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OpenStreetMap-Carto – ein Blick zurück auf das letzte Jahr

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Vor etwa neun Monaten bin ich Mit-Betreuer von OpenStreetMap-Carto geworden, dem Kartenstil welcher auf openstreetmap.org gezeigt wird und in vielerlei Hinsicht das öffentliche Bild des OpenStreetMap-Projektes darstellt.

Während dieser Zeit gab es eine Reihe recht bedeutender Änderungen im Projekt, die meisten davon sind jedoch nicht unmittelbar sichtbar für den Nutzer der Karte. Ich möchte hier einen Blick auf diese Änderungen und den aktuellen Status des Projektes werfen, ein bisschen über seine Geschichte und seine Zukunft nachdenken, und ich möchte auch auf meine persönlichen Ziele des letzten Jahres in diesem Projekt zurückblicken und was ich davon erreicht habe und was nicht.

Ich habe bevor ich Betreuer wurde deutlich mehr an den eigentlichen Funktionen des Kartenstils gearbeitet als danach – was auch meinem Verständnis der Rolle eines Betreuers entspricht als jemandem der in erster Linie berät und beaufsichtigt. Meine Hauptziel nach der Ernennung zum Betreuer war es, klarere Ziele und Richtlinien für die Arbeit am Stil zu entwickeln und zu etablieren. Bis zu dem Zeitpunkt gab es so gut wie keine dokumentierten kartographischen Richtlinien in OpenStreetMap-Carto und für neue Mitwirkende am Projekt ist es oft schwierig einzuschätzen, was für Änderungen erwünscht ist und welche eher nicht.

Es ist mir gelungen, eine Reihe von Zwecken und Zielen für den Kartenstil zu definieren. Das ist recht wichtig, denn was der Zweck eines Kartenstils ist, ist keine einfache Frage, insbesondere bei einer Karte, die für so viele unterschiedliche Anwendungen eingesetzt wird wie OSM-Carto. Was ich jedoch nicht geschafft habe ist die Etablierung konkreter praktischer Richtlinien für die Entwicklung, welche den Zweck haben sollten, den Entwickler bei der praktischen Arbeit zu unterstützen. Meine Vorschläge hierzu fanden keine allgemeine Zustimmung und es gab auch keine Alternativvorschläge so dass wir uns letztendlich nicht auf etwas in dieser Richtung einigen konnten.

Dies bringt mich zu einer bedeutenden organisatorischen Änderung in OSM-Carto im letzten Jahr. Mit der Bestellung von drei zusätzlichen Betreuern ist die Gruppe der Betreuer sowohl größer als auch deutlich weniger homogen hinsichtlich Interessen, Hintergründen und Sichtweisen ihrer Mitglieder geworden. Hierdurch wurden Konsens-Entscheidungen zunehmend schwierig. Deshalb wurde die Entscheidung getroffen, das Konsens-Prinzip als Grundlage von Entscheidungen aufzugeben und den einzelnen Betreuern mehr Autonomie zu geben.

Im Grunde bedeutet dies, dass jeder Betreuer Änderungen machen oder Änderungen von Nicht-Betreuern akzeptieren kann selbst wenn andere Betreuer Einwände dagegen haben. Diese Änderung in der Arbeitsweise verhindert die Blockade von Änderungen am Stil, wenn kein Konsens dazu gefunden werden kann (was bis dahin recht oft vorkam), sie reduziert jedoch auch deutlich den Druck auf die Betreuer, eine gemeinsame Strategie und Vision für die Gesamt-Richtung des Stils zu entwickeln und zu erhalten.

Das Ganze macht durchaus Sinn für ein Projekt, welches Teil von OpenStreetMap ist, was ja weitgehend auf Prinzipien der do-ocracy aufgebaut ist. Jedoch wird sich erst mit der Zeit herausstellen, ob das Ganze in einem Karten-Gestaltungs-Projekt auch funktioniert. Das hat eine Menge damit zu tun, wie Methoden der Zusammenarbeit skalieren und wie sie Qualität sicherstellen. OSM-Carto ist was Kartenstile angeht ein recht großes Projekt. Gleichzeitig ist Gestaltungsarbeit nur sehr schwer in unabhängige Komponenten aufzuteilen, denn im visuellen Ergebnis hängt alles am Ende sehr stark zusammen. Meiner Meinung nach kann ein Projekt dieser Größe und Komplexität nur nach einem der folgenden Prinzipien funktionieren:

  1. Es gibt eine zentrale Autorität, welche letztendlich alle wichtigen Entscheidungen trifft. Dies war der Fall als bei OSM-Carto Andy noch der einzige Bertreuer war.
  2. Diejenigen in Entscheidungspositionen arbeiten zusammen und zwar nicht nur für gemeinsame Ziele, sondern auch mit einer gemeinsamen Vision dafür wie diese erreicht werden sollen. Dies erfordert ein großes Maß an Gemeinsamkeit und Kompatibilität zwischen denjenigen, die Entscheidungen fällen.
  3. Es gibt grundlegende Richtlinien für die Arbeit, welche universell gelten und letztendlich vom Projekt durchgesetzt werden, wodurch ein Mindestmaß an Homogenität und Konsistenz in den Ergebnissen sichergestellt wird sowie ein verlässliches Arbeitsumfeld für die Mitarbeiter. Dies ist zum Beispiel der Fall beim Mapping in OpenStreetMap. Die Richtlinien sind hier im Wesentlichen beschrieben unter How We Map und Good practice. Und diese Richtlinien werden letztendlich durch die DWG durchgesetzt falls die Mapper das nicht selber schaffen.

