32 Monate)
    • OLCI L1/L2 von vor 20 Okt 2016: Verfügbar seit Sep 2018.
    • SLSTR L1/L2 von vor Nov 2016/Sep 2017: 32 Monate und wir warten immer noch…
    • SYNERGY L2 von vor 10 Okt 2018: fehlen und es ist unklar, ob die jemals verfügbar werden.
  • Sentinel-2B: Start 7 Mar 2017, Daten-Zugang seit 5 Jul 2017 (4 Monate)
  • Sentinel-3B: Start 25 Apr 2018, bis jetzt 6 Monate, unklar in wie weit bereits Daten aufgezeichnet werden.

Dennoch habe ich jetzt eine kurze Einführung in die neu verfügbaren sowie die schon länger zugänglichen Level-2-Daten geschrieben. Wer sich für das Thema interessiert, sollte vermutlich zunächst das was ich zu den Level-1-Daten geschrieben habe lesen (Teil 1, Teil 2 und Teil 3) – vieles davon trifft in Analogie auch auf die Level-2-Daten zu.

Zu den neuen Daten mein Bericht auf Englisch.

13. Oktober 2018
von chris
Keine Kommentare

Software-Update für das Blog

Über die letzten Tage habe ich für dieses Blog eine neue WordPress-Version installiert und dabei auf eine neue PHP-Version gewechselt. Das hat gestern wegen fehlerhafter Tests zu einem ungeplanten Ausfall geführt. Jetzt sollte aber wieder alles funktionieren. Falls jemand noch Dinge bemerkt, die nicht mehr so laufen wie sie sollten bitte in den Kommentaren darauf hinweisen.

Bei der Installation dieses Updates habe ich bemerkt, dass ich hier über die Jahre mehr als 1700 Bilder gezeigt habe – zur Illustration hier ein Screenshot der media library:

10. Oktober 2018
von chris
Keine Kommentare

OpenStreetMap – Herausvorderungen in einer sich verändernden Welt

Ich war gerade dabei Material für einen Vortrag vorzubereiten, den ich nächste Woche auf der Intergeo in Frankfurt halten werde und habe mich dabei an ein Thema erinnert, über das ich schon seit einiger Zeit hier schreiben wollte. In dem Vortrag geht es um die Rolle von OpenStreetMap und offenen Daten im Allgemeinen bei der Entwicklung der digitalen Kartographie von einer reinen Dematerialisierung vor-digitaler Arbeitsabläufe hin zu einer regelbasierten Kartographie wo die Arbeit des Kartographen nicht mehr in der Verarbeitung konkreter Daten besteht, sondern in der Entwicklung von Regeln, welche die automatische Produktion einer kartographische Visualisierung aus generischen Geodaten steuern. Ich habe diese Idee mit einem etwas anderen Schwerpunkt bereits auf der FOSSGIS in Bonn präsentiert.

Beim Nachdenken über das Thema habe ich mich an die schon vor einiger Zeit erlangte Erkenntnis erinnert, dass der Erfolg des OpenStreetMap-Projektes zwar weit verbreitet primär auf die Idee der offenen gemeinschaftlich erfasster Daten zurückgeführt wird, dies aber nur die halbe Geschichte ist. Ich lehne mich mal ein bisschen aus dem Fenster – wenngleich man hier natürlich kaum was beweisen kann – und behaupte, dass der Erfolg von OpenStreetMap mindestens zum selben Anteil durch den revolutionären Ansatz bedingt ist, eine komplett generische Datenbank geographischer Daten zu produzieren. Im Bereich der Kartographie war dies zu dem Zeitpunkt ein völlig weltfremder und scheinbar absurder Ansatz. Und ich bin mir gar nicht sicher, ob dies tatsächlich ursprünglich eine bewusste Entscheidung war oder ob dies einfach das Glück war, das Thema ganz ohne all die Voreingenommenheiten anzugehen, die Kartographen dieser Zeit halt gewöhnlich so hatten.

