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Über Beständigkeit in IT und Kartographie

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Viele meiner Leser dürften vermutlich davon gehört haben, dass das Unternehmen Mapzen den Betrieb einstellt. In diesem Zusammenhang hat der CEO von Mapzen Randy Meech einen Text zur Vergänglichkeit und Beständigkeit im Technologie-Geschäft veröffentlicht (oder besser: erneut veröffentlicht), welcher mich an ein Thema erinnert hat, über welches ich schon seit längerem mal schreiben wollte.

Als ich vor über 10 Jahren mit der Produktion von 3D-Geovisualisierungen angefangen habe, waren diese sowohl technologisch als auch gestalterisch recht einzigartig. Nach meinen heutigen Maßstäben betrachtet sind in diesen frühen Arbeiten in mehrerer Hinsicht eine Menge Einschränkungen zu erkennen – sowohl durch das Fehlen von Kenntnissen und Erfahrungen von meiner Seite in diesem Gebiet als auch durch die begrenzte Qualität der verfügbaren Daten und durch die erheblichen Beschränkungen der Computer-Hardware zu der Zeit. Aber damals war dies in vieler Hinsicht allen anderen in diesem Bereich weit voraus (und ist es in Teilen immer noch).

Eine meiner frühen 3D-Geo-Visualisierungen von 2006

Heute, mehr als zehn Jahre später, hat sich sowohl in der Qualität der Ergebnisse als auch in der darunter liegenden Technologie eine Menge verändert. Aber es gibt auch einige Elemente, die fast gleich geblieben sind, insbesondere die Verwendung von POV-Ray als Rendering-Engine.

Eine neuere Ansicht, produziert 2015

Randy hat in seinem Text über die ältesten Unternehmen der Welt philosophiert und wenn man eine Liste der ältesten immer noch verwendeten Endbenutzer-Computer-Programme aufstellen würde, dann wäre dort POV-Ray ziemlich weit oben, denn dessen Ursprünge reichen bis 1987 zurück. Das ist nicht so alt wie TeX, aber dennoch recht bemerkenswert.

Was bewirkt, dass Programme wie TeX und POV-Ray sich in einer Welt behaupten, wo sich in beiden Fällen – entweder parallel oder im Anschluss zum Beginn dieser Programme – eine milliardenschwere Industrie entwickelt, deren Entwicklung in eine vollständig andere Richtung geht, die jedoch in vielerlei Hinsicht um die selben Aufgaben konkurriert (in diesem Fall Textsatz und die Produktion von 3D-Darstellungen)?

Die Antwort darauf ist, dass beide Programme auf Ideen basieren, welche in gewisser Hinsicht zeitlos und radikal sind und die dennoch gezielt für den Produktivbetrieb entwickelt wurden.

Im Fall von POV-Ray ist die zeitlose und radikale Idee das Rückwärts-Raytracing in Reinform. Es gab in den 1990er-Jahren dutzende Projekte aus der Informatik-Forschung, welche den selben Ansatz verfolgten, aber keines davon ist ernsthaft für den Produktions-Einsatz entwickelt worden. Es gab auch dutzende Rendering-Engines – sowohl Open Source als auch proprietär, welche für den Produktions-Einsatz gedacht waren, die jedoch alle das Konzept des Rückwärts-Raytracing aufgeweicht haben, denn man wollte von den Vorteilen der Verfahren des Hardware-beschleunigten 3D, welches damals die kommerziell bedeutenden Computerspiel- und Filmindustrie dominierten, profitieren.

Da POV-Ray im Grunde der einzige reine Raytracer war, war es auch die einzige Plattform, welche die Direkt-Darstellung impliziter Oberflächen umsetzen konnte. Ryoichi Suzuki, der dies implementiert hat, hat 2001 übrigens erwähnt, dass dies auf einer damals schon 15 Jahre alten Idee basierte, was das Ganze jetzt über 30 Jahre alt macht. Die Isosurface-Implementierung in POV-Ray ist die Grundlage aller meiner 3D-Erddarstellungen.