Der Punkt ist, dass der erste und zweite skizzierte Weg Probleme bereiten, wenn das Projekt sehr groß ist – wie zum Beispiel beim Mappen in OSM wo hunderttausende regelmäßig Beiträge leisten und wo diese Ansätze nicht funktionieren würden. Dies ist auch der Grund, weshalb OSM-Carto im letzten Jahr vom Konsens-Prinzip abgerückt ist. Für einen Kartenstil wie OSM-Carto wären diese Wege immer noch gangbar, jedoch würde dies eine recht strikte Hierarchie im Projekt und eine strikte Arbeitsteilung mit unterschiedlichen Aufgaben für die Beteiligten erfordern – was in einem offenen Gemeinschafts-Projekt nicht unbedingt funktioniert. Große kommerzielle Design-Projekte (man denke zum Beispiel an Architektur, Industrie-Design oder Mode) verwenden im Allgemeinen den ersten oder zweiten Ansatz. Oft gibt es daneben bei so was aber auch umfangreiche Dokumentierte Richtlinien zur Gestaltung. Die Frage welche bis jetzt niemand beantworten kann ist, ob der dritte Weg für ein kartographisches Design-Projekt wie einem Kartenstil auf Dauer funktionieren kann, insbesondere wenn es keine klaren praktischen Regeln für Gestaltungsentscheidungen gibt, die von Jedem akzeptiert werden und nach denen Änderungen bewerten werden.

Ein praktisches Problem mit Do-ocracy im Allgemeinen – und zwar noch mehr als bei anderen Organisations-Formen – liegt in dem permanenten Risiko, dass diese sich in eine Oligarchie der Leute in Machtpositionen entwickeln (welche diese erreichen, indem sie Dinge tun – deshalb ja auch do-ocracy) wo diese sich mehr darum bemühen, weiter Dinge tun zu können als darum, das Projekt offen und einladend für potentielle Mitarbeiter zu halten und dass es seinen Zweck erfüllt. Es gibt in Do-ocracy keinen inneren Mechanismus, durch welchen die beteiligten Leute sich um das Allgemeinwohl bemühen oder dafür belohnt werden, dies zu tun. Bei OSM als Ganzes und als Mapping-Projekt im Speziellen ist der wichtigste regulierende Effekt, dass niemand die ganze Welt alleine erfassen und aktuelle halten kann – oder auch nur eine Großstadt. Mit andere Mappern zusammen zu arbeiten – und zwar nicht nur mit einer Hand voll mit denen man viele Sichtweisen teilt, sondern mit einer großen Menge von Leuten weltweit – ist eine inherente Notwendigkeit der Erfassungs-Arbeit in OSM wodurch Do-ocracy hier weitgehend selbstregulierend wird. Bei einem Kartenstil jedoch, selbst wenn er so komplex ist wie OSM-Carto, ist dies anders. So etwas erfordert keine große Anzahl von Leuten, es lässt sich vermutlich sogar im Allgemeinen einfacher an so was Arbeiten, wenn bei den Entscheidungen nur eine kleine Anzahl von Leuten involviert ist. Natürlich ist OSM-Carto in der Vergangenheit bereits im Grunde ein aristokratisches/meritokratisches System gewesen, was auch eine Form der Oligarchie ist.

Eine andere große und eher technische Änderung in OSM-Carto im letzten Jahr war das Neuaufsetzten der Datenbank und der Wechsel zu einer hstore-Datenbank, wodurch endlich die Begrenzungen was für Tags im Stil verwendet werden können, weggefallen sind. Auch wurde in diesem Rahmen die Unterstützung für Multipolygone im alten Tagging-Stil abgeschafft. Diese Änderung ist im Grunde das Ergebnis von mehreren Jahren Arbeit. Ich war daran nur am Rande beteiligt. Obwohl diese Entwicklung nur recht wenige direkt sichtbare Wirkungen hat, ist sie eine wichtige Grundlage für zukünftige Änderungen.

In eine ähnliche Richtung ging der frühere Wechsel (von Ende 2016) zu Mapnik 3 und zu neueren CartoCSS-Versionen, was die Nutzung neuerer Funktionen erlaubte, welche zuvor nicht verwendbar waren. Dennoch ist der Stil nach wie vor oft vor allem durch den sehr konservativen Funktionsumfang von Mapnik und CartoCSS begrenzt, was eine Menge Dinge, die recht nützlich wären, entsätzlich aufwändig macht.

So weit mein Blick zurück auf das letzte Jahr. Im nächsten Beitrag werde ich dann ein bisschen in die Zukunft von OSM-Carto schauen.

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