Heute ist mein Eindruck meist, dass es nicht so sehr der Umfang oder die Qualität der Daten oder ihre freie Verfügbarkeit sind, die selbst eher konservative Leute in der Kartographie dazu bringt, die Bedeutung von OpenStreetMap anzuerkennen, sondern die Fähigkeit, die eigene Position in einer sich rapide verändernden Welt zu erhalten und auszubauen, ohne viel in den Grundlagen des Projektes zu ändern und fast ohne irgendwelche zentrale Steuerung des Projektes. Es gab in den letzten Jahren in der OSM-Community eine ganze Reihe von Stimmen, die eine technologische Stagnation im Projekt kritisiert haben – eine Kritik, die nicht überall ganz falsch ist. Aber eines der bemerkenswertesten Dinge an OpenStreetMap ist, dass das Projekt trotz solcher Probleme in der Lage ist, das Wachstum und die Entwicklung der letzten 14 Jahre zu ermöglichen ohne dass das Projekt in seinen Grundstrukturen je neu aufgesetzt und neu definiert wurde wie das bei vergleichbaren eher traditionellen Projekten vermutlich alle paar Jahre notwendig gewesen wäre. Und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies nicht für die absehbare Zukunft mit den selben Grundprinzipien auch weiter funktionieren kann. Wobei ich mich mit dieser Einschätzung nur auf die Kern-Prinzipien des Projektes beziehe und nicht alles, was sich mit der Zeit darum herum eintwickelt hat.

Man könnte sich also stolz zurücklehnen und denken: Alles gut. Aber das ist natürlich nicht die ganze Geschichte. Da OpenStreetMap mit seiner revolutionären Herangehensweise an die Kartographie anfangs ziemlich alleine war, musste das Projekt die meisten Dinge aus praktischer Notwendigkeit selbst entwickeln und wurde damit zu einer recht innovativen Kraft in der kartographischen Datenverarbeitung. Später kam dann das große Feld der Open-Source-Software in der Geodaten-Verarbeitung und diverse offene Standards bei Geodaten und Datendiensten dazu, welche sich parallel zu OpenStreetMap entwickelt haben, wo aber bei einigen OpenStreetMap ein bedeutendes erstes Anwendungsfeld war, so dass OpenStreetMap weiterhin in vielen Dingen Innovation in der kartographischen Technologie vorangetrieben hat (wenngleich man hier auch ein bisschen Anerkennung für Google geben sollte).

Damit, dass die institutionelle Kartographie sich zunehmend den Ideen der regelbasierten kartographischen Ansätze öffnet, sind diese Werkzeuge und die Möglichkeiten, die sie bieten aber kein exklusives Feld von OpenStreetMap mehr. Während man vor 5-8 Jahren eine Karte auf OSM-Basis meist schon aus der Entfernung aufgrund bestimmter charakteristischer Gestaltungs-Elemente als solche erkennen konnte ist dies heute nicht mehr der Fall. Kartenproduzenten kombinieren verbreitet OSM- und nicht-OSM-Daten, zum Beispiel auf Basis regionaler Aufteilungen, und das ist oft ohne dass man genau hinschaut nur schwer zu erkennen.

Anders ausgedrückt: OpenStreetMap hat seine fast vollständige Dominanz des technologischen Felds der regelbasierten digitalen Kartographie verloren. Daran ist an sich nichts schlechtes, denn OSM ist kein Technologie-Projekt, sondern ein Projekt zur gemeinschaftlichen Erfassung geographischer Daten – und in diesem Bereich nimmt seine Dominanz eher zu als ab. Dennoch hat diese Entwicklung einen erheblichen Einfluss auf das Projekt, denn OSM entwickelt sich damit nicht mehr in seinem eigenen isolierten Ökosystem, welches es anfangs aufgrund der fundamentalen Unterschiede zur traditionellen Kartographie geschaffen hat und in welchem die einzige sichtbare Konkurrenz im Grunde die kommerziellen nicht traditionellen Kartographie-Projekte waren (also Google, Here, usw.). Jetzt ist dieses Feld deutlich breiter und flacher geworden. Und auf diesem breiteren Feld finden auch andere Datenquellen Verwendung, insbesondere auf regionaler Ebene, aber auch globale, automatisch erzeugte Datensätze, andere gemeinschaftlich produzierte Daten wie Wikidata sowie weiterverarbeitete von OSM abgeleitete Daten. Mit all diesem steht OSM nun im Grunde im Wettbewerb und es gibt keine nennenswerte technologische Hürde aufgrund verschiedener kartographischer Traditionen mehr, die dem im Wege steht.