In Hinblick auf die gesamte kulturelle und technologische Entwicklung sind zehn oder 30 Jahre natürlich gar nichts. Längerfristig werden POV-Ray und meine 3D-Karten-Gestaltungen vermutlich in Vergessenheit geraten. Und vielleicht sind die zugrunde liegenden zeitlosen und radikalen Ideen ja gar nicht so zeitlos, wie ich es dargestellt habe. Was man jedoch mit Sicherheit sagen kann ist, dass der kurzfristige wirtschaftliche Erfolg kein Indikator für die langfristige Tragfähigkeit und Bedeutung einer Idee für den gesellschaftlichen Fortschritt ist.

Wenn ich jetzt mehr auf die Kartographie und Karten-Gestaltung schaue – ein Gebiet, mit dem die meisten meiner Leser vermutlich besser vertraut sind – Unternehmen wie Mapbox/Google/Here/Esri usw. konzentrieren sich da auf kurzfristige Lösungen für ihren akuten Bedarf im Geschäft – genau wie in den 1990er Jahren Unternehmen im Bereich 3D-Rendering in der Implementierung von Scanline-Techniken in spezialisierter Hardware einen tragfähigen und profitablen Weg gefunden haben, um die Art von 3D-Darstellung in geringer Qualität zu produzieren, wie wir sie aus den Computerspielen und Filmen der damaligen Zeit kennen.

Kaum jemand in Unternehmen wie Google oder Mapbox, insbesondere niemand in Entscheidungs-Positionen, hat die langfristige Vision eines Donald Knuth oder Eduard Imhof. Das liegt nicht nur daran, dass solche Leute kaum motiviert sind, für diese Unternehmen zu arbeiten, sondern auch daran, dass so etwas enorm gefährlich für den kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg wäre.

Mapzen hat sich immer so präsertiert, als wären sie weniger am kurzfristigen Erfolg interessiert als andere Unternehmen und vielleicht hat das letztendlich ihren Untergang mit bewirkt. Gleichzeitig hatte man aber nicht die zeitlosen radikalen Ideen und die Energie und Vision, diese zu verfolgen, um so etwas wie TeX oder POV-Ray zu schaffen, womit man sich hätte definieren können und einen langfristigen Vorsprung gegenüber den großen Spielern wie Google oder Mapbox erreichen könnte. Was Mapzen produziert hat, sind weitgehend Produkte gewesen, welche Lemming-haft den selben kurzfristigen Trends gefolgt sind, wie die anderen Mitspieler. Sicherlich gab es punktuell innovative Ideen im Detail aber nichts wirklich radikales, wodurch man sich hätte absetzen können.

Mapzen hat eine Menge seiner Produkte als Open Source veröffentlicht und damit versucht, sicherzustellen, dass nach dem Ende des Unternehmens diese Produkte weiterleben können. Das ist jedoch keine Versicherung gegen den Bedeutungsverlust. Es gibt in den Weiten des Netzes Unmengen an Open-Source-Programmen, welche niemand mehr anschaut.

Obwohl die Veröffentlichung von Entwicklungen als Open Source lobenswert und bedeutend ist für Innovation und Fortschritt insgesamt – TeX und POV-Ray hätten sich als konkrete Programme sicher nicht so lange gehalten, wenn sie nicht Open Source gewesen wären – sollte man klar erkennen, dass der entscheidende Faktor am Ende ist, dass

  • es eine substantiell innovative Idee gibt,
  • diese Idee konsequent zu ihrem wirklichen Potential hin entwickelt wird,
  • die Idee für die praktische Anwendung entwickelt und darin demonstriert wird,
  • die Idee öffentlich geteilt und kommuniziert wird und
  • die Idee einen substantiellen kulturellen oder technologischen Fortschritt gegenüber den bestehenden und näheren zukünftigen Alternativen bietet – was man, wenn überhaupt, meist nur im Nachhinein abschätzen kann.

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