Wie bereits gesagt ergibt sich für OpenStreetMap hieraus im Grunde kein Problem als Datenproduzent. Das Haupt-Risiko hieraus resultiert in meinen Augen aus den Reflexen, mit denen viele Leute in der OSM-Community auf diese Entwicklung reagieren, weil sie diese zumindest unterbewusst doch als Bedrohung wahrnehmen.

Ich sehe hier zwei bedeutende Trends:

  • Die Abkehr vom Prinzip der generischen Geodaten und dem Grundsatz der Überprüfbarkeit, welche maßgeblich für den Erfolg von OpenStreetMap verantwortlich waren. Die Leute sehen die Stärke von OSM in der großen Gemeinschaft mit vielen Leuten aber sie haben kein Vertrauen, dass diese Stärke sich auf lange Sicht gesehen im Bereich überprüfbarer geographischer Informationen gegen die Kombination von institutionellen Datenproduzenten, Bot-Mapping und Fernerkundung erfolgreich behaupten kann. Also versucht man, den Bereich subjektiver, handgestalteter kartographischer Informationen, welchen die institutionellen Produzenten gerade zunehmend verlassen, da er für sie nicht mehr tragfähig ist, zu erschließen, also gerade den Bereich, der bis jetzt bei OpenStreetMap bewusst ausgespart ist.
  • Sich an den Annehmlichkeiten der Isolation vom Rest der Welt der Kartographie festzuhalten indem man die Welt außerhalb von OpenStreetMap ignoriert oder sie als irrelevant deklariert. Die technologische Trennung zwischen OpenStreetMap und der eher traditionellen Kartographie hat schon immer ein gewisses Risiko der Selbstbezüglichkeit mit sich gebracht, insbesondere mit dem Wachstum des Projektes. Die breite Nutzung von OSM-Daten auch außerhalb der unmittelbaren Umgebung des Projektes hat dem bis jetzt allerdings recht erfolgreich entgegen gewirkt. Aber dennoch gibt es einen gewissen Trend in der OSM-Community, die Komplexität der Welt auszublenden und irgendwie zu versuchen, selbstgenügsam in der eigenen Welt weiter zu arbeiten.

Ich glaube, dass diese beiden Trends – egal ob diese jetzt ausschließlich eine Reaktion auf die beschriebenen Entwicklungen sind oder ob da auch noch andere Faktoren hineinspielen – zu den größten Herausforderungen zählen, denen OpenStreetMap derzeit gegenüber steht. Wie gesagt sind die Kern-Prinzipien des Projektes (generische, überprüfbare Geodaten auf Grundlage des lokalen Wissens der Beitragenden) im Grunde eine solide Basis, welche das Projekt vermutlich für die absehbare Zukunft tragen können – jedoch nur, wenn die OSM-Community auch Vertrauen und Unterstützung für diese Prinzipien mitbringt.

Ich werde vermutlich noch detaillierter in einem zukünftigen Beitrag zu den Tendenzen gegen die Überprüfbarkeit von Daten in OSM schreiben.

Eine andere damit verbundene Entwicklung ist, dass während im OpenStreetMap-Ökosystem eine umfassende Dominanz von Open-Source-Software herrschte die Welt der institutionellen Kartographie seit jeher auch stark von proprietärer Software geprägt ist, Es ist kein Zufall, dass Esri vor ein paar Monaten einen Kartendienst auf Grundlage proprietärer Software vorgestellt hat, der recht klar dem OSM-Standardstil nachempfunden ist, welcher gewissermaßen ein Sinnbild für die regelbasierte Kartographie in OpenStreetMap darstellt. Es ist klar, dass die Anbieter proprietärer kartographischer Software sich aus der regelbasierten Kartographie nicht raushalten möchten. Und bei den institutionellen Kunden hat man hier auch gar keine schlechten Startbedingungen.

Dies ist natürlich weniger für OpenStreetMap direkt eine Herausforderung als für die OSGeo-Welt.

22. September 2018
von chris
Keine Kommentare

Die Essenz von OpenStreetMap

Frederik hat gestern im deutschsprachigen OSM-Forum gefragt, was die verschiedenen Aktiven im Projekt als die Essenz von OpenStreetMap wahrnehmen (im Sinne von “Was sind die essentiellen Eigenschaften von OSM, ohne die es nicht mehr OSM wäre?”). Das ist eine sehr interessante und wichtige Frage. Und ich glaube, dass die Meinungen dazu und wie sich diese mit der Zeit entwickeln sehr viel über den Zustand und die Entwicklung des Projektes aussagen. Leider ist es natürlich schwierig, auf eine so abstrakte und schwierige Frage in der Breite präzise Antworten zu bekommen.

Hier mein Versuch dazu. Für mich sind folgende Faktoren von übergeordneter Bedeutung:

  • Erfassung der Daten von Menschen für Menschen – d.h. die Datenerfassung ist unter der Kontrolle und Verantwortung von gleichgestellten Einzelpersonen und der Zweck der Datenerfassung ist primär die Nutzung durch Einzelpersonen.
  • Überprüfbarkeit der Daten – der Kern hiervon ist für mich insbesondere die konzeptionelle Abgrenzung von Projekten wie Wikipedia, welche die Beobachtung vor Ort ablehnen und stattdessen die die gesellschaftlich dominierende Vorstellung der Realität abbilden wollen (a.k.a. Tagesschau-Wahrheit).
  • Was die nicht direkt Mapping-orientierten Teile des OpenStreetMap-Projektes angeht – ich denke dabei vor Allem an Tagging-Diskussionen, Entwicklungs-Arbeiten oder das Aufstellen und die Diskussion von praktischen Regeln usw. – ist das meritokratische Prinzip für mich von essentieller Bedeutung. Die Idee dahinter ist, dass Entscheidungen immer auf Grundlage einer sachlichen Diskussion auf Basis von inhaltlichen Argumenten und überprüfbaren Belegen erfolgen.
  • Der soziale Vertrag – bestehend auf der einen Seite in der offenen Lizenz mit der Pflicht zur Quellen-Nennung und dem share-alike der Daten als sozialer Vertrag zwischen den Mappern und den Datennutzern. Auf der anderen Seite aber besteht ein solcher Vertrag auch unter den Mappern – durch das Prinzip “Gleiche Regeln für alle” sowie das Primat der lokalen Community (die lokalen Mapper haben die Hoheit über ihre Karte).

Wie die Meisten vermutlich erkennen, sind diese Grundsätze eng miteinander verwoben, einen Einzelnen davon zu entfernen würde zu erheblichem Ungleichgewicht und zu sozialen Verwerfungen im Projekt führen.

Dass diese Grundsätze von Einzelnen in Frage gestellt werden ist etwas, das seit Langem immer wieder vorkommt und für sich genommen kein Problem, sondern eher wünschenswert, da man dadurch dazu angeregt wird, eigene Prinzipien zu hinterfragen. Eine Frage, die ich mir erst in jüngerer Zeit gestellt habe, ist jedoch, ob es eigentlich unter den Aktiven in OpenSteetMap noch eine Mehrheit für diese Grundsätze gibt. Wenn jemand die Annehmlichkeiten und den Erfolg des Projektes schätzt, bedeutet das nicht zwangsläufig auch, dass er oder sie sich die Grundsätze, die zu diesem Erfolg geführt haben und für den zukünftige Erfolg entscheidend sind, auch zu eigen macht. Was ich in letzter Zeit recht häufig beobachte ist, dass Leute – oft aus einer sehr kurzsichtigen und egoistischen Motivation heraus – Kernprinzipien des Projektes in Frage stellen ohne sich klar zu machen, dass sie damit quasi an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen.

Die oben aufgezählten Grundsätze sind natürlich meine persönliche Einschätzung der Essenz von OpenStreetMap. Andere mögen hier andere Schwerpunkte sehen. Aber ich würde Allen raten auch mal darüber zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen, ob

  • die von einem wahrgenommene Essenz von OpenStreetMap tatsächlich in der Lage ist, das Projekt langfristig zu tragen.
  • die Grundsätze von einer Mehrheit der OSM-Aktiven geteilt werden.

19. September 2018
von chris
Keine Kommentare

Arktischer Herbst

Der nordhemisphärische Sommer war diese Jahr – obwohl er in Europa viel trockenes und sonniges Wetter gebracht hat – für die Arktis ein recht gemäßigter Sommer mit recht begrenzten Aufnahme-Möglichkeiten für gute Satellitenbilder, insbesondere bei sehr hohen Breiten. Der USGS hat auch diese Jahr wieder mehrere Bildreihen im Norden Grönlands außerhalb der regulären Landsat-Abdeckung aufgenommen (ich habe darüber schon früher geschrieben) – aber da diese Aufnahmen fest auf Path 40 begrenzt werden und keine Anpassung an die Wetter-Situation vorgenommen wird, ist das Ergebnis in den meisten Fällen sehr wolkig. Die besten Bilder von diesem Jahr stammen vom September wo jedoch bereits ein bisschen frischer Schnee gefallen ist. Ich habe diese Bildreihe ergänzt mit weiteren Bildern aus dem selben Zeitraum, um ein etwas größeres Mosaik des nördlichsten und gleichzeitig auch abgelegensten Teils der nördlichen Hemisphäre zu produzieren:

Bildaufnahmen bei hohen Breiten sind wie ich bereits früher mal erläutert habe durch deutlich stärkere Unterschiede in der Beleuchtung als bei niedrigen Breiten charakterisiert, was bei der Zusammensetzung zusätzliche Probleme bereitet. Die off-Nadir-Aufnahmen, welche den nördlichen Teil dieses Bildes definieren, zeichnen sich dadurch aus, dass die Aufnahmen am Anfang im Osten eine deutlich spätere lokale Aufnahme-Zeit aufweisen als im Westen. Das klingt intuitiv etwas absurd, ist aber logisch wenn man bedenkt, dass der Satellit hier in diesem Bereich schneller von Ost nach West fliegt als die tageszeitliche Bewegung der Sonne.

Durch den niedrigeren Sonnenstand ergibt sich eine stärkere Filterung des Lichtes durch die Atmosphäre und ein höherer Anteil an indirekter Beleuchtung, was zu einem insgesamt rötlicherem/violetterem Farb-Eindruck führt. Zur Anpassung daran habe ich für den Bereich weiter südlich nach Möglichkeit Aufnahmen verwendet, die eine ähnliche Charakteristik aufweisen – was natürlich nur begrenzt möglich ist durch die Rahmenbedingungen des Wetters und der Aufnahme-Pläne.

Hier ein paar Ausschnitte aus dem Mosaik:

Das Mosaik ist für eigene Verwendungen verfügbar im Katalog auf services.imagico.de.

Eine andere Gegend der Arktis, die ich hier zeigen möchte, ist das Matusevich-Schelfeis in Sewernaja Semlja. Ich habe über dessen Rückgang in den letzten Jahrzehnten in einem früheren Beitrag geschrieben. Diese Jahr konnte man bei den wenigen Gelegenheiten für einen wolkenfreien Blick beobachten, dass die Verbindung zur Karpinsky-Eiskappe jetzt fast verschwunden ist und der kleine Rest des Schelfeises lediglich Zuflüsse von der Rusanov-Eiskappe behält. Hier ein Sentinel-2-Bild von Ende August wo – wie im Norden Grönlands – bereits ein bisschen Neuschnee zu sehen ist.

Zum Vergleich hier eine Ansicht der Gegend von 2016 – Bilder von noch früher finden sich unter dem Link oben.